Panorama

Cannabis-Revolution in Berlin Kreuzberg will Verkaufsstellen einrichten

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Während einer Demonstration für die Freigabe von Cannabis-Produkten

(Foto: dpa)

Der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg will Haschisch und Marihuana legal verkaufen lassen. An vier Verkaufsstellen sollen registrierte Konsumenten unter staatlich kontrollierten Cannabis-Produkten auswählen dürfen.

"Von mir aus können Sie hier 20 Coffeeshops einrichten, kein Problem", sagt der junge Mann aus Westafrika und blinzelt mit seinen rot unterlaufenen Augen in die Kreuzberger Nachmittagssonne. Er sitzt auf einer Bank im berüchtigten Görlitzer Park und ist, auch wenn er es vehement bestreitet, ganz offensichtlich am örtlichen Drogenhandel beteiligt. Die Pläne von Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne), legale Verkaufsstellen für Cannabis einzurichten, beeindrucken ihn wenig.

Herrmann hat einen entsprechenden Antrag beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) auf den Weg gebracht. Geht es nach dem Willen der 51-Jährigen könnten die in dem Umschlag enthaltenen 25 Seiten die Drogenpolitik der Bundesrepublik revolutionieren. Denn gefordert wird in dem Antrag nicht weniger als die Erlaubnis zum freien Verkauf von Cannabis-Produkten in Herrmanns Bezirk gefordert.

60 Gramm Cannabis pro Monat

Das Konzept sieht vor, dass künftig registrierte, volljährige Bezirkseinwohner in vier lizensierten Abgabestellen, nach niederländischem Vorbild auch Coffeeshops genannt, monatlich bis zu 60 Gramm Cannabis erwerben können. Als Lizenznehmer sind freie Träger aus der Sozialberatung vorgesehen, deren geschulte Mitarbeiter abhängige Käufer gezielt erkennen und ansprechen sollen. Der Preis für die Streckmittel-freien Cannabisprodukte vom Bezirk soll auf Schwarzmarktniveau liegen. Es geht auch um den Gesundheitsschutz der Konsumenten.

"Wir wollen etwas in die Hand nehmen, was wir nicht in der Hand haben", sagt Herrmann. Jedermann könne derzeit in Berlin illegal Gras und Haschisch auf kaufen. Diese Freiheit wolle sie einschränken, sagt Hermann. Insbesondere in Herrmanns Bezirk sind Orte wie der Görlitzer Park oder das Club-Gelände "RAW" berüchtigt. Ein Blickkontakt mit den herumstehenden jungen Männern genügt, und das Geschäft ist binnen einer Minute abgewickelt.

Null-Toleranz-Politik strittig

Der CDU-Innensenator Frank Henkel hatte sein Amt mit dem Versprechen von mehr Sicherheit angetreten. Doch ausgerechnet in Henkels Amtszeit gab es zunehmend Gewalttaten zwischen rivalisierenden Drogenbanden, Drogenfunde im Sandkasten des Görlitzer Parks und immer mehr Touristen, die Kiffen als Teil ihres Berlin-Abenteuers betrachten.

Henkel reagierte mit einer Null-Toleranz-Politik. Für den von Berlinern nur "Görli" gerufenen Park wurde eine Sonderpolizeidienststelle geschaffen, zahlreiche Beamte werden seit Monaten zusätzlich an den größten Umschlagplätzen eingesetzt. "Wir kratzen aber nur an der Spitze des Eisbergs", sagt Steve Feldmann von der Berliner Gewerkschaft der Polizei (GdP). Die Dealer seien teilweise an andere Orte ausgewichen. Zudem gingen die Händler arbeitsteilig vor und seien nur mit hohem Aufwand zu überführen, sagt Feldmann.

Händler wie der junge Mann aus Gambia im Görlitzer Park. Er verkauft nicht, er koordiniert. Interessierte Käufer schickt er schon mal unter Verweis auf die nahende Polizeipatrouille weg. Er zeigt seinen Ausweis, einen Duldungsbescheid, der ihm die Aufnahme einer regulären Arbeit verwehrt. "Ich frage überall, Restaurants, Putzjobs, keine Chance", klagt der Endzwanziger.

Dass der Senat eine harte Linie vorgibt, während die Bezirksregierung auf Legalisierung setzt, bezeichnet Feldmann als "misslich". Herrmann glaubt dagegen, die Polizei hinter sich zu wissen. Die Beamten hätten "die Nase voll" von der bisherigen Drogenpolitik.

Allerdings räumt auch Herrmann ein, dass ihr Vorstoß nicht alle Probleme beseitigen werde. Minderjährige und bezirksfremde Cannabis-Konsumenten wären auch mit den Abgabestellen weiterhin auf die Straßendealer angewiesen. Sie sagt: "Auch wenn wir das Okay bekommen, wird der Schwarzmarkt nicht sofort verschwinden."

Quelle: n-tv.de, Sebastian Huld / AFP

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