Panorama

Trotz Sexunlust und schwerem Gemüt Russland bleibt im "ewigen Sommer"

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Trotz Forderungen von Politikern und Ärzten stellt Russland die Uhren am 26./27. Oktober erneut nicht zurück auf die Normalzeit, sondern behält die Sommerzeit vorerst bei.

(Foto: dpa)

Weniger Lust auf Sex, frustrierte Frauen, Depressionen, Müdigkeit: Das sind alles angebliche Folgen der immer geltenden Sommerzeit in Russland. Zumindest bis zu den Olympischen Winterspielen.

Russland bleibt dem "ewigen Sommer" treu - auch während der monatelangen Schnee- und Eiszeit gilt im größten Land der Erde weiter die Sommerzeit. Zwar beklagen sich viele Bürger zwischen Ostsee und Pazifik, die lange Dunkelheit an Wintermorgen schlage aufs Gemüt. Ärzte warnen vor gesundheitlichen Problemen. Doch die Rückkehr zur Normalzeit, wie sie in Westeuropa zwischen Ende Oktober und Ende März gilt, sei unmöglich, betont Vizeregierungschef Dmitri Kosak. Auch wegen der Olympischen Winterspiele 2014 im Schwarzmeerort Sotschi dreht Russland vorerst nicht an der Uhr.

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Auch Putin hatte schon über die lange Dunkelheit am Morgen geklagt.

(Foto: dpa)

"Alle Absprachen sind längst getroffen und gehen von der aktuellen Regelung aus", sagt der für Olympia zuständige Kosak. "Darin inbegriffen sind auch die Verträge für die Fernsehübertragung der Winterspiele." Und der Kreml befürchtet nach Ansicht von Experten Vertragsstrafen in Millionenhöhe, falls TV-Partner und Werbekunden nun doch noch einmal hastig ihr Programm ändern müssten.

Gesunkene Liebeslust

Dennoch haben Parlamentarier einen Gesetzentwurf ausgearbeitet - federführend ist Sergej Gutenjow, Fraktionsmitglied der Regierungspartei Geeintes Russland. Er macht den "ewigen Sommer" auch im Winter sogar für das russische Demografieproblem mitverantwortlich. Studien hätten bewiesen, dass Männer dann viel weniger Lust auf Sex hätten, sagt Gutenjow. "Doch die Senkung der Liebeslust dürfte unsere Frauen ernsthaft frustrieren." Selbst Kremlchef Wladimir Putin hatte die langen dunklen Morgen beklagt.

Andere Befürworter der "Winterzeit" betonen Offensichtliches. So bricht in der Hauptstadt Moskau im tiefen Winter die Sonne erst gegen 9.30 Uhr durch. Das mache vor allem Kindern zu schaffen, meint Gutenjows Fraktionskollege Alexander Sidjakin. "Wie sollen sich denn Schüler in den ersten Unterrichtsstunden konzentrieren?" Die Bevölkerung hat sich bereits klar positioniert: Nur ein Drittel der Russen findet Umfragen zufolge die aktuelle Regelung noch gut - noch 2011 war die Begeisterung hingegen sehr hoch.

Deutlich mehr Patienten mit Depressionen

Ärzte berichten von deutlich mehr Patienten mit Depressionen. Unwohlsein und Müdigkeit kosten die Wirtschaft nach Berechnungen Gutenjows umgerechnet bis zu 15 Milliarden Euro im Jahr. Wie er auf diese Zahlen kommt, erklärt er aber nicht. Fußballfans beklagen späte Anstoßzeiten bei Europapokalspielen durch den Zeitunterschied von drei statt zwei Stunden zu Westeuropa im Winter.

Doch die Staatsduma hat Gutenjows Gesetzentwurf noch nicht besprochen. Und auch der Abgeordnete plädiert nicht mehr für eine sofortige Umstellung, sondern hofft auf einen Kompromiss: "Die Regierung unterstützt den Gesetzentwurf, aber der Wechsel findet erst nach den Olympischen Spielen statt."

Einfach werden dürfte das aber nicht. Eine Rückkehr sei "unsinnig", meint Ministerpräsident Dmitri Medwedew. Er hatte die Zeitreform noch als Kremlchef massiv vorangetrieben. Und auch Putin, Medwedews politischer Ziehvater, könnte nach Ansicht von Kommentatoren Schaden nehmen durch eine Rolle rückwärts. Schließlich steht der Kreml immer wieder in der Kritik, auf dem Rücken des Volkes nach Belieben zu experimentieren.

Quelle: ntv.de, Benedikt von Imhoff, dpa