Panorama

Niedrigste Infektionsrate der EU Finnlands stiller Sieg gegen die Pandemie

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Eine Coronavirus-Nachbildung liegt auf dem Amboss der Bronzestatue "Drei Schmiede" in Helsinki.

(Foto: picture alliance/dpa)

In vielen Ländern Europas schnellen die Corona-Zahlen in die Höhe. Nicht so in Finnland. Während die Weltöffentlichkeit nach Schweden blickt, hat Helsinki ohne große Aufmerksamkeit das Virus in den Griff bekommen. Mittlerweile verzeichnet das Land die niedrigste Infektionsrate innerhalb der EU.

Während fast ganz Europa mit harten Maßnahmen gegen die zweite Corona-Welle kämpft, hat Finnland die Pandemie gut im Griff. Die Zahl der Neuinfektionen in dem skandinavischen Land geht zurück. Die Infektionsrate lag in den vergangenen zwei Wochen im Schnitt bei 45,7 Fällen je 100.000 Einwohner - die niedrigste in der EU. Und auch die wirtschaftlichen Folgen durch die Seuche fallen in Finnland weit milder aus als bei den europäischen Nachbarn.

Die internationale Aufmerksamkeit konzentriert sich auf den Sonderweg des Nachbarlandes Schweden. Doch stiller Sieger bei der Eindämmung der Pandemie ist Finnland. Mehrere Faktoren spielen bei dem Erfolg eine Rolle: Im Frühjahr reagierte die Regierung rasch und verhängte im März einen zweimonatigen Lockdown. Reisen in und aus der Hauptstadt Helsinki waren verboten. Danach kehrte das Land weitgehend zur Normalität zurück. Ein effektives System für Tests und die Nachverfolgung von Ansteckungsketten helfen, die Infektionen gering zu halten. Zentraler Bestandteil ist die App "Corona Flash", die 2,5 Millionen der 5,5 Millionen Finnen auf ihr Smartphone geladen haben.

"Wir sind nicht so gesellig und gern allein"

Wie in anderen nordeuropäischen Ländern auch ist das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Behörden groß. Widerstand gegen die Corona-Regeln der Regierung gibt es kaum. Die Finnen halten sich nicht nur an die Vorgaben, einige sehen sie sogar als Bereicherung. Bei einer Umfrage im Auftrag des EU-Parlaments gaben 23 Prozent der befragten Finnen an, der Lockdown habe ihr Leben verbessert.

Das oft als zurückhaltend beschriebene Naturell der Finnen mag dabei eine Rolle spielen. "Wir sind nicht so gesellig und gern allein", sagt die Sozialpsychologin Nelli Hankonen von der Universität Helsinki. Dennoch hat der Lockdown Spuren hinterlassen; psychische Probleme, unter denen ohnehin einer von fünf Finnen leidet, nahmen zu. Die Umstellung auf die Arbeit im Homeoffice fiel in dem hoch digitalisierten Land relativ leicht. "Die Wirtschaft ist so strukturiert, dass es für einen großen Teil der finnischen Arbeitskräfte nicht notwendig ist, am Arbeitsplatz zu sein", sagt Hankonen.

*Datenschutz

In den Geschäftsstraßen von Helsinki sind kaum weniger Menschen unterwegs als vor der Pandemie. Wenige tragen eine Maske, obwohl die Behörden sie seit Kurzem empfehlen. "Mein Alltag hat sich kaum verändert", sagt der 36-jährige Gegi Aydin, der im Gesundheitswesen arbeitet. "Nur meine Freunde haben keine Lust mehr auf Treffen - verständlicherweise."

Im schicken Viertel Punavuori dekoriert Richard McCormick den neuen Wintergarten vor seinem Restaurant gerade mit Pflanzen und Lichtern. Während in den Restaurants nur noch halb so viele Gäste sitzen dürfen wie früher und die Öffnungszeiten verkürzt wurden, gibt es für den Außenbereich keine Beschränkungen. Deshalb hat McCormick die Glashäuser aufgestellt. "Wir lassen sie wie ein Wohnzimmer aussehen, dann haben die Leute darin das Gefühl von einem privaten Essen", sagt der Gastronom.

Die finnische Wirtschaft schrumpfte im zweiten Quartal um 6,4 Prozent. Damit lag der Rückgang deutlich unter dem Minus von 14 Prozent im EU-Durchschnitt. Die Auswirkungen auf die Gastronomie seien dennoch "verheerend", sagt McCormick. Er musste Angestellte in seinen beiden Restaurants entlassen. "Aber die Glashäuser haben uns geholfen, die meisten wieder einzustellen", sagt er. "Wir müssen einfach versuchen, neue Wege zu finden."

Quelle: ntv.de, Sam Kingsley, AFP