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Inzidenzen steigen in den Ferien Schulen sind keine Pandemietreiber

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Solange es effektive Hygienemaßnahmen gibt, muss man keine stark steigenden Infektionszahlen durch Präsenzunterricht fürchten.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Die Inzidenzen bei Kindern und Jugendlichen schießen in die Höhe, weshalb hitzig über Präsenzunterricht diskutiert wird. Doch die Schulen sind bisher keine Pandemietreiber und vieles spricht dafür, dass sie es auch künftig nicht sein werden. Es könnte sogar das Gegenteil der Fall sein.

Die Fallzahlen bei Kindern und Jugendlichen gehen weiter steil nach oben. Besonders stark sind die 5- bis 19-Jährigen betroffen, wobei deutschlandweit die 7-Tage-Inzidenz mit 182 Neuansteckungen pro 100.000 Einwohnern bei den 10- bis 14-Jährigen am höchsten ist. In einzelnen Bundesländern sind die Werte allerdings noch viel höher, ganz speziell in Nordrhein-Westfalen, wo die Inzidenz dieser Altersgruppe aktuell 341,6 beträgt.

Das lässt viele Menschen fürchten, dass der Unterrichtsbeginn nach den Sommerferien zu einer Explosion der Fallzahlen führen wird. Doch bisher zeigt sich diese Sorge als unbegründet, die jüngste Entwicklung deutet sogar darauf hin, dass die Schulen die vierte Welle abbremsen könnten.

Steigende Inzidenzen in den Ferien

Zunächst muss man festhalten, dass die Bildungseinrichtungen bisher mit den aktuellen Infektionen wenig zu tun haben können. Denn in den meisten Bundesländern sind die Ferien erst kürzlich zu Ende gegangen oder sind noch gar nicht vorbei.

In den vergangenen sieben Tagen haben die Inzidenzen in Bayern und Baden-Württemberg mit einer Steigerung von jeweils 61 Prozent am meisten zugelegt. Dahinter folgen Bremen und Thüringen mit 57 und 54 Prozent. Starke Anstiege haben auch Niedersachsen und Rheinland-Pfalz mit 45 und 43 Prozent zu verzeichnen. Bayern und Baden-Württemberg haben noch Ferien, in den anderen Ländern hat die Schule erst vor ein paar Tagen begonnen.

Schon vor rund einem Monat hat der Unterricht in Hamburg, Berlin und Brandenburg begonnen. Die bereits hohen Inzidenzen in diesen Bundesländern sind in der vergangenen Woche aber lediglich um 1 bis 10 Prozent gestiegen, obwohl der Schulbetrieb schon so lange läuft, dass sich Infektionen dort in der Statistik niederschlagen.

Das gilt auch für Nordrhein-Westfalen, wo die Ferien am 17. August zu Ende gingen. Wenn man wie im Sars-CoV-2-Steckbrief des RKI davon ausgeht, dass die mittlere Inkubationszeit fünf bis sechs Tage beträgt und sich bei den meisten Infektionen spätestens nach 10 bis 14 Tagen Symptome zeigen, sollte man dort jetzt die Auswirkungen des Schulstarts sehen können.

Sinkende Fallzahlen nach Schulstart

Doch das ist nicht der Fall. Im Gegenteil: Die 7-Tage-Inzidenzen in NRW sind in der vergangenen Woche durchweg deutlich zurückgegangen. Bei den 10- bis 14-Jährigen registrierte das Land am 25. August mit fast 432 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner den bisher höchsten Wert dieser Altersgruppe. Gestern lag er nur noch bei 342. Bei den 5- bis 9-Jährigen sank die Inzidenz von 341 auf 317, bei den 5- bis 9-Jährigen von 317 auf 262.

Ein ähnlicher Trend ist in Berlin zu beobachten, wenn auch nicht ganz so deutlich. Die Inzidenz der 10- bis 14-Jährigen ist von 233 auf 219 zurückgegangen, die der 5- bis 9-Jährigen von 158 auf 140. Der Wert der 15- bis 19-Jährigen hat zwar erneut von 187 auf 202 zugelegt. Nach einem sprunghaften Anstieg in der Woche direkt nach Ferienende von 106 auf 198 Neuinfektionen hat sich die Lage aber auch in dieser Altersgruppe beruhigt.

Aus Hamburg gibt es nicht ganz so detaillierte Zahlen, aber auch dort sinken die Inzidenzen der Schüler. Am 28. August wurde laut "Hamburger Morgenpost" bei den 5- bis 14-Jährigen mit 281,5 Neuansteckungen pro Woche und 100.000 Einwohner der vorläufige Höhepunkt erreicht, am 31. lag die Inzidenz bei 263. Der Wert der 15- bis 34-Jährigen ging im gleichen Zeitraum von 128 auf 124 leicht zurück. In allen anderen Altersgruppen haben die Fallzahlen dagegen zum Teil deutlich weiter zugelegt.

Definitiv als Pandemietreiber haben sich dagegen Reiserückkehrer erwiesen. Laut RKI waren im August 25 Prozent der Infektionen mit wahrscheinlich bekanntem Ansteckungsort auf Auslandsreisen zurückzuführen, vor allem auf Familienbesuche.

0,12 Prozent der Schüler infiziert

Dass sich Kinder und Jugendliche eher zu Hause und in ihrer Freizeit anstecken, ist auch aus den Zahlen der Kultusministerkonferenz (KMK) zur Schul-Situation in den Bundesländern zu entnehmen, in denen in der Woche vom 16. August unterrichtet wurde.

Insgesamt gingen in dieser Zeit rund 1,53 Millionen Kinder und Jugendliche in 3613 Schulen. Dabei wurden 1774 Infektionen entdeckt, was einem Anteil von 0,12 Prozent entspricht.

Aufgrund dieser Fälle waren 8849 Schülerinnen und Schüler in Quarantäne (0,58 Prozent), an 152 Schulen mussten Klassen oder Lerngruppen wegen der Covid-19-Fälle in den Distanzunterricht. Offensichtlich durch den Impffortschritt gab es unter den rund 140.000 Lehrkräften gerade mal 58 bestätigte Infektionen, was einem Anteil von 0,04 Prozent entspricht.

Interessant ist, dass die Delta-Variante offenbar nicht zu mehr Infektionen in Schulen führt als die Alpha-Mutante des Coronavirus, die noch im Frühjahr vorherrschend war. So waren Anfang Mai von rund 9,9 Millionen Schüler 0,14 Prozent infiziert, 0,52 Prozent mussten in Quarantäne. Bei den Lehrkräften betrugen die Werte 0,15 und 0,44 Prozent.

Kaum Studiendaten aus Deutschland

Die Studienlage zum Thema Covid-19 in Schulen ist in Deutschland nach dem bereits zweiten Pandemie-Sommer erschütternd dünn. Im Prinzip gibt es so gut wie keine neuen Erkenntnisse. Zwar zeigte eine Studie des Landes Rheinland-Pfalz im Frühjahr, dass Infektionen viel eher von außen in die Schulen und Kitas hineingetragen werden, als dass sie Pandemieherde wären. Doch die zugrunde liegenden Zahlen stammen noch aus dem Herbst 2020.

Eigentlich gibt es in Deutschland mit der B-FAST-Studie, ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördertes Projekt des Nationalen Forschungsnetzwerks der Universitätskliniken in Deutschland. Das hat Infektionsketten in Bildungseinrichtungen hinein oder aus ihnen heraus erforscht. Doch obwohl die Studie bereits im März abgeschlossen war, wurden bisher keine Ergebnisse veröffentlicht. Im Mai sagte der Kölner Studienleiter Jörg Dötsch ntv.de, dies liege daran, dass die Arbeit bisher noch in keinem anerkannten Journal publiziert worden sei.

Interessante Details verriet er aber für einen Blogeintrag des BMBF: "Wir sehen die Kinder und Jugendlichen in den Schulen als Teil der Pandemie und auch als Teil der dritten Welle - aber nicht als Treiber", so Dötsch damals. Die B-FAST-Studie habe gezeigt, "dass alle Kinder, die wir identifizieren konnten, unterschiedliche Varianten des Virus in sich trugen. Das bedeutet, dass sie sich nicht gegenseitig, zumindest nicht im Testzeitraum, in der Schule angesteckt zu haben scheinen", so Dötsch.

Eindeutige Ergebnisse aus England

Der Blogeintrag existiert inzwischen nicht mehr, Anfragen von ntv.de nach dem Verbleib der Studienergebnisse wurden bisher nicht beantwortet. Doch ein Blick ins Ausland hilft (wie so oft), die deutschen Forschungslücken zum Thema Covid-19 zu schließen. Unter anderem läuft in Großbritannien die staatlich geförderte Langzeitbeobachtung Schools Infection Survey (SIS), die regelmäßig wertvolle Daten und Erkenntnisse zu der Pandemie-Situation an Schulen liefert.

Die jüngsten SIS-Ergebnisse stammen von Juni aus 141 Schulen im Nordwesten Englands der ersten und zweiten Stufe, also mit Schülern im Alter etwa zwischen 5 und 16 Jahren. Das Ergebnis: Die Infektionshäufigkeit, die sogenannte Prävalenz beider Gruppen war niedriger als im Herbst 2020. Von den jüngeren Schülern waren 0,27 Prozent infiziert, etwa so viele wie im Monat davor. Bei den Älteren verzeichnete man einen Anstieg auf 0,42.

Die Forscher verglichen die regionalen Ergebnisse mit den Zahlen von Kindern vergleichbaren Alters aus der landesweiten Coronavirus (Covid-19) Infection Survey (CIS). Daraus ergab sich, dass die Prävalenz bei Schülern in Schulen über alle Zeiträume der Studie konstant niedriger war. Gleichzeitig waren positive Antikörpertests (Serokonversionsrate) beim Schulpersonal mit 0,8 beziehungsweise 1,9 pro Personalwoche so niedrig wie nie im vergangenen Schuljahr.

Studienleiter Patrick Nguipdop-Djomo sagt, die Ergebnisse zeigten, dass Schulen größtenteils das allgemeine Infektionsgeschehen der Gesellschaft widerspiegelten. Daher sei es wichtig, insgesamt die Inzidenzen niedrig zu halten, um die Schulen zu schützen.

Bestätigungen aus Österreich und den USA

Zu sehr ähnlichen Ergebnissen kommt die österreichische "Gurgelstudie" für April und Mai. Dafür wurden zufällig ausgewählte Schüler und Lehrer mehrmals im Laufe des Schuljahres auf Covid-19 getestet. Wie in allen vorangegangenen Runden korreliere die Prävalenz auch diesmal in den untersuchten Schulen mit der 7-Tagesinzidenz pro 100.000 Einwohner in den Bezirken, in denen sich die untersuchten Schulen befinden, so die Auswertung.

Und auch die US-Gesundheitsbehörde Centers for Desease Control and Prevention (CDC) kommt in ihrer jüngsten Auswertung internationaler Studien zu dem eindeutigen Ergebnis, "dass die Übertragung innerhalb von Schulen in der Regel niedriger als - oder zumindest ähnlich - der kommunalen Übertragung ist, wenn in den Schulen Präventionsstrategien vorhanden sind".

Alle müssen ihren Beitrag leisten

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Für Deutschland ergibt sich daraus, dass eine Angst vor Schulen als Pandemietreiber wahrscheinlich unbegründet ist, solange es an den Schulen effektive Hygienekonzepte gibt.

Um Kindern und Jugendlichen Quarantäne und Distanzunterricht möglichst zu ersparen, gilt es, die Inzidenzen durch Maßnahmen außerhalb der Bildungseinrichtungen niedrig zu halten. Das müssen keine Einschränkungen sein, eine hohe Impfquote ist der beste Schutz für Schulen. Schließlich sollte auch eine Erkenntnis aus Österreich berücksichtigt werden, wonach die Prävalenzen in sozial benachteiligten Gruppen höher sind.

Quelle: ntv.de

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