Panorama

Berliner Impfarzt im Interview "Bringe ich mich damit um?"

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Dr. Peter Karsten hat seine Hausarztpraxis in Berlin-Schmargendorf.

(Foto: privat)

Peter Karsten ist seit vielen Jahren Hausarzt in Berlin. In der Corona-Krise richtete er Testmöglichkeiten ein, behandelte Patienten und impft nun sowohl im Impfzentrum als auch in der Praxis. Vor allem bei Astrazeneca muss er noch viele Fragen beantworten.

ntv.de: Sie impfen sowohl als Hausarzt als auch im Impfzentrum. Welches ist aus Ihrer Sicht der bessere Weg aus der Pandemie?

Peter Karsten: Es ist natürlich die Kombination, weil wir noch so hohe Infektionszahlen haben. Das kann man sich sehr leicht ausrechnen. Berlin etwa kann in den gut organisierten Impfzentren am Tag 25.000 Menschen impfen. Selbst wenn man genug Impfstoff hätte, bräuchte man ungefähr ein Dreivierteljahr, um ganz Berlin zu impfen. Deshalb funktioniert nur die Kombination von Hausärzten plus Impfzentren. In den Arztpraxen ist der Impfstart noch etwas chaotisch, was aber nicht so sehr an den Hausärzten liegt. Wir haben in der ersten Woche 120 Dosen Biontech bekommen und ganz schnell unsere Patienten eingeladen. In der Woche drauf hatten wir nur noch ein Drittel des Impfstoffs und haben die Termine wieder abgesagt.

Wie haben Ihre Patienten reagiert?

Psychologisch ist eine Absage definitiv schlimmer, als gar nicht erst eingeladen zu werden.

Was ist der entscheidende Unterschied zwischen Impfzentrum und Praxis?

Die Impfzentren sind sehr gut ausgestattet und ich bekomme eine super Bezahlung für einen sehr einfachen Job. Ich sage deshalb einfach, weil alles vorgearbeitet ist. Da bin ich wirklich nur der Arzt, der die Impfspritze gibt. Ich stelle mich vor und erkundige mich, ob es noch Fragen gibt. 95 Prozent der Menschen sind bestens informiert. Wenn es noch eine Frage gibt, dann freue ich mich, weil wir noch ein paar mehr Sätze wechseln können, und dann impfe ich. In meiner Praxis muss ich die Termine selbst machen, weil meine Arzthelferin nicht mehr hinterherkommt. Ich muss bei Astrazeneca-Patienten sehr lange reden, weil viele fragen: Bringe ich mich damit um? Und dann gibt es eine unglaubliche Bürokratie. Wir müssen die Impfungen am selben Tag ans RKI melden, dann erfolgt die Abrechnung über die Kassenärztliche Vereinigung. Dafür bekommen wir 20 Euro pro Impfung. Ich jammere sonst nie über die Gebührenordnung, aber das macht man wirklich nur, weil man die Pandemie bekämpfen will. Betriebswirtschaftlich ist das eher ein Verlustgeschäft.

Kommt Deutschland deshalb nicht schneller voran beim Impfen?

Nein. Am Donnerstag war ich im Impfzentrum in Tegel. Da kommen inzwischen die Jüngeren zum Impfen, die brauchen nicht so viel Zeit wie beispielsweise jemand mit einem Rollator. Man könnte inzwischen fünfmal so viele an einem Tag impfen wie am Anfang. Die ganze Infrastruktur ist da und funktioniert super. Das Problem ist einfach noch der Impfstoff, den wir noch nicht ausreichend haben.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Die Probleme mit Astrazeneca haben gleich doppelte Auswirkungen - der Impfstoff hat ein Imageproblem und ist nur noch für über 60-Jährige zugelassen. Die sind aber in Berlin erfreulicherweise schon fast alle geimpft. Bei Astrazeneca muss ich die Leute in der Praxis regelrecht überreden, sich damit impfen zu lassen. Bei Biontech haben wir eine Warteliste. Wir bekommen jeden Tag mehrere Hundert E-Mails von Leuten, die mit Biontech geimpft werden wollen. Bei Astrazeneca werde ich die 20 Dosen, die ich habe, gerade so los.

Was machen Sie denn mit Patienten unter 60 Jahren, die sich bereit erklären, auch Astrazeneca zu nehmen? Impfen Sie die damit?

Das ist eine riesige Grauzone und auch die offiziellen Empfehlungen widersprechen sich. Karl Lauterbach hat gesagt, man soll es ruhig machen, wenn man sich unterschreiben lässt, dass die Patienten auf eigene Gefahr zustimmen. In einem Video der Kassenärztlichen Vereinigung wurde dringend davor gewarnt. Die Impfzentren weigern sich, Patienten auch nur einen Tag vor dem 60. Geburtstag mit Astrazeneca zu impfen. Die Ärzte sollen das selbst entscheiden. Wenn etwas passiert, ist man unter Umständen nicht juristisch abgesichert, auch wenn die Patienten unterschrieben haben. Ich habe es trotzdem gemacht, aber nur in Einzelfällen. Eine 30-jährige Frau würde ich nicht mit Astrazeneca impfen, ich habe die Grenze bei Frauen bei 55 plus und bei Männern 50 plus gezogen, wenn sie unbedingt nach ausführlicher Aufklärung wollen.

Ist das Vorgehen Deutschlands im Kampf gegen die Pandemie aus Ihrer Sicht eher gut oder doch eher schlecht?

Wahrscheinlich wäre aus medizinischer Sicht ein vierwöchiger Hammer-Lockdown gut. Andererseits bin ich ein großer Fan von Föderalismus. Wenn die im Norden so niedrige Zahlen haben, warum müssen die dann alle Maßnahmen mitmachen? Das wahre Problem ist, dass wir zu wenig Impfstoff haben. Hätten wir mehr, wären wir genauso weit wie die USA oder Israel. Dafür stehen auch die Hausärzte bereit. Ich hatte erwartet, dass es Mitte April so viel Impfstoff gibt, dass wir logistische Probleme haben, ihn zu verteilen. Leider ist das noch nicht so.

Wie kommen eigentlich Menschen ohne festen Hausarzt zu einem Impftermin?

Das geht dann über die Impfzentren, weil die nach Geburtsjahrgängen einladen. Es gibt ja auch ältere, fitte Menschen, die keinen Hausarzt haben. Eine 30-jährige, nicht vorerkrankte Frau hat bisher auch keinen Anspruch auf einen Impftermin. Denn wir dürfen bisher nur Bestandspatienten impfen. Noch haben wir das Problem nicht. Aber wenn die Priorisierung wegfällt, dann muss auch wegfallen, dass man nur bestimmte Gruppen impfen kann.

Kommen denn zu Ihnen noch Covid-19-Patienten?

Ja, wir haben im Keller ein separates, komplett ausgerüstetes Testzentrum. Dieses Testen zeigt natürlich auch immer wieder positive Fälle. Wer dann wirklich erkrankt, kommt in unsere Covid-Sprechstunde. Dann ist das Praxisteam auch in Schutzausrüstung. Unser normales Tagesgeschäft machen wir mit allen Corona-Maßnahmen, mit Masken und Luftfiltern. Und wir sind alle inzwischen geimpft. Wer es nicht mehr schafft, unsere Kellertreppe runterzugehen, der muss wirklich ins Krankenhaus. In diesem Covid-Jahr hatte ich trotzdem fünf- oder sechsmal den Fall, dass ich einem Covid-Patienten nicht genug geschützt gegenübersaß. Die hatten unsere Warnzettel nicht gelesen, alle Fragen falsch beantwortet. Bei mir saß mal jemand, angemeldet mit Rückenschmerzen, und sagte dann, er habe seit einer Woche Fieber und Husten. Der hatte natürlich Covid, ich habe mich aber glücklicherweise nicht angesteckt. Bei uns waren die meisten Covid-Patienten jünger und hatten leichte Symptome, ein bisschen wie bei einer Grippe, bisschen Husten, Geschmacksstörungen. Die Quote der Schwerkranken war sehr gering, wir hatten erst zwei Todesfälle. Vielleicht landen die schwerer Erkrankten doch gleich im Krankenhaus.

Auf welche Behandlung setzen Sie bei Covid-19?

Jemand, der nur positiv getestet ist und sonst nichts hat, muss auch nichts machen. Bei etwas Husten geben wir das kortisonhaltige Budesonid-Spray. Da gibt es ja Studien, dass das einen schweren Verlauf verhindern kann und das bringt auch mehr als ein Hustensaft. Aber die Patienten, die Kortison brauchen, müssen dann auch schon bald ins Krankenhaus. Und wir müssen aufpassen, dass wir keinen Patienten übersehen, den wir zunächst mit leichten Symptomen nach Hause geschickt haben und dem es dann plötzlich sehr schlecht geht.

Wie ist denn inzwischen die Lage - vermeiden die Menschen etwa noch immer Vorsorgeuntersuchungen, um sich im Wartezimmer nicht anzustecken?

Das haben wir vor allem in der ersten Welle gehabt. Jetzt rennen sie uns die Bude ein. Aber ich sehe das schon immer noch als Kollateralschaden der Pandemie, denn Vorsorgen haben ja auch einen Sinn. Wenn Menschen Krebs haben und das nicht bemerken, nehmen sie auch Schaden.

Mit Peter Karsten sprach Solveig Bach

Quelle: ntv.de

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