Panorama

Extrem schnelle Verbreitung Südafrika erlebt "Coronavirus-Sturm"

2020-07-13T000000Z_1083489688_RC2ISH9EOVKI_RTRMADP_3_HEALTH-CORONAVIRUS-SAFRICA.JPG

Die Corona-Pandemie hat die Situation der Obdachlosen auf den Straßen von Johannesburg noch verschärft.

(Foto: REUTERS)

In Südafrika ist die Pandemie mit voller Wucht angekommen, die Zahl der Corona-Neuinfektionen schnellt nach oben. Auch wenn viele Covid-19 überleben, zwingt die Pandemie die bisher führende Wirtschaftsnation des Kontinents in die Knie. Millionen Südafrikaner kämpfen um ihr Überleben.

Der Rauch ist pechschwarz. Die riesige Wolke zieht Land auswärts über die Bucht von Hout Bay nahe Kapstadt und jeder, der hier wohnt, weiß sofort: Das ist "trouble". Eine Demonstration, mit brennenden Reifen, wie sie in diesen Tagen fast täglich in den Armenvierteln Südafrikas stattfindet. Hungernde und zunehmend aufgebrachte Menschen blockieren Straßenkreuzungen und Highways. An diesem Morgen protestieren Bewohner, weil sie seit fünf Tagen keinen Strom haben. Das ist hart - besonders bei den derzeitigen Wintertemperaturen und heftigen Stürmen, die die rasend schnelle Ausbreitung des Coronavirus am Kap von Afrika begleiten.

*Datenschutz

Mit 324.331 nachgewiesenen Infektionen steht die afrikanische Nation inzwischen weltweit an sechster Stelle. Täglich über 13.000 Neuinfektionen, damit liegt die Kap-Nation sogar vor Russland. Die Recovery Rate beträgt derzeit nur 51 Prozent. "Jetzt sind wir mittendrin im Sturm, vor dem wir uns so lange gefürchtet haben", sagt Gesundheitsminister Zweli Mkhize. Auch Präsident Cyril Ramaphosa sprach vom "Coronavirus-Sturm", der "deutlich heftiger und zerstörerischer" sei, "als wir es bislang erlebt haben".

Besonders der Bundesstaat Gauteng mit der Metropole Johannesburg ist schwer betroffen. Ein Drittel der Fälle wurden in diesem dicht besiedelten Gebiet nachgewiesen. Die Krankenhäuser sind schon teilweise überfüllt. Das drittgrößte der Welt, das Chris Hani Baragwanath Hospital, nimmt inzwischen auf allen Stationen Covid-19-Patienten auf. Alle Abteilungen sind voll. Es fehlt vieles, aber besonders Sauerstoff. Die Regierung versucht mithilfe der Privatwirtschaft Lösungen zu finden. Aber es dauert.

In der Zwischenzeit hat sich schon fast die Hälfte des medizinischen Personals mit dem Coronavirus infiziert. Im Gegensatz zu anderen afrikanische Nationen testet Südafrika inzwischen umfassend, circa 40.000 Mal pro Tag. Trotzdem gehen führende lokale Wissenschaftler davon aus, dass die wahre Infektionszahl wesentlich höher liegt. Manche sprechen von 1 bis 1,2 Millionen infizierten Südafrikanern. Und man ist sich einig: Das Land hat den Höhepunkt der Pandemie noch nicht erreicht.

Der Schutzmaßnahmen müde

"Wir müssen unser Verhalten überall ändern", sagt Gesundheitsminister Mkhize, der selbst Arzt ist, in diesen Tagen immer wieder und spielt auf die wachsende Müdigkeit der Südafrikaner an, den Corona-Schutzmaßnahmen zu folgen. Seit über 110 Tagen ist das Land im "echten" Lockdown. Es gilt eine Maskenpflicht, aber viele halten sich nicht daran. Auf Anraten des Gesundheitsministers verschärfte die Regierung nun die Strafen für alle, die keine Maske tragen. Festivitäten und Reisen zu Verwandten sind untersagt. Der Verkauf von Alkohol wurde wie schon zu Beginn des Lockdowns erneut verboten. Auch Zigaretten dürfen nicht verkauft werden.

Während Letzteres von vielen als reine Schikane empfunden wird, ergibt das Alkoholverkaufsverbot tatsächlich Sinn. Gewaltdelikte alkoholisierter Täter binden in Südafrika vor allem an Wochenenden extreme viele Krankenhauskapazitäten. Laut einer vom südafrikanischen Gesundheitsministerium in Auftrag gegebenen Studie könnte das Alkoholverbot in nur 3 Wochen bis zu 6800 Notfallbehandlungen in Krankenhäusern verhindern.

Doch Rechenmodellen trauen Südafrikaner in diesen Tagen eher wenig. Mit 40.000 Corona-Toten müsse die Nation rechnen, hatte es immer wieder geheißen. Trotz rasant steigender Infektionszahlen ist die Todesrate derzeit noch erstaunlich niedrig. Im Vergleich zu Deutschland sterben in Südafrika etwa nur halb so viele Menschen an Covid-19. Die Ursache dafür ist noch unklar. Aber die junge Bevölkerungsstruktur Südafrikas hat sicherlich viel damit zu tun.

Der Hunger kommt zurück

Dafür wird das Überleben im Post-Corona-Südafrika extrem schwierig sein. Der ökonomische Schaden des langen Lockdowns ist katastrophal, zumal die Wirtschaft des Landes schon vor der Corona-Pandemie extrem angeschlagen war. Laut einer Studie verloren schon im ersten Monat des Lockdowns drei Millionen Südafrikaner ihr Einkommen. Zwei Drittel davon sind Frauen. "Als wir die Zahlen sahen, waren wir selbst sprachlos", sagt Studienleiter Dr. Nic Spaull. "Die Auswirkungen sind massiv."

Frauen sind das Rückgrat der südafrikanischen Gesellschaft. Meist alleinerziehend, versorgen sie mit ihren Einkünften nicht nur die eigenen Kinder, sondern oft auch zahlreiche Verwandte. 47 Prozent der Befragten gaben an, schon im April nicht ausreichend Geld für Lebensmittel zur Verfügung gehabt zu haben. Betroffen sind vorwiegend die ohnehin Schlechtergestellten. In Südafrika ist das immer noch die schwarze Bevölkerung. In dem Land mit der weltweit größten Kluft zwischen Arm und Reich werden die Gräben durch das Coronavirus noch tiefer. Es sterben vielleicht durchschnittlich weniger Menschen an Covid-19, dafür hungern mehr, als man sich je vorstellen konnte. Deshalb gibt es "trouble". Das treibt die Menschen auf die Straße und lässt sie Reifen verbrennen. Der schwarze Rauch ist kein gutes Zeichen.

Quelle: ntv.de