Panorama

Lauterbach bei ntv "Die Herdenimmunität ist nicht realistisch"

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Lauterbach glaubt nicht daran, dass die Herdenimmunität in Deutschland erreicht wird.

(Foto: dpa)

Viele Menschen im Land hoffen auf einen Sommerurlaub, doch ist das trotz sinkender Infektionszahlen realistisch? Zu dieser und anderen Fragen äußert sich SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach bei ntv. Er erklärt zudem, warum die Herdenimmunität seiner Ansicht nach nicht erreicht werden wird.

Herr Lauterbach, Ihr Parteigenosse und Finanzminister Olaf Scholz will noch im Mai eine verbindliche Aussage zum Sommerurlaub machen. Wie verbindlich kann eine solche Aussage sein?

Karl Lauterbach: Ich glaube wir brauchen tatsächlich einheitliche Regeln, da stimme ich Olaf Scholz zu. Der Bürger braucht eine klare, verlässliche Grundlage, um seinen Urlaub planen zu können. Das können wir spätestens in zwei Wochen beschließen. Wenn die Fallzahlen noch zwei Wochen weiter sinken, sind sie so niedrig, dass wir durch den Impferfolg Ende Mai im Sommer tatsächlich gute Urlaubspläne schmieden können. Somit finde ich es richtig, dass wir da jetzt noch einmal zusammenkommen und überlegen, wie der Urlaub stattfinden kann.

Aber welche Rolle spielen denn bei diesen Überlegungen die Mutanten? Das indische Virus ist mittlerweile in 44 Ländern nachgewiesen, und das ja bei relativ geringer Reisetätigkeit.

Das stimmt. Diejenige Variante ist jetzt mittlerweile zu einer besorgniserregenden Variante hochgestuft worden. Das ist auch zu Recht so. Neue Studien zeigen, dass diese Variante ansteckender ist als die Ursprungsvariante und auch ein Stück weit der Immunität durch frühere Infektionen und Impfungen entkommt. Zum Glück nicht ganz so stark, wie die südafrikanische Variante. Daher muss man das bedenken. Wir müssen dann natürlich auch Vorkehrungen treffen, dass Menschen, die in Urlaubsgebieten gewesen sind oder Fernreisen gemacht haben, in denen die Variante weit verbreitet ist, getestet werden, wenn sie zurückkommen.

Die Aussicht auf Urlaub hat ja ganz viele Auswirkungen. Der Hausärzteverband sagt zum Beispiel, das führe auch in den Hausarztpraxen zu einer angespannten Stimmung, weil es jetzt immer mehr Leute gebe, die mit Blick auf den Sommerurlaub auf die Zweitimpfung dringen. Jetzt soll am Montag auch die Priorisierung in den Hausarztpraxen fallen. Der Marburger Bund kritisiert: Es gibt aber auch noch viele Risikogruppen, die noch nicht mal erstgeimpft sind. Was mutet man den Hausarztpraxen da zu?

Die Hausarztpraxen wollen ja, dass die Priorisierung gelockert wird. Ich finde, dass die Hausarztpraxen bisher eine sehr gute Arbeit leisten, indem sie Risikopatienten bevorzugt impfen. Das ist richtig, und ich stimme den Sorgen, die jetzt vorgetragen worden sind, durchaus zu. Ein großer Fehler wäre, jetzt diejenigen zu impfen, die besonders gut drängen oder besonders gut darin sind, sich Termine zu organisieren, um in den Urlaub fahren zu können. Und, dass die Gefährdeten in Deutschland noch unversorgt zurückbleiben oder vielleicht möglicherweise auch ohne Impfung in den Urlaub fahren. Das darf nicht passieren. Somit es ist noch zu früh, die Priorisierung komplett aufzugeben.

Das heißt, Sie würden auch sagen, Montag ist noch zu früh?

Ich würde tatsächlich sagen, dass das Ende der Impfpriorisierung am Montag noch nicht ausgerufen werden sollte. Das ist so ein sehr populärer Schritt. Das hört sich für den Bürger sehr gut an, als hätten wir so viel Impfstoff, dass wir jeden impfen könnten, der sich impfen lassen will. Das ist aber leider nicht der Fall. Insbesondere auch nicht für die Impfstoffe von Biontech und Moderna. Wir haben ja die Priorisierung schon aufgegeben für diejenigen, die sich mit Astrazeneca oder mit Johnson & Johnson impfen lassen. Ich glaube, dass diese Kombination eine gute Kombination ist. Die komplette Aufgabe der Impfpriorisierung würde dazu führen, dass viele von den Bedürftigen mit Risikofaktoren, und also auch von den Älteren, sich nicht so schnell impfen lassen können wie nötig.

Heißt das, es gibt eine Impfstoffknappheit, oder ist das nur auf die Unbeliebtheit von Astrazeneca zurückzuführen?

Es gibt eine Impfstoffknappheit. Ganz klar! Wenn wir mehr Impfstoff hätten, dann könnten wir deutlich schneller impfen. Nach wie vor haben wir Impfstoffknappheit. Das wird sich erst im Juni ändern. Möglicherweise auch erst im Juli. Man darf nicht vergessen, es sind noch über 60 Prozent, fast zwei Drittel der Bevölkerung, in Deutschland überhaupt nicht geimpft.

Herr Lauterbach, die europäische Arzneimittelbehörde hat die Zulassungsverfahren für Nicht-Corona-Medikamente vereinfacht, weil sie sagen, sie haben so viel in der Pipeline für Corona-Medikamente, dass sie sich darauf konzentrieren wollen. Was kommt da?

Na ja, ich glaube, dass diese Vorgehensweise der europäischen Zulassungsbehörde richtig ist, weil die europäische Zulassungsbehörde jetzt Tempo gewinnen muss. Sie arbeitet sehr gründlich. Auch im Vergleich zu anderen Zulassungsbehörden ist das alles eine sehr gute Arbeit. Diese Beschleunigung der Verfahren wird nicht zulasten der Qualität der Zulassung gehen.

Aber was ist da im Anstich? Was kommt da an Corona-Medikamenten? Können Sie das sagen?

Wir haben jetzt Medikamente, die die Entzündungsreaktion mindern werden. Sie sollen die überschießende Entzündungsreaktion abbremsen. Es sind Medikamente, die die Virenvermehrung unterbrechen sollen. Eine Reihe von Medikamenten sind jetzt in der Prüfung. Die brauchen wir auch dringend, weil wir tatsächlich in der zweiten und in der dritten Welle bei der Behandlung nicht die Erfolge gesehen haben, die wir uns eigentlich erhofft hatten. Wir müssen besser vorbereitet sein, auch für diejenigen, die sich in Zukunft infizieren. Da ist einiges jetzt in der Vorbereitung. Es hat lange gedauert und ich finde es gut, dass die europäische Zulassungsbehörde sich jetzt mit diesen Medikamenten vermehrt auseinandersetzen wird.

Es hieß zu Beginn der Pandemie immer: Wir reden von Herdenimmunität, wenn 60 Prozent der Bevölkerung immun sind. Mittlerweile ist von 80 Prozent die Rede. Wie kommt diese Veränderung?

Die Veränderung kommt im Wesentlichen durch die britische Mutation, die weltweit am meisten dazu beigetragen hat, dass das Virus sich schneller verbreitet, also ansteckender geworden ist. Ähnliche Mutationen werden in eine ähnliche Richtung gehen. Diese Mutationen führen dazu, dass der R-Wert, wenn ich gar nichts machen würde, also ohne zu impfen, höher ist als der ursprüngliche R-Wert. Der ursprüngliche R-Wert lag ohne Impfungen bei 2,5. Der R-Wert dürfte jetzt bei über 4 liegen. Das heißt, wenn ich die R-Werte in die Berechnung der Herdenimmunität einsetze, komme ich auf einen Herdenimmunitätswert von über 80 Prozent. Der ist in der Praxis aber kaum zu erreichen. Daher gibt es sehr viele Länder, die mittlerweile das Konzept der Herdenimmunität aufgegeben haben und sich damit abfinden, dass auch diejenigen, die nicht geimpft sind, sich später infizieren werden, es sei denn, sie lassen sich doch noch impfen. Ich glaube, das wird auch in Deutschland so kommen. Also eine komplette Herdenimmunität zu erreichen, das halte ich auch in Deutschland für nicht mehr wirklich realistisch.

Was glauben sie, wie viele Menschen werden am Ende immun sein? Entweder wegen durchgemachter Erkrankung oder einer Impfung?

Also wenn man länger wartet, wenn man jetzt meinetwegen ein oder zwei Jahre wartet, dann wird jeder entweder einmal erkrankt gewesen sein oder er ist geimpft. Somit muss es sehr darauf ankommen, dass wir zumindest diejenigen mit Risikofaktor alle impfen. Sonst haben wir spätestens im Herbst wieder Ausbrüche. Daher müssen wir die Impfkampagne über den Sommer weiterführen. Und wir müssen auch erklären, dass die Herdenimmunität nicht erreicht ist, wenn sich 70 Prozent der Bevölkerung haben impfen lassen. Die gute Situation im Sommer wird nicht so bleiben, wenn wir den Rest der Bevölkerung nicht auch noch entweder impfen oder im Rest der Bevölkerung zumindest sehr viele sind, die keine so hohen Risiken tragen.

Mit Karl Lauterbach sprach Katrin Neumann.

Quelle: ntv.de

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