Panorama

Eklatantes Behördenversagen Der Fall des Pflegekinds Chantal

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Sylvia L. und Wolfgang A. sind wegen wegen fahrlässiger Tötung in Tateinheit mit Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht angeklagt.

(Foto: dpa)

Chantal stirbt in der Obhut ihrer Pflegeeltern - an einer Tablette Methadon. War es ein tragischer Unfall oder eine Straftat? Egal, wie das Gericht diese Frage beantwortet - der Fall dokumentiert erneut das Versagen der Ämter.

Das Leben von Chantal Christin D. währte nur kurz. Es endete am 16. Januar 2012 in Wilhelmsburg, einem sozial schwachen Stadtteil Hamburgs. Das elfjährige Mädchen hatte Bauchschmerzen und schluckte versehentlich die Heroin-Ersatzdroge Methadon. Tags darauf war Chantal tot.

War es eine Tragödie oder doch eine Straftat? Von Prozessbeginn an prallten vor dem Hamburger Landgericht zwei Wahrheiten aufeinander: Die Staatsanwaltschaft glaubt an fahrlässige Tötung und Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht, die Verteidigung an einen tragischen Unfall.

Drogensüchtige Eltern

Rückblick: Chantal wird im Jahr 2000 geboren. Ihre Mutter alkoholsüchtig, ihr Vater drogenkrank, ihr Zuhause kein Ort für e ine normale Kindheit. Chantal sucht Zuflucht bei ihren Nachbarn - bei Sylvia L. und Wolfgang A.. Als Chantal acht Jahre alt ist und ihre Mutter mehr und mehr überfordert, werden die beiden ihre Pflegeeltern. So verfügt es das Jugendamt. Doch auch Sylvia L. und Wolfgang A. sind drogensüchtig, nehmen seit Jahren an einem Substitutionsprogramm teil. Beide werden mit der Heroin-Ersatzdroge Methadon behandelt.

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(Foto: dpa)

Am 15. Januar 2012 bekommt Chantal nach dem Abendessen Magenkrämpfe, im Laufe des Abends geht es ihr immer schlechter. Später rät die abwesende Mutter dem Kind per Telefon, ein Medikament gegen Übelkeit zu nehmen - das soll die Elfjährige mit dem für sie tödlichen Methadon verwechselt haben. Am nächsten Morgen ist Chantal noch immer übel, sie will nicht in die Schule gehen. Der Pflegevater lässt das kranke Kind alleine in der Wohnung zurück. Am Nachmittag findet die Pflegemutter Chantal tot in ihrem Bett, gestorben an den Folgen einer Methadonintoxikation. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass das Opioid ungesichert in der verwahrlosten Wohnung herumlag.

Sylvia L. und Wolfgang A. weisen die Vorwürfe zurück. In persönlichen Erklärungen bedauern sie den Tod des Mädchens. Man habe die Situation falsch eingeschätzt, die Gefahr nicht erkannt. Die Methadon-Tabletten seien in der Garage versteckt gewesen, beteuern sie.

Das Versagen der Ämter

Obwohl die Staatsanwaltschaft die Anklage knapp sieben Monate nach dem Unglück vorlegt, dauert es fast drei Jahre bis Chantals Tod vor Gericht kommt. Nur sieben Prozesstage räumt die 6. Große Strafkammer des Landgerichts Hamburg für den Fall ein. Einer der tragischsten Unglücksfälle der Hansestadt der vergangenen Jahre wird in einem der kleinsten Säle des Landgerichts verhandelt. Der Vorsitzende Richter des Verfahrens, Rüdiger Göbel, betont mehrfach, es gehe allein darum, den Tod Chantals aufzuklären, nicht aber das Behörden-Tohuwabohu.

Doch kann man die offensichtlichen Nachlässigkeiten der Behörden von dem eigentlichen Todesfall trennen? Chantal steht zum Zeitpunkt  unter der Aufsicht des Jugendamts. Verwunderlich ist, dass den Mitarbeitern die Drogenvergangenheit der Pflegeeltern nicht bekannt gewesen sein will. "Mir wurde das nie, nie gesagt", beteuert die Frau, die die Pflegeeltern seit 2008 betreut hatte.

Verwunderlich ist auch, dass Richter Göbel zwar eine ganze Reihe von Zeugen zulässt, die beteuern, wie gut es Chantal in ihrer Pflegefamilie gehabt haben soll. Zeugen, die daran zweifeln, aber gar nicht erst geladen werden. Nur wenige Zeugen bekunden ihr Misstrauen darüber, dass es Chantal bei ihren Pflegeeltern gut ging. Lediglich die Kinderpsychiaterin spricht vor Gericht von einer "extrem belasteten" und "hochproblematischen" Beziehung zwischen Chantal und ihrer Pflegemutter. Eine Aussage, für die sie der Richter kritisiert. Die Zeit der Begutachtung sei doch sehr knapp gewesen, um solch ein Urteil fällen zu können.

Keine Verkettung unglücklicher Umstände

Schon vor Prozessbeginn untersucht die Behördenaufsicht den Methadon-Tod und listet in ihrem Bericht gravierende Fehler des zuständigen Jugendamtes auf. Demnach wurde mindestens drei ernst zu nehmenden Beschwerden nicht nachgegangen, zwei wurden von Amtsvormündern vorgetragen, eine von einer Lehrerin Chantals, die sich wegen des auffälligen Verhaltens der Schülerin sorgte. Alle Beschwerden wurden ignoriert. Die Vorwürfe gegen die betreffenden Mitarbeiter hätten sich "vollumfänglich bestätigt", heißt es.

Es sei keine Verkettung unglücklicher Umstände, die dazu führten, dass Chantal jahrelang bei ihren drogensüchtigen Pflegeeltern blieb. Es sei vielmehr von Fehleinschätzungen und Unvermögen der Jugendamtsmitarbeiter auszugehen, so das Fazit der Innenrevision.

Besonders tragisch ist die Tatsache, dass Chantal noch kurz vor ihrem Methadon-Tod versucht haben soll, ihre drogensüchtige Pflegefamilie zu verlassen. In einem Brief an ihren leiblichen Vater schreibt sie: "Bitte geh zum Jugendamt und hole mich aus dieser schrecklichen Familie". Eine Mitarbeiterin des Jugendamts spricht daraufhin zwar mit der Elfjährigen, den flehenden Worten Chantals schenkt sie aber keine weitere Aufmerksamkeit.

Quelle: n-tv.de

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