Panorama

Trotz ungeahnt hoher Impfquote Herdenimmunität könnte unerreichbar bleiben

imago0120290136h.jpg

Der Begriff Herdenimmunität erinnert ans Tierreich - das RKI spricht meist von Gemeinschaftsschutz.

(Foto: imago images/Winfried Rothermel)

Auch wenn das Impftempo nachlässt, sind mittlerweile bereits mehr als 60 Prozent der Bevölkerung gegen Sars-CoV-2 geimpft. Womöglich sind es sogar schon mehr. Ist das Land der ersehnten Herdenimmunität näher als gedacht? Oder bleibt diese ein unerreichbarer Traum?

Auf dem Impfen ruhen alle Hoffnungen, die seit mehr als eineinhalb Jahren andauernde Coronavirus-Pandemie zu beenden. Zwar schwächt sich das Tempo der Impfkampagne seit Wochen ab. Aber mittlerweile haben auch schon mehr als 52 Millionen Menschen in Deutschland mindestens eine Impfung gegen Sars-CoV-2 erhalten - so jedenfalls die offiziellen Angaben aus dem Digitalen Impfquoten-Monitoring (DIM). Das entspricht 62,8 Prozent der Bevölkerung.

Doch womöglich sind es in Wirklichkeit sogar bereits mehr, musste das Robert-Koch-Institut (RKI) diese Woche einräumen. Hinweise darauf hatte eine monatliche Umfrage unter rund 1000 Erwachsenen nach der Impfbereitschaft geliefert, dem Covid-19 Impfquoten-Monitoring in Deutschland (COVIMO). Die Angaben zur Impfquote für die mindestens einmal Geimpften waren darin um einiges höher, als die offiziellen Daten es vermuten ließen. Besonders hoch war die Abweichung bei den 18- bis 59-Jährigen: Von diesen gaben 79 Prozent an, bereits einmal geimpft worden zu sein - laut DIM lag die Impfquote in dieser Gruppe nur bei 59 Prozent. Bei den vollständig Geimpften war allerdings kein wesentlicher Unterschied aufgetreten.

Wie hoch ist die Impfquote bei den Erstgeimpften tatsächlich? Laut RKI liege sie aus verschiedenen Gründen vermutlich "zwischen beiden Werten", also zwischen 59 und 79 Prozent bei den 18- bis 59-Jährigen, die etwa die Hälfte der Bundesbevölkerung ausmachen. Die Auswirkung auf die bundesweite Impfquote von derzeit 62,8 Prozent Erstgeimpften dürfte laut Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, allerdings nur "wenige Prozentpunkte" betragen, wie er der Deutschen Presse-Agentur sagte. Der Bericht sorgte dennoch für Verunsicherung - und ließ die Forderung nach einer neuen Umfrage aufkommen, um die wahre Impfquote in Deutschland zu ermitteln. Das RKI kündigte dies in der Folge bereits an.

Grund zur Hoffnung?

Wenn die Impfquote aber tatsächlich etwas höher ist als offiziell bekannt - ist Deutschland damit auch dem Ziel der Herdenimmunität näher als gedacht?

Unter Herdenimmunität oder Gemeinschaftsschutz versteht man laut RKI den indirekten Effekt einer Impfung, der dann auftritt, wenn ein gewisser Anteil der Bevölkerung geimpft ist und dadurch die Übertragung des Erregers so verringert wird, dass auch Ungeimpfte ein niedrigeres Risiko haben, sich zu infizieren. Aber nicht nur Geimpfte, auch Genesene können mit ihrer Immunität dazu beitragen.

Lange waren Experten davon ausgegangen, dass im Fall von Sars-CoV-2 etwa 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung immun sein müssten, um eine Herdenimmunität zu erreichen. Mittlerweile dominiert jedoch die Delta-Variante in Deutschland, die deutlich ansteckender ist als der Ursprungstyp. Laut einer Studie wäre in ihrem Fall erst bei etwa 85 Prozent eine Herdenimmunität denkbar.

Wie weit ist es bis dahin noch? In Deutschland liegt die offizielle Zahl der vollständig Geimpften derzeit bei rund 56 Prozent, rund 63 Prozent haben offiziell mindestens eine Impfung erhalten - aufgrund der genannten Unsicherheit womöglich etwas mehr. Dazu kommen noch die Genesenen, die in Deutschland nach offiziellen Angaben 4,4 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Allerdings sind unter diesen auch Geimpfte, weshalb man die Werte nicht einfach addieren kann. Die Dunkelziffer bei den Genesenen liegt wiederum deutlich höher - laut einer RKI-Studie wiesen im April bereits 14 Prozent der Bevölkerung Antikörper auf, die auf eine überstandene Infektion zurückzuführen seien.

Herdenimmunität könnte unerreichbar bleiben

Aber vielleicht sind auch alle Rechenspiele überflüssig: Einige Experten glauben, dass die viel beschworene Herdenimmunität aufgrund der Dominanz der Delta-Variante überhaupt nicht mehr zu erreichen sei. Es sei inzwischen klar, dass sich auch Geimpfte mit der Variante anstecken könnten, sagte etwa einer der Entwickler des Astrazeneca-Impfstoffs, Andrew Pollard, diese Woche einer Gruppe von britischen Parlamentariern, berichtet der "Guardian". "Wir haben nichts, was die Übertragung stoppt." Jeder, der nicht geimpft sei, werde sich daher früher oder später infizieren, so Pollard. SPD-Gesundheitsexperte und Epidemiologe Karl Lauterbach äußerte sich zuletzt ähnlich.

Auch Charité-Virologe Christian Drosten hatte bereits im März ein derartiges Szenario prophezeit. "Dieses Virus wird endemisch werden, das wird nicht weggehen", so Drosten im Corona-Podcast des NDR. Sars-CoV-2 werde sich vielmehr "unerkannterweise unter einer Decke des Immunschutzes" weiterverbreiten, etwa im Rachen von Geimpften und bei kleineren Kindern. So würde es auch Menschen erreichen, die noch nicht durch eine Impfung immunisiert und voll empfänglich seien, da die Corona-Maßnahmen mit der Zeit immer weiter zurückgefahren würden. Eine jüngste Analyse aus den USA legte nahe, dass Geimpfte, die sich mit der Delta-Variante des Virus infiziert hatten, mitunter eine ähnlich hohe Viruslast aufweisen wie Ungeimpfte.

Drosten glaubt: In den kommenden eineinhalb Jahren wird die gesamte Bevölkerung immun sein, entweder durch eine Impfung oder eine natürliche Infektion. Doch ist das Virus dann besiegt? In einem jüngsten Bericht schreibt das RKI, dass die Vorstellung des Erreichens einer Herdenimmunität im Sinne einer "Elimination oder sogar Eradikation (komplette Auslöschung, Anm. d. Red)" des Virus nicht realistisch sei. In einem anderen RKI-Bulletin aus dem Juli hieß es aber, ein realistisches Ziel sei eine "breite Grundimmunität", welche die Zahl der schweren Covid-19-Erkrankungen deutlich verringere.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen