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Mittwoch, 08. November 2017

Kampf gegen die Riesenkreuzer: Venedig verbannt die Ökomonster

Von Andrea Affaticati, Mailand

Endlich haben sich die Politiker geeinigt: In Zukunft sollen die Kolosse der Meere nach Porto Marghera schippern und nicht mehr durch das San-Marco-Becken. Nur für die Umsetzung dieses Vorhabens braucht es drei, vier Jahre. Und bis dahin kann noch allerhand geschehen.

Die Mühlen der Politik und der Bürokratie mahlen in Italien zwar besonders langsam, doch irgendwann werden auch hierzulande Absichtserklärungen zu rechtskräftigen Beschlüssen. Wie jetzt im Fall der großen Passagierschiffe, den "eco mostri", den Ökomonstern, die mitten durch Venedig ziehen und gegen die seit Jahren Bürgerkomitees und Umweltschutzverbände kämpfen.

Gestern teilte Infrastrukturminister Graziano Delrio mit, dass es in Zukunft Kreuzfahrtschiffen mit einem Gewicht von über 55.000 Tonnen nicht mehr erlaubt sein wird, durch Venedigs Altstadt zu fahren. Die Passagiere dieser "schwimmenden Wolkenkratzer" werden demnach auf den atemberaubenden Anblick von Deck aus auf den Markusplatz und die Palazzi entlang des Canale della Giudecca verzichten müssen.

Statt in der Stazione Marittima in Venedig werden die Passagiere in Zukunft in dem nicht gerade glamourösen Porto Marghera, dem Handels- und Industriehafen auf der gegenüberliegenden Seite der Lagune, von Bord gehen. Hier plant man auch ein neues Passagierterminal - eine Perspektive, die den Präsidenten der Region Venetiens, Luca Zaia, am Ende dann doch dazu bewegt hat, sein Einverständnis zu geben. Zaia war nämlich, genauso wie der Bürgermeister von Venedig, Luigi Brugnaro, bis vor Kurzem noch ein strikter Gegner dieser Pläne. Denn man teilte die Angst der Unternehmer und der Tourismusbranche, die Verlegung nach Marghera würde dem Geschäft schaden. Mittlerweile träumt Zaia aber von einem Luxusterminal.

Noch weitere vier Jahre

Doch auch Zaia wird sich gedulden müssen. Die ganze Umstellung wird natürlich nicht von heute auf morgen gehen. Minister Delrio sprach gestern von drei bis vier Jahren. Also weitere vier Jahre zu den fünfeinhalb schon verstrichenen seit dem tragischen 13. Januar 2012. Am Abend jenes Tages kenterte infolge eines leichtsinnigen Manövers des Kapitäns vor der toskanischen Insel Giglio das Kreuzfahrtschiff Costa Concordia und 32 Menschen kamen ums Leben.

Damals hatte die Regierung in Rom per Eilverfahren die Einschränkung des Verkehrs großer Passagierschiffe angeordnet. Was Venedig betrifft, sollte Schiffen ab 40.000 Tonnen die Durchfahrt des San-Marco-Beckens untersagt werden. Da sich aber Stadtverwaltung, Provinzen, Umwelt- und Infrastrukturministerium bis vorgestern auf keine der möglichen alternativen Routen einigen konnten, blieb alles beim Alten.

Unesco legt Finger in Wunde

Weswegen sich unlängst auch die Unesco mit einem Schreiben bei der Stadtverwaltung meldete und diese drängte, endlich und schnellstmöglich eine Alternative für diese schwimmenden Kolosse und den Massentourismus in Venedig zu finden. Dieser Mahnung habe man jetzt auch Folge geleistet, meldete sich gestern hocherfreut Bürgermeister Brugnaro via Twitter zu Wort. Mit der nun getroffenen Vereinbarung habe man "der Unesco und der Welt klargemacht, dass wir jetzt eine Lösung für die großen Schiffe in der Lagune haben".

Doch nicht alle sehen das so. Allen voran die Aktivisten des Dachverbands "No Grandi Navi", unter dem sich ein Großteil der Bürgerinitiativen gegen diese Ökomonster zusammengeschlossen hat. Dessen Vorsitzender Luciano Mazzolin erklärte gestern in einem Interview mit dem Rundfunksender Radio Capital: "Es geht doch nicht nur um das San-Marco-Becken - die ganze Lagune muss geschützt werden. Denn es ändert nichts, wenn die Schiffe statt wie jetzt über die Lido-Einfahrt demnächst über die Malamocco-Einfahrt in die Lagune fahren."

Hinzu kommt dann auch der Ausbau eines Kanals für die kleineren Schiffe. Dieses Projekt sei doch schon einmal bei der Kommission im Umweltministerium durchgefallen, warum wird es jetzt durchgewinkt? Und einmal abgesehen von all dem werden, zumindest noch in den nächsten zwei, drei Jahren, die Riesenkreuzer weiter das schon sehr fragile Ökosystem der Lagunen bedrohen und die Sicht entlang des Canale della Giudecca versperren.

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Quelle: n-tv.de

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