Unterhaltung
Kim Petras ist die neue Pop-Sensation.
Kim Petras ist die neue Pop-Sensation.
Montag, 19. Februar 2018

Transmädchen wird Pop-Diva: Kim Petras: "Ich bin besessen!"

Wenn's beim Namen nicht gleich klingelt, befragen Sie ihr Doku-Gedächtnis. Kim Petras war in Deutschland groß, lange bevor man sie in den USA zur Popprinzessin von morgen krönte. Allerdings ging es damals noch nicht um ihre Musik. Petras wurde mit den Geschlechtsmerkmalen eines Jungen geboren. Mit 13 Jahren trat sie erstmals gemeinsam mit ihren Eltern im Fernsehen auf, um über ihre Transidentität zu sprechen. Ein halbes Leben später feiern auf einmal amerikanische Medien ihre ersten Singles.

Kim Petras ist 25 Jahre alt und auf der Überholspur unterwegs. Fünf eigene Songs hat sie schon veröffentlicht und es werden kontinuierlich mehr. Bis ein Album fertig ist. Für ihren poppigen Sound hat Petras sich Unterstützung von dem umstrittenen Produzenten Dr. Luke geholt. Die Sängerin Kesha wirft ihm vor, sie jahrelang physisch und psychisch malträtiert zu haben. Aber sie hat sich das mit der Zusammenarbeit gut überlegt, versichert Petras im Gespräch mit n-tv.de. Sie erzählt lieber von ihrer Liebe zu Pop, ihrem besten Karnevalskostüm und ihrer politischen Agenda.

n-tv.de: Vom Kölner Kinderzimmer nach Los Angeles und voll rein in die Musikbranche. Helfen Sie mir auf die Sprünge, wie haben Sie das hinbekommen?

Kim Petras: Ich bin besessen davon, gute Popsongs zu schreiben. Ich habe mit 14 damit angefangen. Irgendwann habe ich auch Youtube-Videos gemacht, dadurch sind Produzenten auf mich aufmerksam geworden. Mit 19 bin ich dann zum ersten Mal in die USA gegangen. Ich kann heute tatsächlich mein Künstlerding machen - so wie ich es immer schon wollte. Ganz schön verrückt alles, wenn ich darüber nachdenke. (lacht)

Viele Musiker wünschen sich den Durchbruch in den USA, Ihnen ist es gelungen. Was machen Sie besser oder jedenfalls anders?

Kim Petras hat geschafft, wovon viele noch träumen: Sie wird in den USA zum Star gemacht.
Kim Petras hat geschafft, wovon viele noch träumen: Sie wird in den USA zum Star gemacht.(Foto: BunHead / Colby Koch)

Ich habe wirklich hart an mir gearbeitet. Ich habe jeden Tag Songs geschrieben - auch schon damals in Deutschland im Keller meiner Mutter. Statt zu Partys zu gehen, habe ich Musik gemacht. Ich wollte es unbedingt international schaffen. Ein paar deutsche Produzenten hatten mir gesagt, dass meine Musik für den hiesigen Mark zu Amerikanisch klingt und sie sich nicht vorstellen können, dass daraus was wird. Das hat mich nur noch mehr gepusht. Am Ende geht es bei Erfolg um Arbeit - und die richtige Einstellung zur Arbeit. Dann braucht man natürlich Talent und gleichzeitig noch ein bisschen Glück.

Haben Sie an Karneval neidisch nach Köln geschielt?

Ich wünschte, ich wäre da gewesen. Ging aber nicht.

Was war Ihr bestes Kostüm bisher?

Ich hatte ein ganz schön gutes Barbie-Kostüm. Ich glaube, das war in der vierten Klasse. Darauf bin ich immer noch sehr stolz. Ansonsten war ich nie so mega kreativ. Ich war immer mehr so: "Ach, ich mal mir jetzt 'ne Katzennase drauf und dann geh' ich raus."

Ein bisschen Barbie sind Sie auch im Video zu "I Don't Want It At All". Sie stapeln Einkaufstüten und posieren als Prinzessin auf der Erbse. Wie ironisch ist der Track und wie viel Wahrheit steckt dahinter?

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Das ist alles total ironisch! Ich habe ja nicht wirklich viel Geld. Der Song ist inspiriert von den typischen L.A.-Girls. Ich habe diese Mädchen kennengelernt, sie sind wirklich fabelhaft. Es gibt eben eine Menge Rich Kids, die ein krasses Leben führen. Für mich ist das immer eine Fantasie gewesen - so von wegen: "Ich wünschte, ich müsste nicht immer die ganze Zeit so hart arbeiten und hätte einfach jemanden, der mir alles kauft." Deswegen habe ich den Song geschrieben. Dass Paris Hilton im Video dabei ist, ist natürlich perfekt!

Wie kam es zu dem Gastauftritt?

Ich hatte ein Fotoshooting mit der Regisseurin des Musikvideos. Sie hatte kurz davor mit Paris Hilton gearbeitet. Als ich ihr von dem Song erzählt habe, hat sie ihn Paris einfach rübergeschickt. Sie mochte ihn total. Jedenfalls hat sie direkt ein Video bei Snapchat gepostet, in dem sie zu dem Song tanzt. Abgefahren, oder?

Der Song ist also nicht direkt autobiografisch. Wie sieht es mit "Hills" aus? Da singen Sie von Drogenrausch …

Als ich das geschrieben habe, hatte ich gerade meinen Song-Writer-Vertrag abgeschlossen. Ich habe mir eine viel zu teure Bude in den Hollywood Hills geholt - die konnte ich übrigens nicht behalten. (lacht) Ich saß da rum und konnte nichts machen, weil ich kein Geld mehr hatte. Aber ich hatte ein fabelhaftes Haus in den Hills. Meine Freunde sind vorbeigekommen, wir sind einfach durch die Gegend gecruist und haben gefeiert.

Coole Outfits, aufwendige Musikvideos - was reizt Sie so am typisch amerikanischen Pop-Paket?

Vorbild? Spice Girls! Kim Petras war schon als Kind großer Fan von Popmusik - und den dazugehörigen Musikvideos.
Vorbild? Spice Girls! Kim Petras war schon als Kind großer Fan von Popmusik - und den dazugehörigen Musikvideos.(Foto: BunHead / Charlotte Rutherford)

Als Kind war ich nicht wirklich beliebt. Ich hatte nicht viele Freunde, ich war transsexuell. Nach der Schule bin ich immer nach Hause gerannt, um die neuen Videos von Britney Spears oder den Spice Girls zu gucken. Stundenlang habe ich mir die angeschaut. Dabei konnte ich abschalten. Ich wollte immer lieber in Popmusikvideos leben. Außerdem singt bei Popsongs jeder mit - egal wie betrunken oder wie traurig man ist. Ich liebe es, wenn alle jedes einzelne Wort eines Songs kennen.

Welches Musikvideo hat Sie besonders geprägt?

"Say You'll Be There" von den Spice Girls. Waren halt alles Superheldinnen …

Sie haben fast die Hälfte Ihres Lebens vor der Kamera, mit Interviews und TV-Auftritten verbracht. Ist Ihnen ein Leben in der Öffentlichkeit immer leicht gefallen?

Damals war das was anderes. Meine Eltern und ich hatten die Anfrage von Stern TV über unseren Doktor bekommen. Der meinte damals: "Kim ist so ein Ausnahmefall und hat so unterstützende Eltern. Eine Dokumentation würde ganz vielen transsexuellen Kindern helfen, die keine Unterstützung bekommen." Ich hatte Glück, dass ich den Prozess so jung durchlaufen konnte. Die Leute wussten damals kaum etwas zu dem Thema. Die Dokumentation hat wirklich etwas bewirkt. Bis heute schreiben mir Leute, dass ich ihnen Mut gegeben habe. Das ist aber ein separates Kapitel und hat nichts mit meiner Musik zu tun.

Sie wollen, dass Ihre Musik unabhängig von Ihrer Vorgeschichte beurteilt wird, vermute ich?

Genau. Ich habe Musik natürlich schon immer total geliebt. Ich habe gesungen und Songs geschrieben. Aber ich wollte meine Musik nicht über die Berichterstattung von damals pushen. Das fand ich doof. Die Doku und alles, was damit zusammenhängt, würde ich nie zurücknehmen. Aber jetzt ist es Zeit, das zu zeigen, worauf ich stolz bin und woran ich über die Jahre hart gearbeitet habe. Ich bin transsexuell, aber ich bin auch eine gute Künstlerin.

Was für eine Message hat denn der Popstar Kim Petras?

Bei meiner Musik geht es ums Abschalten - einfach vergessen, dass man Probleme hat. Deswegen liebe ich Musik: Man macht einen Song an und es ist nicht mehr so wichtig, ob die Hausarbeit erledigt ist. Natürlich will ich immer für das stehen, was mir wichtig ist. Und mir ist ganz, ganz viel wichtig. Nur weiß ich noch nicht so ganz genau, wie ich das alles unter einen Hut kriege.

Mit Kim Petras sprach Anna Meinecke.

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Quelle: n-tv.de