Panorama

Extrem hohe Werte bei Kindern Thüringen ist jetzt Corona-Hotspot Nr. 1

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Die Inzidenz von Thüringens Hauptstadt Erfurt liegt bei 100.

(Foto: picture alliance / Zoonar)

Während in den westlichen Bundesländern die Corona-Fallzahlen sinken oder stagnieren, steigen sie im Osten weiter an. Besonders steil nach oben geht es in Thüringen, das jetzt die höchste Inzidenz Deutschlands aufweist. Das liegt vor allem an teils extrem hohen Werten bei Kindern und Jugendlichen.

Vor einem Jahr betrug die 7-Tage-Inzidenz in Deutschland 33,4 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Aktuell liegt sie trotz Impfungen bei 65,4, ist also fast doppelt so hoch. Der große Unterschied ist allerdings, dass sich die Kurve seit fast zwei Wochen seitwärts bewegt und nicht wie vor zwölf Monaten steil ansteigt. Das liegt vor allem an den westlichen Bundesländern, wo die Fallzahlen zum Teil deutlich rückläufig sind. Im Osten gehen sie dagegen nach oben.

Vor allem in Thüringen wächst die Zahl der Neuinfektionen rasant - dort herrscht jetzt die höchste Inzidenz Deutschlands. Eine gegenläufige Tendenz ist nicht zu erwarten, seit Mitte August steigen die Fallzahlen stetig und immer schneller nach oben. Innerhalb von drei Wochen haben sie sich verdoppelt und liegen jetzt bei rund 104 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche.

Vor allem Ungeimpfte betroffen

Betroffen sind vor allem Menschen ohne Impfschutz. Aktuell gibt der Freistaat die 7-Tage-Inzidenz der vollständig Geimpften mit 20,7 an, die der Ungeimpften mit 155. Dabei beziehen sich die Werte jeweils auf 100.000 Personen der entsprechenden Gruppen, woraus klar wird, dass der Unterschied gewaltig ist.

Das liegt zum Teil an einem relativ hohen Anteil der Bevölkerung, der sich bisher nicht hat impfen lassen und dies offenbar auch nicht möchte. Nur 61,2 Prozent der Bevölkerung haben in Thüringen nach offiziellen RKI-Zahlen wenigstens eine Dosis erhalten, 59,5 Prozent sind vollständig geschützt. Das sind nach den sächsischen (58,3/55,6), die schlechtesten Gesamtquoten aller Bundesländer. Die Bundesrepublik kommt aktuell auf 68,6 und 65,4 Prozent.

Für das Gesundheitssystem kritisch ist dabei vor allem, dass von den über 60-Jährigen in Thüringen lediglich 81,2 Prozent durchgeimpft sind. Denn nach Sachsen-Anhalt (47,9) hat der Freistaat mit 47,4 Jahren das höchste Durchschnittsalter unter den Bundesländern. Laut Online-Sozialstrukturatlas sind 738.544 der 2,12 Millionen Thüringer älter als 60 Jahre. Das bedeutet, in dieser besonders vulnerablen Gruppe sind knapp 139.000 Menschen ohne ausreichenden Impfschutz.

Druck auf Intensivstationen wächst

Entsprechend liegt laut Auswertungen von Michael Böhme auch die Inzidenz der 60- bis 79-Jährigen in Thüringen über 45, bei den über 80-Jährigen sogar über 50. Wenig erstaunlich steigt daher in dem Bundesland die Belegung der Intensivstationen mit Covid-19-Patienten steil an. Am 15. August waren es laut DIVI-Intensivregister nur fünf Corona-Fälle, am 3. Oktober 16, gestern bereits 37. Seit dem 1. Oktober wuchs der Anteil der Corona-Patienten auf Thüringens Intensivstationen von 2,5 auf 5,6 Prozent.

Nach Zahlen des Gesundheitsministeriums war in der Woche bis zum 3. Oktober die Hälfte der Intensivpatienten vollständig geimpft. Dabei waren alle Betroffenen über 60 Jahre alt und drei von vier der Patienten hatten Vorerkrankungen.

Bundesweit sind inzwischen 46,6 Prozent der intensiv versorgten Covid-19-Patienten jünger als 60 Jahre, wobei besonders stark die 50- bis 59-Jährigen (23,5 Prozent) und die 40- bis 49-Jährigen (12,9 Prozent) vertreten sind. Die Inzidenz der 35- bis 59-Jährigen liegt in Thüringen nur noch knapp unter 100, die Intensivstationen könnten sich also schon bald auch aus dieser Altersgruppe füllen.

Überwiegend Warnstufe 1

Aktuell herrscht in fast allen Kreisen erst Warnstufe 1 von 3. Sie wird nach drei Tagen mit Inzidenzen von 35 bis 99,9, 4 bis 6,9 Hospitalisierungen pro 100.000 Einwohner oder einem Anteil der von Covid-19-Patienten belegten betreibbaren Intensivbetten zwischen 6 und 11,9 Prozent ausgerufen. Der Landkreis Sonneberg liegt noch im grünen Bereich.

Lediglich in zwei Kreisen wurde bereits die Warnstufe 2 ausgerufen. In Schmalkalden-Meiningen beträgt die Infektions-Inzidenz 128 und die Hospitalisierungsinzidenz liegt bei 10,5. Saalfeld-Rudolstadt zählt zwar nur 84,2 Neuinfektionen und nur 5,9 Hospitalisierungen pro 100.000 Einwohner. Allerdings liegen die Werte erst drei Tage unter dem Bereich der Warnstufe 2. Um zurückgestuft zu werden, muss ein Kreis mindestens zwei der drei Werte des Frühwarnsystems an sieben aufeinanderfolgenden Tagen unterschreiten.

Höchste Inzidenzen bei Kindern

Die noch vergleichsweise glimpfliche Situation ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass die hohe Inzidenz Thüringens hauptsächlich auf zum Teil extrem hohe Ansteckungsraten bei den jüngeren Menschen zurückzuführen ist, die nur sehr selten schwer erkranken. Die Inzidenz der 5- bis 14-Jährigen liegt im Freistaat bereits über 300.

In einzelnen Regionen sind die Fallzahlen der Kinder noch weit höher. Im Kyffhäuserkreis kommen die 0- bis 14-Jährigen sogar auf knapp 883 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche, in Hildburghausen sind es 383 Fälle.

Die hohen Inzidenzen der Kinder haben zu heftigen Diskussionen in dem Land über die Schutzmaßnahmen an Schulen geführt. Denn bei Warnstufe 1 gilt den geltenden Regeln nach bei Präsenzunterricht für alle Altersklassen nur eine Maskenpflicht im Schulhaus. Außerdem müssen Tests nur zweimal pro Woche angeboten werden, sind aber nicht verpflichtend.

Auch in Warnstufe 2 müssen Tests nur angeboten werden, ältere Schüler und Lehrer müssen dann auch im Unterricht Masken tragen. Erst bei Warnstufe 3 müssen Tests verpflichtend durchgeführt werden. Warnstufe 3 gilt, wenn die Inzidenz drei Tage über 200 liegt, die Hospitalisierungsrate 12 überschreitet oder der Anteil der Covid-19-Patienten höher als 12 Prozent ist.

Erwachsene in der Verantwortung

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Ob die Schulen schuld an den hohen Inzidenzen in Thüringen sind, ist allerdings zweifelhaft. Zumindest waren sie bisher nicht die Orte, wo sich die größtenteils ungeimpften Kinder am häufigsten anstecken. Unter anderem stiegen die Schüler-Inzidenzen in NRW und anderen Bundesländern nicht wie befürchtet mit dem Schulbeginn nach den Sommerferien, sondern sie gingen massiv zurück.

Die bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse deuten eher darauf hin, dass sich die Kinder vor allem außerhalb der Schule bei Älteren infizieren und Bildungseinrichtungen das Infektionsgeschehen in der Gesellschaft widerspiegeln. Wenn Thüringen die Schulen schützen und den Trend umkehren möchte, müssten sich also vor allem mehr Impfberechtigte impfen lassen und viele Erwachsene ihr Verhalten ändern.

Quelle: ntv.de

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