Unterhaltung
In "Human Flow" lässt der chinesische Künstler Ai Weiwei sich in einem Flüchtlingslager auch die Haare schneiden.
In "Human Flow" lässt der chinesische Künstler Ai Weiwei sich in einem Flüchtlingslager auch die Haare schneiden.(Foto: 2017 Human Flow UG)
Donnerstag, 16. November 2017

Ai Weiwei zeigt "Human Flow": "Es ist einfach nur schändlich!"

Ai Weiwei hat einen Film über Flucht gedreht. Der Mann, der einst aus China floh, begegnet darin persönlich Menschen, die ihr Land verlassen - wie er einst und doch anders. Im Gespräch mit n-tv.de ätzt der Künstler über deutsche Nörgelei, vergleicht sich mit einem Comic-Helden und verrät, wo er seine Heimat gefunden hat.

n-tv.de: Für "Human Flow" sind Sie in mehr als 20 Länder gereist und haben rund 40 verschiedene Flüchtlingslager besucht. Haben Sie Hoffnung für die Menschen dort?

Datenschutz

Ai Weiwei: Nein. Ich konnte zunächst gar nicht fassen, was da passiert. Ich stand an der Küste von Lesbos und habe gesehen, wie sich Menschen voller Verzweiflung nähern. Sie haben alles aufgegeben, sie haben ihr Leben riskiert. Einige Kinder kamen ohne Begleitung von Erwachsenen. Ihre Eltern hatten nicht genug Geld, um die Schmuggler zu bezahlen. Als sie die Küste erreicht hatten, hat sie niemand in Empfang genommen. Ein paar freiwillige Helfer vielleicht. Aber die Regierungen der europäischen Länder unterstützen das nicht. Ich stand da und habe meinen Kopf geschüttelt. Heute scheint mir die Situation noch weniger lösbar als damals. Die Lage hat sich verschlechtert. Ich weiß jetzt, was menschliche Grausamkeit bedeutet. Wie gleichgültig die Europäer beziehungsweise Europas Politik sein kann. Was für eine Schmach!

Sie haben auch Geflüchtete besucht, die an den EU-Außengrenzen ausharren.

Grenzen gab es in der Geschichte der Menschheit durchweg. Empörend an unserer Situation ist, dass die Menschenrechte nicht verteidigt werden. Das kann ich nicht akzeptieren.

Auch Sie sind gezwungen, im Exil zu leben. Empfinden Sie eine besondere Verbindung zu geflüchteten Menschen?

Ich fühle mich menschlich. Menschlicher denn je zuvor. Und hier geht es um die Natur des Menschlichen. Ich fühle mich Geflüchteten verbunden insofern, als sie sich in einer gefährlichen Lage befinden und Sicherheit suchen. Was sie brauchen, ist Akzeptanz.

Bei den Dreharbeiten zu "Human Flow" war Ihr Sohn dabei. Wie haben Sie ihm die Situation erklärt?

Für "Human Flow" begleiteten Ai Weiwei und sein Team Menschen auf der Flucht.
Für "Human Flow" begleiteten Ai Weiwei und sein Team Menschen auf der Flucht.(Foto: 2017 Human Flow UG)

Das konnte ich ihm nicht erklären, er kann es nicht verstehen. Ich hoffe aber, es wird ihm irgendein Eindruck bleiben. Am Neujahrstag hat er bemerkt, dass die Kinder in einem Camp kein Licht hatten. Es war kalt, nass und sie saßen im Dunkeln. Wir haben uns dann aus Berlin "Little Sun"-Leuchten des Künstlers Olafur Eliasson schicken lassen.

Solarbetriebene LED-Lampen, die man auch an einem Band um den Hals tragen kann.

Ja. Die haben wir im Camp verteilt. Es ist nur eine kleine Erfahrung für meinen Sohn gewesen. Vielleicht vergisst er sie schnell wieder.

Haben Sie das Gefühl, den Menschen in den Unterkünften aktiv helfen zu müssen?

Es geht um mehr als ein bisschen Geld und Versorgung. Die Menschen brauchen nicht nur Lebensmittel, trockene Schuhe oder eine Tasse Tee. Sie brauchen Verständnis. In den Medien werden sie als hochgefährlich dargestellt. Vonseiten der Politik aus lässt man sie leiden, damit nicht noch mehr Menschen kommen. So ist die Realität. Dass Deutschland Menschen nach Afghanistan zurückschickt, ist einfach nur schändlich, ganz egal, was für Gründe dafür angeführt werden.

Könnte es sein, dass die Menschen hierzulande in Bezug der Flüchtlingskrise bereits abgestumpft sind?

"Human Flow" eröffnet neue Perspektiven auf scheinbar bekannte Motive.
"Human Flow" eröffnet neue Perspektiven auf scheinbar bekannte Motive.(Foto: 2017 Human Flow UG)

Die mediale Darstellung - auch die bildliche - ist immer schockierend, fragmentarisch und sehr kurz gegriffen. Um Empathie zu entwickeln, braucht es Kontext. Ein bisschen Poesie, ein paar schöne Landschaftsaufnahmen aus den Gebieten, aus denen Menschen fliehen. So wird doch erst klar, dass sie ihr Land wider Willen verlassen.

Einen neuen Blick auf scheinbar Bekanntes liefert "Human Flow" auf jeden Fall. In starkem Kontrast stehen einerseits Drohnenaufnahmen und solche, die Sie auf Hüfthöhe mit Ihrem iPhone gemacht haben.

Wir Künstler betrachten Dinge anders. Bei "Human Flow" wollten wir einerseits von ganz weit weg, von oben gucken, wie Menschen sich bewegen und wie sie sich niederlassen - viele Leute haben gesagt, die Aufnahmen erinnern an eine Ameisenkolonie. Mit meinem iPhone konnte ich andererseits aus nächster Nähe filmen. Zu den Bildern mischt sich Lärm, die Kamera wackelt. Beides sind extreme Möglichkeiten, auf die Menschheit zu schauen.

In den Flüchtlingslagern haben Sie auch Ihre berüchtigten Selfies geschossen. War es anders, sie dort aufzunehmen, als etwa hier in Berlin, wenn ein Fan Sie um ein gemeinsames Foto bittet?

(überlegt) Für mich ist es das Gleiche. Man läuft über Sand, man läuft über Beton, man läuft über Gras - so oder so: Man läuft. Aber für die Menschen, mit denen ich das Selfie mache, ist es natürlich völlig unterschiedlich.

Sie wurden dafür kritisiert, bei "Human Flow" als Person so eine präsente Rolle einzunehmen. Zu Unrecht?

Ai Weiwei ist nah dran an den Protagonisten seines Films, doch auch er selbst spielt eine große Rolle.
Ai Weiwei ist nah dran an den Protagonisten seines Films, doch auch er selbst spielt eine große Rolle.(Foto: 2017 Human Flow UG)

Die Kritik ist sehr deutsch. Ich denke, den Deutschen hat dieser sehr individuelle Akt nicht gefallen. Individualität liegt ihnen nicht. Sie sind es gewohnt, dass ihnen jemand sagt, was sie tun sollen und Antworten für sie parat hat. So bin ich nicht. Mir ist es egal, ob der Film den Deutschen gefällt oder nicht. Ich halte diese Kritiker nicht für normale Menschen. Ihre Berichterstattung ist sehr fragwürdig.

Welche Funktion erfüllen Sie denn als Teil des Films?

Genau das sollte die Frage sein! Wieso muss dieser Typ da sein? Ich vergleiche mich gern mit der Comicfigur Tintin (Originalname von Tim aus "Tim und Struppi"; Anm. d. Red.). Der reist auch nach China oder nach Indien. Die Idee ist, Globalisierung als Abenteuer zu begreifen. Ich fungiere als Clown. Ich mache ein paar Späße, pflücke ein bisschen Obst, schneide ein paar Haare, scherze mit den Leuten. Mein Filmeditor hat darauf bestanden, dass diese Szenen zu sehen sind. Es ist ja kein Geschichtsfilm. Ich bin kein Professor, sondern ein Künstler, der sich dem Thema auf seine eigene Weise nähert. Ein bisschen engstirnig vielleicht, ein bisschen naiv, aber dafür ehrlich.

Welchen Eindruck soll "Human Flow" beim Zuschauer hinterlassen?

Ich wollte nie einfach eine rührende Geschichte erzählen. Die Leute sollen sehen, dass es eine Wirklichkeit gibt, deren Zusammenhänge größer sind als das. Es geht mehr darum, einen Masterplan für ein Problem zu entwerfen, als eine Küche zu renovieren. Wir müssen nicht umdekorieren, wir brauchen neue Strukturen - global, politisch und menschlich.

Als jemand, der weite Teile seiner Karriere in Opposition zu seinem Geburtsland verbracht hat, halten Sie das Konzept von Heimat überhaupt für haltbar?

Mein Vater (der chinesische Dichter und Regimekritiker Ai Quing; Anm. d. Red) war sein Leben lang verfolgt. Er wurde bestraft und ins Exil geschickt, deswegen bin ich in Arbeitslagern aufgewachsen. Ich habe in China gelebt und in den USA, nun lebe ich in Deutschland. Ich bin entkommen. Ein Zuhause kenne ich nicht. Das ist in Ordnung. Die Erfahrung zwingt mich, Menschen an sich als meine Heimat zu begreifen. Menschen, die die gleichen Ideen verfolgen wie ich. Da gelten dann auch keine Ländergrenzen mehr.

Mit Ai Weiwei sprach Anna Meinecke.

"Human Flow" startet am 16. November in den deutschen Kinos.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de