Rick Astley gibt nicht auf"Manchmal muss man auf der Bühne ein bisschen Angst haben"

"Never gonna give you up, never gonna let you down ..." Mit diesem Ohrwurm beginnt 1987 die Karriere eines gewissen Rick Astley. 40 Jahre später sind seine Hits von einst Kult. Doch auf seinen Lorbeeren ruht sich der heute 60-jährige Sänger nicht aus. Im Interview mit ntv.de spricht Astley über seinen überraschenden späten Charterfolg, junge Fans und seine Punkrock-Midlife-Crisis-Rockband.
ntv.de: Wenn man erzählt, dass man Rick Astley interviewt, ist die Begeisterung beim Gegenüber in der Regel groß. Das mag jetzt eine gemeine Frage zum Einstand sein, aber kannst du erklären, warum dich offenbar einfach jeder mag?
Rick Astley: Und ich dachte, alle sagen dann: "Was, der lebt noch!?" (lacht) Ich glaube, wenn man Abstand zu etwas gewinnt, ändern sich die Gefühle, die man dazu hat. Auch zu Songs aus den 80er- oder 70er-Jahren. Man kann plötzlich eine neue Verbindung dazu finden. Wenn solche Songs heute im Radio oder auf Youtube laufen, denkt man plötzlich: "Ich mochte das Lied wirklich nie, aber jetzt finde ich es irgendwie okay." Weil die Musik einen durchs Leben begleitet hat und man eine Erinnerung damit verbindet. Und so erkläre ich mir das auch mit mir.
Und warum denkst du, sind dann so viele junge Menschen bei deinen Konzerten, die in den 80er-Jahren noch nicht einmal geboren waren?
Das ist sehr seltsam und gleichzeitig absolut großartig. Gestern war ich in London, habe ein Interview gegeben und draußen mit einem Freund einen Kaffee getrunken. Und da kam dieser etwa achtjährige Junge auf uns zu. Seine Mama und sein Papa waren dabei. Er bat mich um ein Foto! Das ist der pure Wahnsinn. Sogar bei meinen Konzerten sehe ich kleine Kinder mit ihren Eltern. Oder Leute in ihren Zwanzigern, die damals noch gar nicht geboren waren. Ich liebe das.
Es bringt einen auch dazu, anders über die Musik zu denken, die man singt. Natürlich ist sie pure Nostalgie. Aber die jungen Leute hören sie nicht aus nostalgischen Gründen. Vielleicht hören sie sie ein bisschen ironisch. Vielleicht auch nach dem Motto: "Das ist cool, weil es aus den 80ern ist." Aber als ich aufgewachsen bin, ging es immer nur darum: "Ist das cool oder nicht?", doch die Jugendlichen heute schert das gar nicht. Wenn sie etwas mögen, dann mögen sie es. Und es ist wirklich toll, jemanden im Publikum zu sehen, der damals noch gar nicht geboren war, aber alle deine Texte mitsingen kann.
Die Musik der 80er-Jahre ist besonders angesagt, wird regelmäßig auf 80er-Jahre-Partys und -Festivals gefeiert. Kannst du dir erklären, woran das liegt?
Ich glaube, das war eine wirklich interessante Zeit, in der sich vieles verändert hat. Beispielsweise die Art und Weise, wie Platten produziert wurden. Die Technologie hat einen Sprung gemacht. Die Leute nutzten zunächst Drum-Computer und Synthesizer, dann begannen sie, Samples zu verwenden. Das hat massiven Einfluss darauf gehabt, wie Musik im Studio produziert wurde - und damit auch die Art, wie Songs geschrieben wurden. "Blue Monday" von New Order basiert auf einer Kick-Drum und einem Bass. Das ist alles, was man für einen Hit braucht. Dadurch sind die Dinge viel einfacher geworden. In den 80ern hat sich die Einstellung zum Song-Schreiben verändert. Ich denke, diese Zeit war so etwas wie die Geburtsstunde dessen, was wir heute als Dance-Musik kennen. Die 80er-Jahre zu mögen, zeugt meiner Meinung nach von echter Liebe zur Musik, denn es war eine inspirierende Zeit - musikalisch betrachtet. Es war neu, frisch und lebendig. Niemand hatte zuvor solche Platten gehört.
Wenn man sich heute Taylor Swift oder Harry Styles anhört - einige der größten Künstler der Welt -, dann greifen auch sie auf die 80er zurück. Wenn sie heute einen Song schreiben, sind sie eher von alten Platten beeinflusst als von der aktuellen Musik. Ganz im Gegensatz zu meiner Generation, die sich immer daran orientiert hat, was aktuell angesagt war.
Im Gegensatz zu vielen deiner Musikkollegen der 80er-Jahre ruhst du dich nicht auf deinen Lorbeeren aus und singst nur deine früheren Hits, sondern schreibst neue Musik. Was hat dich dazu inspiriert?
Vor etwa zehn Jahren sind wir in dieses Haus gezogen, aus dem ich jetzt mit dir spreche. Darin gab es ein kleines Musikzimmer, nicht mal wirklich ein Studio, sondern die umgebaute Garage. Darin konnte ich ein bisschen herumklimpern. Und eines Tages wurde mir bewusst: Ich schreibe hier tatsächlich neue Songs. Aber was mache ich damit? Ich dachte mir, es wäre toll, ein Album nur für mich selbst aufzunehmen - einfach, um zu sagen: "Ich bin 50 Jahre alt. Dazu bin ich fähig." Also habe ich das Album ("50", Anm. d. Red.) quasi ganz allein aufgenommen - es ist wirklich mein ganz eigenes Album. Ich habe alle Instrumente selbst gespielt, alles produziert, weil es nicht wirklich darum ging, es jemandem vorzuspielen - etwa einem Plattenlabel oder gar einem Manager -, sondern nur darum, sagen zu können: "Das ist, was ich kann, und ich bin stolz darauf." Und dann passierte das Verrückte. Wir gingen doch zu einem Plattenlabel, meine Frau wurde meine Managerin und plötzlich hatte ich ein Nummer-Eins-Album in Großbritannien. Und da dachte ich mir, das Musikgeschäft hat sich so stark verändert, dass alles möglich ist: Ein 50-Jähriger nimmt in seiner Garage eine Platte auf und sie landet auf Platz 1. Normalerweise würden sie den 50-Jährigen gar nicht erst ins Gebäude lassen.
Nervt es nicht manchmal, dass die Fans vor allem deine alten Hits hören wollen?
Die Songs auf "50" sind entstanden, weil ich sie wollte. Keine Plattenfirma hat sie von mir gefordert oder mir Geld dafür gegeben. Und deshalb sind dieses Album und auch ein paar andere Alben, die in den letzten zehn Jahren entstanden sind, für mich persönlicher. Aber ich liebe es, "Never Gonna Give You Up" zu singen, der Song ist wie ein alter Mantel, den ich seit 40 Jahren trage und der immer noch kuschelig ist. Ich bin dem Lied dankbar für viele unglaubliche Erlebnisse, die ich wegen ihm hatte. Und wenn wir ganz ehrlich sind: "Never Gonna Give You Up" ist der einzige Grund, warum ich auch heute noch Konzerte in Deutschland oder Japan spielen darf. Das vergesse ich nie. Aber ich bekomme auch die Chance, meine neuen Songs zu spielen - und das ist toll.
Als deine Musik noch von Stock Aitken Waterman produziert wurde, hattest du nicht so viel Gelegenheit, dich beim Songwriting einzubringen. Wie fühlt es sich an, nun sein ganz eigener Herr zu sein?
Super. Aber ich mache Stock Aitken Waterman keine Vorwürfe. Ich war damals 19, als ich bei ihnen unterschrieben habe. Ich wusste selbst noch nicht, was ich tue. Meine Songwriting-Fähigkeiten waren noch nicht sehr ausgeprägt. Aber sie wussten sehr gut, was sie taten. Sie waren der Grund dafür, dass ich damals Hits hatte. Die Zusammenarbeit mit ihnen war für mich wie eine Art Lehre. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass es bei Popmusik um den Refrain geht - um einen großen Refrain, den alle, wenn sie den Veranstaltungsort verlassen, immer noch mitsingen.
Du hast auf deinem Album "The Best Of Me" deine früheren Hits noch mal in anderen Versionen aufgenommen. Beispielsweise "Together Forever" in einer berührenden Piano-Version. War das deine Art, den einstigen Kritikern, die dir und Stock Aitken Waterman "Bubblegum-Pop" vorgeworfen haben, ein bisschen den Mittelfinger zu zeigen?
Ich bin froh, dass du das mit dem Mittelfinger gesagt hast. (lacht) Ich beschäftige mich ja schon seit langer Zeit mit diesen Songs. Wenn wir sie live spielen, sollten sie klingen wie damals, denn das ist der Grund, warum die Leute gekommen sind. Doch für dieses Album haben wir sie wie ein Experiment betrachtet und uns gefragt: Wie würde es sich anfühlen, wenn da beispielsweise nur ein Klavier wäre? Das hat Spaß gemacht. Dadurch ist mir aber auch klar geworden, wie gut Stock Aitken Waterman waren. Ihr Trick war es, die Songs simpel wirken zu lassen. Dabei waren sie das aber gar nicht.
Apropos Experimente. Du coverst auch gerne, oder?
Ich liebe es, die Songs anderer Leute zu singen. Dabei lernt man immer etwas dazu. Wir machen das live ständig, einfach weil wir Lust auf etwas Neues haben. Weil es Spaß macht, aber auch etwa furchteinflößend ist. Manchmal muss man auf der Bühne ein bisschen Angst haben. Es darf sich nicht zu gemütlich anfühlen. Und wenn man dann wirklich gut ist, dann geht das ganze Publikum einfach mit, weil es nicht anders kann - wer will nicht "Highway To Hell" von AC/DC mitsingen?
Ich habe aber auch schon Swing-Konzerte mit Orchester gegeben. Wie Frank Sinatra in Las Vegas. Weil mein Vater früher diese Lieder gesungen hat, ist das eine wirklich schöne Erinnerung für mich. Er hat nicht professionell gesungen, nur bei uns zu Hause. Als Teenager hätte ich nie daran gedacht, solche Lieder zu singen. Aber jetzt, wo ich etwas älter geworden bin, - beziehungsweise alt bin (grinst), - habe ich mich in diese Art von Musik verliebt. Ich glaube, den meisten Menschen geht es irgendwann im Leben so, dass sie Frank Sinatra mögen. Aber ich habe auch noch eine Punkrock-Midlife-Crisis-Rockband mit zwei Freunden, man weiß ja nie. (lacht)
Welche Musik hörst du noch privat?
Ich höre mir ein bisschen von allem an. Oft frage ich mich dann dabei: "Wie haben die das gemacht?" Dann versuche ich, neue Sachen auszuprobieren. Das lädt meine Batterien wieder auf. Manchmal hörst du eine Band, und es sind einfach nur Schlagzeug und Gitarre, und sie haben etwas geschaffen, das dich umhaut. Ich bin insgeheim halt auch ein begeisterter Schlagzeuger. Deshalb höre ich tatsächlich viel Musik von Bands mit großartigen Drummern, die rocken. Aber ich höre auch Bill Withers, Al Green, all diese klassischen Soul-Sänger aus Amerika. Und immer noch gerne The Smiths im Auto. Oder Roxy Music, die Beatles, Bowie - all die klassischen, großartigen Künstler. Und ich liebe Harry Styles. Er ist in Sachen Pop vermutlich gerade der Größte. Ich bin wirklich immer sehr gespannt darauf, was er als Nächstes macht.
Mit welchen Musikern würdest du gerne mal zusammenarbeiten?
Das kann ich gar nicht so sagen. Aber bei Festivals komme ich oft mit Kollegen ins Gespräch, von denen ich früher immer gedacht hätte, dass sie niemals mit mir sprechen oder sich mit mir in einem Raum aufhalten wollen würden, weil ich aus der Pop-Szene komme. Aber in Wahrheit ist es genau das Gegenteil: Wenn du dich mit dem, was du tust, wohlfühlst, dann kannst du dich auch mit allen anderen wohlfühlen. Es geht nicht darum, etwas "Besonderes" zu sein.
Ich habe dabei auch viele junge Künstler kennengelernt und Zeit mit ihnen verbracht. Das hat mir mental sehr viel gegeben, denn wenn man mit jungen Leuten zusammen ist, die noch ganz am Anfang ihrer Karriere stehen, fühlt es sich an, als würde man neue Energie tanken. Ich bin seit fast 40 Jahren im Musikgeschäft, und das ist lang genug, um wirklich jeden in den Wahnsinn zu treiben. Wenn man ganz am Anfang steht, ist man noch voller Hoffnung. (lacht) Man kann nicht nur mit den alten Hasen zusammen sein, man muss ab und zu unter junge Leute kommen, um neue Energie zu tanken.
Welchen Rat würdest du diesen jungen Musikern mitgeben wollen?
Sucht euch einen guten Anwalt! (lacht) Nein, im Ernst, es ist zwar ein altbekanntes Klischee, aber triff deine Entscheidungen basierend darauf, was du liebst und was du wirklich tun willst. Denn Entscheidungen, die man nur wegen Ruhm und Geld trifft oder weil man denkt, dass sie irgendwie cool sein könnten, führen selten zu dem erwünschten Resultat. Anerkennung für meine Arbeit, Ruhm oder Geld habe ich nie bekommen, wenn ich ihnen nachgejagt bin. Tatsächlich war ich zweimal kurz davor, meinen Plattenvertrag aufzugeben, weil es nicht so lief, wie ich es mir vorgestellt hatte, und Leute wollten, dass ich etwas mache, was ich nicht machen wollte. Ich bin nach Hause gefahren und dachte: "Das will ich nicht mehr." Dann haben wir uns alle zusammen an den Tisch gesetzt und darüber gesprochen, und dann haben die drei Jungs von Stock Aitken Waterman angefangen, "Never Gonna Give You Up" zu schreiben. Und ich habe gesagt: "Das will ich gerne machen, das ist ein toller Song." Und von da an ging es einfach immer weiter.
Mit Rick Astley sprach Claudia Spitzkowski
Am 4. August spielt Rick Astley im Rahmen seiner "Summer Shows 2026"-Tour ein Konzert im Tanzbrunnen in Köln.
