Unterhaltung
CDs kauft sich kaum noch jemand. Musik sammelt man heute digital - gerne ohne dafür zu bezahlen.
CDs kauft sich kaum noch jemand. Musik sammelt man heute digital - gerne ohne dafür zu bezahlen.
Freitag, 14. August 2015

Raubkopierer und Musikindustrie: Eine ganze Generation begeht ein Verbrechen

Von Anna Meinecke

Er schnappt sich CD-Alben, schmuggelt sie hinter einer riesigen Gürtelschnalle, lädt sie auf seinen Computer, stellt sie ins Netz. Dell Glover ist der größte Musikpirat der Geschichte. Das Buch "How Music Got Free" erzählt von ihm und denen, die es ihm gleichtaten.

Eines Tages war die Musik einfach da. Sie war noch nicht immer da gewesen. Lange Zeit wühlten sich Musikenthusiasten durch Flohmarktkisten, belagerten Plattenläden - nur um dann nach ewigem Suchen einmal ein ganz besonderes Exemplar zu ergattern. Sie waren Jäger, sie liebten die Herausforderung. Eine große Musiksammlung lässt sich heute mit Leichtigkeit erstellen. Man braucht nicht einmal mehr Platz dafür. Viele kleine Dateien auf einer Festplatte: Willkommen im digitalen Zeitalter.

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Dass unzählige Konsumenten für die MP3-Dateien auf ihrem Computer nicht einen Cent bezahlt haben, ist kein Geheimnis. Musik- und Filmpiraterie ist an der Tagesordnung. Alle machen es, viele finden es falsch - so richtig schuldig fühlt sich niemand. Stephen Witts erstes Buch "How Music Got Free" erzählt von den Ursprüngen - davon, wie ein paar Wenige um die Jahrtausendwende herum eine ganze Branche zum Wanken brachten. Und wie aus kleinen Verbrechen eine ganze Kultur des Rechtsbruchs entstand.

Drei wesentliche Charaktere führt Witt dabei ins Feld: Karlheinz Brandenburg, eine Schlüsselfigur bei der Erfindung der MP3-Datei, Doug Morris, einstiger Chef von Universal Music, und Dell Glover, Mitarbeiter einer CD-Fabrik in North Carolina, der still und leise zum größten Piraten in der Musikgeschichte wurde.

"Niemand hat mich je gefragt"

(Foto: Amazon)

"Mann, niemand hat mich je gefragt", erklärt Glover dem Autor, als der wissen will, wieso noch niemand seine Geschichte hat. Dafür hätte ihn ja auch erst einmal jemand aufspüren müssen. Es ist bereits unwahrscheinlich, dass jemand im Zeitraum von acht Jahren beinahe 2000 Alben noch vor der Veröffentlichung leakt. Noch viel unwahrscheinlicher allerdings ist es, dass derjenige damit hausieren geht.

Geschnappt hat man Glover schließlich trotz seiner Verschwiegenheit. Weil er mit dem FBI kooperierte, kam er jedoch bereits nach drei Monaten wieder auf freien Fuß. Witt meint, er hätte sich einfach nur ein wenig Geld dazu verdienen wollen - für neue Felgen. Das muss man vielleicht nicht ganz glauben.

Der deutschsprachige Untertitel von "How Music Got Free" betitelt Clover treffend: Er ist ein Gauner. Und so braucht die Geschichte an seiner Seite noch den tragischen Helden, Brandenburg, der mit seinem Team nicht nur das MP3-Format erfand, sondern auch entsprechende Codierungs-Software umsonst im Internet anbot, ohne die das Rippen von Audio-CDs nicht möglich gewesen wäre. Und sie braucht mit Plattenboss Morris einen doofen bis cleveren Alten, der erklärend für eine Branche herhalten muss, die zeitweilig bereits ihr letztes Stündlein schlagen hörte.

Musiker ohne Macht

Mit etwas überzeichneten Charakteren und stellenweise vielleicht zu viel Begeisterung gibt Witt einen leicht zugänglichen und umfassenden Überblick über den Wandel des Geschäfts mit den Songs. Er ist hervorragend, wenn er ausbreitet, wie einst Apples iTunes antrat, Kunden an Downloads gegen Geld zu gewöhnen. Und er ist herrlich ehrlich, wenn er von seiner Studienzeit berichtet, als er selbst Musik teilte - nicht klaute, das ist in der Szene wichtig.

Man muss Musikpiraterie nicht als Subkultur romantisieren, um anzuerkennen, dass ihre Pioniere ein Abenteuer erlebten - auch wenn es dabei gar nicht immer um Musik ging, sondern um Macht und auch um Widerstand. Etablierte Labels kämpften gegen ein paar PC-Profis. Als bitterer Nachgeschmack bleibt die Tatsache, dass in der Umwälzung ihres eigenen Marktes die Musiker selbst keine besonders wesentliche Rolle spielten. Mit Blick auf Spotify & Co. lässt sich feststellen: Jedenfalls daran hat sich auch heute kaum etwas geändert.

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Quelle: n-tv.de