Panorama

Rassistischer Vorfall in Erfurt 17-jähriger Syrer brutal in Tram attackiert

Im Netz kursieren Videos von einer rassistischen Attacke auf einen Teenager in Erfurt. Ein 40 Jahre alter Mann geht in einer Tram auf einen 17-Jährigen los, beleidigt ihn und tritt dem Jugendlichen mehrfach brutal gegen den Kopf. Der Mann ist kein Unbekannter bei der Polizei.

In Erfurt hat laut Polizei ein 40-Jähriger einen 17 Jahre alten Syrer in einer Straßenbahn rassistisch beleidigt, bedroht, bespuckt und brutal angegriffen. Dem Täter gelang zunächst unerkannt die Flucht, doch "durch die am Tatort gewonnenen Zeugenhinweise" habe der polizeibekannte Mann zeitnah identifiziert werden können, teilte die Polizei heute über den Vorfall von Freitagnacht mit. Ein Handyvideo von der verstörenden Szene, das ein Zeuge in der Tram aufgenommen hatte, sorgt für großes Entsetzen und Diskussion über den Umgang mit Rassismus im allgemeinen und die Situation in Thüringen.

Auf dem Handyvideo ist zu sehen, wie sich ein tätowierter Mann mit einem Fahrrad in einer Straßenbahn vor einem jungen Menschen aufbaut, ihn beschimpft und bedroht. "Du Drecksvieh", beschimpft er den sichtlich eingeschüchterten Jugendlichen immer wieder lautstark. "Du kommst hier in mein Land. Verpiss' dich einfach dahin, wo du herkommst." Der 17-jährige Syrer sitzt fast regungslos mit Kapuze auf dem Kopf auf einem einzelnen Sitzplatz nahe der Tür. Auch als der 40-Jährige ihn weiter bedrängt und sogar bespuckt, setzt er sich nicht gegen den Angreifer zur Wehr. Umso erschreckender die Szene, die ein Fahrgast mit dem Handy festgehalten hat: Der 40-Jährige schaut den Teenager einen Moment lang an, scheint kurz zu überlegen und tritt dann plötzlich mehrfach mit heftigen Fußtritten gegen den Kopf des jungen Syrers. Danach endet die Aufnahme.

Danach verlässt der Mann laut Zeugenaussagen mit seiner Begleiterin die Straßenbahn und kann flüchten, bevor die herbeigerufene Polizei eintrifft. Der mutmaßliche Angreifer ist bereits polizeibekannt, aber wurde erst heute gefasst. "Der 40-jährige Mann wurde durch Zivilkräfte der Polizei heute in Erfurt festgenommen", teilte die Polizei mit. Gegen ihn sei inzwischen Haftbefehl wegen gefährlicher Körperverletzung ergangen.

Haftbefehl wegen gefährlicher Körperverletzung

Die äußeren Verletzungen des Opfers waren nach Polizeiangaben nur leicht. Bei dem mutmaßlichen Täter handelt es sich demnach um einen weißen Deutschen. Die weiteren Ermittlungen habe die Kriminalpolizei Erfurt übernommen. Dem Mann wird Körperverletzung, Nötigung und Beleidigung vorgeworfen. Eine Aussage von ihm liege noch nicht vor.

In den sozialen Netzwerken hat das Handyvideo große Empörung ausgelöst. Unter dem Hashtag #Erfurt sind inzwischen Tausende Tweets zu finden. Auch einige Politikerinnen und Politiker - vor allem aus Thüringen - beteiligen sich an der Diskussion und beziehen Stellung. "So ein feiger Mensch, stark und aggressiv gegen einen Wehrlosen", kritisierte Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow von der Linken die Tat und beendet den Tweet mit: "Einfach widerlich!" Die CDU-Landtagsfraktion verurteilte den rassistischen Übergriff in der Straßenbahn ebenfalls "aufs Schärfste".

Auch die Sprecherin für Antirassismus der Linksfraktion im Landtag, Katharina König-Preuss, äußerte sich auf Twitter entsetzt über die Tat: "Den zunehmenden rassistischen Übergriffen in Thüringen, welche auch Resultat eines insbesondere durch die AfD geschürten politischen Klimas in der Gesellschaft sind, muss endlich Einhalt geboten werden, den Tätern mit aller Konsequenz begegnet werden", forderte die Abgeordnete.

Opferberatung Ezra: Erfurt "Hochburg" rechter Gewalt

Die Linken-Politikerin verwies zudem auf die kürzlich vorgestellte Statistik der Opferberatung Ezra. Nach deren Zählung blieben die Fälle rechter Gewalt in Thüringen im Jahr 2020 etwa auf dem Niveau der Vorjahre. Die Organisation registrierte im vergangenen Jahr 102 rechte, rassistische oder antisemitische Angriffe.

Ezra bezeichnet Erfurt in ihrer Mitteilung zu der erst vor wenigen Tagen vorgestellten Statistik als "die Hochburg rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt" in Thüringen. Mit 29 der 102 gezählten Attacken geschah im vergangenen Jahr mehr als jeder vierte Angriff in der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt. "In einigen Stadtteilen hat sich über Jahre hinweg ein Angstraum fest etabliert, in denen rechte und rassistische Hetze, Beleidigungen, Bedrohungen und Gewalt zum Alltag gehören. Wir nehmen nicht wahr, dass die Verantwortlichen in Stadtpolitik und städtischen Behörden den Ernst der Lage ausreichend verstanden haben", kritisiert Projektkoordinator Frank Zobel in der dazugehörigen Mitteilung der Organisation.

Quelle: ntv.de, joh/dpa

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