Panorama

Wer wird wie behandelt? Bei Knappheit soll nicht das Alter entscheiden

In Deutschland steigt die Zahl der schwerkranken Corona-Patienten kontinuierlich an. Um die Ressourcen in den Kliniken optimal zu nutzen, gibt ein Onlineportal nun Auskunft über freie Intensivbetten. Bei einem Mangel an Betten soll allerdings nicht das Alter der Patienten darüber entscheiden, wer behandelt wird.

Nach Einschätzung von Experten wird es wegen der Corona-Krise auch in Deutschland bald an Betten zur intensiven Betreuung von Schwerkranken fehlen. Ärzte müssen dann Entscheidungen über Leben und Tod treffen. Im Falle einer Knappheit sollen in deutschen Krankenhäusern Intensivbetten nach Erfolgsaussicht der Behandlung verteilt werden. Die Entscheidung über die Zuteilung von Ressourcen müsse medizinisch begründet und gerecht sein, heißt es in den Empfehlungen von sieben medizinischen Fachgesellschaften.

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Als Kriterium solle die Wahrscheinlichkeit gelten, ob der Patient die Intensivbehandlung überleben wird. Selbst in dieser schwierigsten aller Situationen werde nicht einfach nach dem Bauchgefühl entschieden, sagte Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi). "Wir haben uns ganz klar gegen das Kriterium 'Alter' entschieden und wollen sehr viel differenzierter vorgehen", sagte Janssens.

Auch unabhängig von sozialen Kriterien solle in einem Team aus drei Experten mit unterschiedlichen Blickwinkeln entschieden werden. Den Empfehlungen zufolge spielen dabei der Schweregrad der aktuellen Erkrankung sowie relevante Begleiterkrankungen eine wesentliche Rolle. Auch der Patientenwille - aktuell oder per Verfügung - sei fester Bestandteil bei allen Entscheidungen.

Zudem solle die Ressourcen-Zuteilung nicht nur unter an der Lungenkrankheit Covid-19 erkrankten Menschen erfolgen, sondern unter allen Patienten, die eine Intensivbehandlung benötigen, wie beispielsweise auch Unfallopfer oder Schlaganfall-Patienten, hieß es. Ebenso sei es irrelevant, wo die Patienten aktuell versorgt werden - ob in der Notaufnahme, der Allgemein- oder Intensivstation.

Portal zur Abfrage freier Beatmungsplätze

Momentan verfüge Deutschland zur Behandlung von schwer erkrankten Virus-Patienten kurzfristig weit über 10.000 freie Intensivbetten. "Wir sind im Augenblick - heute, morgen, übermorgen - gerüstet", sagte Janssens. Mittlerweile beteiligten sich etwa 60 Prozent aller Krankenhäuser zudem an einer Online-Plattform zur Verfügbarkeit von Intensivbetten. Über die Seite sollen Intensivmediziner angesichts der gestiegenen Nachfrage in der Coronakrise unkompliziert Kapazitäten abfragen können.

Über das Divi-Intensivregister werden erstmals mehr als tausend Kliniken zentral erfasst, um "eine regionale Koordination der intensivstationären Betten und damit eine optimale Versorgung der Covid-19-Patienten sicherzustellen". Neue Kliniken können sich in nur fünf Minuten registrieren. Unterschieden wird zwischen freien Kapazitäten für geringen Betreuungsbedarf, schwer kranke und schwerst kranke Beatmungspatienten.

Kliniken mit viel Erfahrung in der Beatmung von Patienten sind zusätzlich gekennzeichnet. Das soll auch dazu dienen, dass kleinere Kliniken mit weniger Erfahrung schnell sehen, an welche größere Klinik sie sich telefonisch wenden können. Für das Einsehen der Ansprechpartner müssen Kliniken sich einloggen. Das Intensivregister wurde von der Divi, dem RKI und der Deutschen Krankenhausgesellschaft entwickelt.

Quelle: ntv.de, jki/dpa/AFP