Panorama

Rechte und Verschwörer im Ahrtal Flutkatastrophe ist Spielwiese für Fake-Helfer

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Nur die Aufschrift "Peace" entlarvt die "Friedensfahrzeuge". Sie verbreiten Falschmeldungen in der Krise.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Hilfsbereitschaft in den Hochwassergebieten ist auch Wochen nach der Flut groß. Unter den Helfern tummeln sich viele Menschen, die nicht einfach nur helfen wollen, sondern ihre eigenen Ziele haben. Rechtspopulisten, "Querdenker" und sogar Neonazis machen die Katastrophenregionen zu ihrer Spielwiese.

"Nahezu alle im Ahrtal sind schwer traumatisiert, viele haben Angehörige, Nachbarn, Freunde verloren oder Schreckliches mit ansehen müssen. Ein Programm zur Trauma-Bewältigung muss her. Die schrecklichen Bilder werden uns bis ans Lebensende begleiten."

Das schreiben die 15 Ortsbürgermeister aus dem Ahrtal in einem Brandbrief an Bundeskanzlerin Angela Merkel und die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Es ist ein verzweifelter Hilferuf, dem viele gefolgt sind. Helfer aus ganz Deutschland reisen in die Flutgebiete, um die Betroffenen vor Ort zu unterstützen. Aber der Aufruf lockt auch Menschen an, die Schaufel und Schubkarre nicht ohne Hintergedanken anfassen: "Querdenker", Verschwörer, "Reichsbürger" und sogar Neonazis.

"Wir haben zum einen das klassisch verschwörungsideologische Spektrum vor Ort, das wir auch im ganzen letzten Jahr immer wieder auf der Straße gesehen haben. Sie haben teilweise über andere Organisationen wie 'Eltern stehen auf' Schulen besetzt und haben vorgegeben, sie würden Hilfe für Kinder anbieten", sagt die Sozial- und Rechtspsychologin Pia Lamberty im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". "Es gab auch Gruppen wie den sogenannten 'Veteranen Pool' - Menschen mit einem Bundeswehr-Hintergrund. Aber auch Rechtsextreme und 'Reichsbürger' sind vertreten. Ebenso waren bekannte Neonazis unter den Helfern. Unter anderem der Holocaustleugner Nikolai Nerling, aber auch Mitglieder der Nazi-Band 'Kategorie C' sowie Mitglieder der Jugendorganisation der NPD."

Neue "Spielwiese" für Verschwörungsideologen

Nikolai Nerling ist in die Flutregion gereist.

Nikolai Nerling ist in die Flutregion gereist.

(Foto: telegram/Der Volkslehrer-Kanal)

Solche Gruppierungen zeigen sich gerne in Katastrophenfällen wie beim Oder-Hochwasser von 2010. Bei der aktuellen Flut sind die Fake-Helfer in Orte wie Ahrweiler gereist, um sich der Öffentlichkeit als die einzig wahren "Helfer in der Not" zu präsentieren. Einige von ihnen wollen den Eindruck vermitteln, der Staat würde bei der Unterstützung der Flutopfer komplett versagen. So gibt es Mitglieder der Szene, die in dieser Krisenstimmung Falschinformationen verbreiten, um bei den Betroffenen Unmut zu erzeugen.

Ihr geschlossener Auftritt und ihr schnelles Agieren soll außerdem die Gerüchte verstummen lassen, die "Querdenken"-Bewegung sei bereits am Ende, mutmaßt Psychologin Lamberty. "'Querdenken' konnte im Gegensatz zum letzten Jahr nicht mehr viele Leute auf die Straße bringen. Ich fand es aber noch zu früh, zu sagen: 'Das ist jetzt vorbei!' Auch 'Querdenker' fahren im Sommer lieber in den Urlaub oder gehen abends mit Freunden in den Biergarten, als in Berlin zu demonstrieren."

Die Expertin geht davon aus, dass großflächige Protestaktionen erst dann wieder möglich sind, wenn die Corona-Maßnahmen durch die Regierung verschärft werden. Auch wenn sie das Ende der Bewegung noch nicht sieht, glaubt sie, dass die Flutkatastrophe diesen Gruppierungen gelegen kam. Sie bekommen durch die angespannte Situation Auftrieb. "Die da oben, den Staat, die Regierung, die Polizei, die brauchen wir alle nicht"- Das sei die Botschaft, die "Querdenker", Rechte oder Neonazis verbreiten wollen.

Pia Lamberty ist Geschäftsführerin des “Center für Monitoring, Analyse und Strategie” (CeMAS) und Expertin im Bereich Verschwörungsideologien. In ihrem Buch „Fake Facts“ erklärt sie das Phänomen der Verschwörungstheorien, die in der Wissenschaft auch Verschwörungs-Erzählungen genannt werden.​​

Pia Lamberty ist Geschäftsführerin des “Center für Monitoring, Analyse und Strategie” (CeMAS) und Expertin im Bereich Verschwörungsideologien.

(Foto: picture alliance/dpa/Pia Lamberty)

Auch der Holocaustleugner Nerling, eine der prominentesten Figuren der Verschwörungsszene, ist in die Hochwassergebiete gereist. Nachdem ihm und den anderen Verschwörungsideologen durch die Aufhebung der meisten Maßnahmen die "Corona-Bühne" entzogen wurde, nutzt er bereitwillig die neue Krise, um weiterhin klarzumachen, dass er den Staat überwinden möchte. Trotzdem bedienen sich diese Menschen gerne an den Symbolen des Staates. Ein Beispiel dafür, erklärt Lamberty, ist der sogenannte "Veteranen-Pool". Eine Gruppe von ehemaligen Bundeswehr-Angehörigen, die bereitwillig in ihren alten Bundeswehr-Uniformen auflaufen, um Autorität auszustrahlen.

Autorität durch verhasste Staatssymbole

In den Katastrophengebieten waren außerdem Fahrzeuge vor Ort, die auf den ersten Blick wie Polizeiautos aussahen. Diese sogenannten "Friedensfahrzeuge" sind durch die Ortschaften gefahren und haben per Lautsprecherdurchsage verkündet, dass die Anzahl der Helfer der Polizei, Hilfs- und Rettungskräfte reduziert worden sei. Eine gezielte Falschmeldung, um Angst und Wut zu schüren. Nur bei genauerer Betrachtung zeigte sich, dass anstelle der regulären Polizei-Aufschrift das Wort "Peace" auf den Autos zu lesen war.

"Das ist ein ganz spannendes Phänomen. Man hat es auch bei 'Reichsbürgern' schon deutlich vor der Pandemie gesehen, dass sie den Staat zwar ablehnen und attackieren, aber gleichzeitig versuchen, seine Institutionen zu imitieren. Sie bauen sich selbst eine Polizei und einen Behördenapparat auf, der teilweise noch bürokratischer ist als das Original. Da geht es aber auch darum, sich aufzuwerten, sich wichtiger darzustellen, als man ist", sagt Lamberty. Sie glaubt auch, dass es für die betroffenen Menschen in den Hochwassergebieten schwer ist, die "echte" Staatsmacht von der "falschen" zu unterscheiden: "Wer soll denn in diesem ganzen Chaos, wenn man gerade den Kopf überall hat, verstehen, dass das jetzt ein Verschwörungsideologe ist und nicht ein richtiger Bundeswehrsoldat? Da hat man doch überhaupt nicht die Kapazität, das auseinanderzudröseln."

Bodo Schiffmann ruft auf Telegram zu Spenden auf.

Bodo Schiffmann ruft auf Telegram zu Spenden auf.

(Foto: telegram/alles_ausser_mainstream)

Der HNO-Arzt und "Querdenker" Bodo Schiffmann war nicht in den Flutgebieten, hat aber über seinen persönlichen Telegram-Kanal Spenden für die Betroffenen gesammelt. Laut eigenen Angeben sogar eine beträchtliche Summe, die jetzt niemand annehmen will. Das Konto, auf dem die Gelder eingegangen sind, wurde mittlerweile sogar gesperrt. Schon im vergangenen Jahr wurden Schiffmann und anderen Köpfen der "Querdenker"-Bewegung vorgeworfen, dass sie nicht transparent genug mit Spendengeldern und Schenkungen umgingen. Auf Telegram ruft er nun die Bürgermeister der zerstörten Orte auf, sich bei ihm zu melden, wenn sie seine Hilfe in Anspruch nehmen möchten.

Sozialpsychologin Lamberty geht davon aus, dass Schiffmann nicht wirklich erwartet, dass ihn die betroffenen Politiker kontaktieren. Ihm gehe es primär darum, seine eigene Person zu inszenieren, sagt die Expertin. Schiffmann präsentiere sich als vermeintlicher Held in der Krise, aber gleichzeitig auch als Opfer, weil niemand seine angebliche Großartigkeit erkenne. In der Psychologie spricht man von "kollektivem Narzissmus". Dieses Gefühl geht Hand in Hand mit Hass und Feindseligkeit, so Lamberty.

Attila Hildmann als neuer Kaiser?

"Wieder was gelernt"-Podcast

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Warum wäre ein Waffenstillstand für Wladimir Putin vermutlich nur eine Pause? Warum fürchtet die NATO die Suwalki-Lücke? Wieso hat Russland wieder iPhones? Mit welchen kleinen Verhaltensänderungen kann man 15 Prozent Energie sparen? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Alle Folgen finden Sie in der ntv-App, bei Audio Now, Apple Podcasts und Spotify. "Wieder was gelernt" ist auch bei Amazon Music und Google Podcasts verfügbar. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden.

Verschwörungstheorien geben Menschen wie Nerling, Schiffmann und den anderen die Möglichkeit, die Widersprüche und Geschehnisse in der modernen Gesellschaft als eine "große Erzählung" zu verstehen. Sie können sich als vermeintlich "gute Seite" zusammenschließen und gegen ihre Feindbilder kämpfen. Dabei haben sie ein übergeordnetes Ziel: Sie wollen den demokratischen Staat, in dem wir leben, zersetzen. Was wünschen sich Menschen, die keine Demokratie wollen und auf Demonstrationen die Flagge des Kaiserreichs schwenken? Vielleicht eine Monarchie mit dem bekanntesten Verschwörungsideologen Attila Hildmann an der Spitze?

"Ich glaube, Attila Hildmann würde das gar nicht so schlecht finden, der neue König oder Kaiser zu sein. Aber das ist letztendlich genau die Ideologie. Ein 'Reichsbürger' oder Neonazi möchte keinen demokratischen Staat, in dem Minderheiten und demokratische Prozesse geschützt werden. Es geht darum, ein autoritäres System zu installieren, das mit unserer heutigen Welt nicht mehr viel zu tun hat. Das ist der Wunsch von vielen, da geht es um einen Systemumsturz", erklärt Pia Lamberty. Man will den Staat delegitimieren und zersetzen - auch mit Gewalt. Die Bilder des Sturms auf den Reichstag in Berlin oder auch des Sturms auf das Kapitol in Washington durch Anhänger von Ex-Präsident Donald Trump sind noch in den Köpfen.

"Jeder Einzelne von uns kann sich dagegenstellen"

Damit solche Angriffe auf demokratische Institutionen in Zukunft vermieden werden können, sollten alle gegensteuern, findet Pia Lamberty. Für die Expertin ist Bildung ein wichtiger Bestandteil der Prävention. Daher ist es für sie unerlässlich, dass Bildungseinrichtungen mehr finanzielle Hilfe vom Staat erhalten. Es braucht Beratungsangebote und Anlaufstellen, damit die Bürger mehr über Verschwörungserzählungen und "Querdenker" aufgeklärt werden können. Die Psychologin sagt auch, dass man selbst einen Beitrag leisten könne: "Jeder Einzelne von uns kann sich dagegenstellen, wenn man sieht, dass Menschen Hass und Hetze verbreiten. Und man kann Opfer und Betroffene fragen, ob und welche Hilfestellungen sie nach solchen Erfahrungen benötigen." Dazu gehört auch die Betreuung der Familienangehörigen von Verschwörungstheoretikern. Ebenso müsse der wieder häufiger auftretende Antisemitismus stärker verfolgt werden.

Mit Blick auf die aktuelle Situation in den Flutgebieten rät die Expertin auch zu schnellem Eingreifen, damit sich Verschwörungsideologen und Rechtsradikale nicht erst einnisten können, um Menschen zu beeinflussen. Die Betroffenen der Flutkatastrophe sind gerade besonders angreifbar.

Quelle: ntv.de

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