Panorama

Verharmlost Polizei die Attacke? Sanitäter schlägt auf gefesselten Patienten ein

Bei einem Einsatz in einer Geflüchtetenunterkunft prügelt ein Sanitäter auf einen fixierten Patienten ein. Die Polizei klammert den Vorfall in einer ersten Pressemitteilung aus, nun belegen Videoaufnahmen den Schlag. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft - nicht nur gegen den Mediziner.

Die Bilder der Überwachungskamera stammen aus der Nacht zum 8. November des vergangenen Jahres: Sie zeigen einen Mann, der auf einer auf dem Boden stehenden Trage eines Rettungsdienstes fixiert ist. Um ihn herum stehen mehrere Polizisten, als ein Sanitäter mit Schwung auf den Fixierten zugeht, ausholt und zuschlägt. Der Kopf des wehrlosen Mannes schwingt zur gegenüberliegenden Seite, der Sanitäter geht zur Seite, die Polizeibeamten greifen nicht ein.

Wegen dieser gut dokumentierten Szenen aus einer Geflüchtetenunterkunft in Hessen ermittelt nun die Staatsanwaltschaft, wie die "Bild" berichtet. Bei dem in wehrloser Position Angegriffenen handelt es sich demnach um einen 32-jährigen Bewohner der Kasseler Unterkunft, der zuvor im Vorraum des Gebäudes randaliert haben soll. So habe es die Polizei in einer ersten Pressemitteilung geschrieben - der tätliche Angriff des 44 Jahre alten Sanitäters fand darin keine Erwähnung.

Der 32-Jährige muss die Nacht in Polizeigewahrsam verbringen, gegen ihn wird "wegen tätlichen Angriffs auf Rettungskräfte, Widerstands gegen Polizeibeamte, Beeinträchtigung von Nothilfemitteln und Sachbeschädigung" ermittelt. Am Tag darauf erstattet er selbst Anzeige wegen Körperverletzung gegen den Sanitäter. "Bild" zufolge erlitt der Bewohner der Geflüchtetenunterkunft einen doppelten Bruch des Jochbeins sowie Prellungen. Das Blatt verweist dabei auf den ärztlichen Befund, den der Syrer vorgelegt habe.

Anwalt spricht von "Folter"

Eine Entscheidung der Staatsanwaltschaft steht noch aus. Ermittelt wird inzwischen auch gegen die untätigen Polizeibeamten, die sich der unterlassenen Hilfeleistung sowie der Strafvereitelung im Amt schuldig gemacht haben könnten. Dem Bericht nach habe die Polizei den Vorfall zunächst heruntergespielt - die Bilder würden nicht zeigen, ob der Gefesselte womöglich gar nicht getroffen geworden sei, der Schlag könne ja auch die Kopfstütze der Trage getroffen haben.

Entsprechend aufgebracht erscheint die Aussage des Rechtsanwalts, der den 32-Jährigen nun vertritt: "Dass die Polizei die Vorgänge vor dem Hintergrund des für sich selbst sprechenden Videos verharmlost, ist absolut skandalös." Die Umstände "grenzen an Folter", sagte er der "Bild", und fordert: "Die Justiz muss vor allem dann Farbe bekennen, wenn Dinge mal nicht reibungslos laufen." Die Stellungnahme der Polizei verhöhne seinen Mandanten.

Auch die Vorgeschichte des Schlages ist Thema, auf "Bild"-Nachfrage teilte die Polizei mit, der offenbar alkoholisierte 32-Jährige habe sich "erheblich gegen die Einsatzkräfte zur Wehr gesetzt, nach ihnen getreten und sie mehrfach angespuckt". Diese Vorwürfe gelangten über die Pressemitteilung auch an die Öffentlichkeit, der Schlag des Sanitäters dagegen blieb darin unvermerkt. Warum, wird nicht erklärt. Allerdings beschwichtigt der Polizeisprecher, es hätte einen Vermerk im Einsatzbericht gegeben, der "im weiteren Verlauf zu einer rechtlichen Würdigung durch die zuständige Staatsanwaltschaft geführt" hätte.

Abseits der möglichen strafrechtlichen Konsequenzen hat das Bekanntwerden des Schlages für den 44-Jährigen schon jetzt erste Folgen. Dem Bericht zufolge sei dem Medizinier "unmittelbar nach Bekanntwerden der Vorwürfe" fristlos gekündigt worden. Ein weiteres Zitat lautet: "Sollten die gegen die Person erhobenen Vorwürfe zutreffend sein, sind diese mit den Werten unserer Hilfsorganisation unvereinbar." Zu klären bleibt allerdings, warum diese Vorwürfe erst durch die Anzeige des Geschlagenen und vor allem durch das Video der Tat öffentlich wurden.

Quelle: ntv.de, tsi

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