Panorama

Lauterbach im ntv-Interview "Veranstaltungen bis 1000 Menschen jetzt denkbar"

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Wenn alles offen ist, werden sich im Herbst alle Ungeimpften infizieren, prophezeit SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach.

(Foto: imago images/Future Image)

Bund und Länder finden keine Linie bei Großveranstaltungen, SPD-Experte Lauterbach fürchtet nun Wildwuchs. Dabei "können wir im Moment wirklich eine Menge wagen", sagt er im ntv-Interview. Für den Herbst fürchtet er Probleme - und plädiert der STIKO-Empfehlung zum Trotz für die Impfung von Kindern.

ntv: Bund und Länder konnten sich gestern nicht darauf einigen, ein einheitliches Konzept für Großveranstaltungen zu entwerfen. Was halten Sie für verantwortbar, gerade jetzt, wo die EM losgeht?

Karl Lauterbach: Ich hätte mich gefreut, wenn man sich auf ein solches Konzept hätte einigen können. Die Städte, die Kommunen und die Länder brauchen eine verbindliche Regel, sonst macht jeder das, was er will und es ist nicht wissenschaftlich abgesichert. Ich glaube, dass wir im Moment wirklich eine Menge wagen können, sofern es draußen stattfindet und diejenigen, die teilnehmen, geimpft, getestet oder genesen sind. Wenn man draußen getestet zusammen sitzt und die Abstände werden eingehalten, dann sind auch große Veranstaltungen möglich. Auf jeden Fall ist es möglich, dass die EM in Restaurants geschaut wird, also im Außenbereich, und ich plädiere dafür, dass wir hier großzügig die Außenbereiche auch abends offen lassen.

Die Staatskanzleichefs der Länder sollen sich ja jetzt einigen, was soll in solch einer Vereinbarung konkret drin stehen?

Das kann man als Einzelperson nicht wirklich vorgeben, die Studienlage ist dazu auch sehr unübersichtlich. Man kann sich nur daran entlangbewegen, was wir haben: Die Antigentests, die Schnelltests, übersehen zwar vier von zehn Positiven. Trotzdem sind die Tests in der Lage, die Super-Spreader zu identifizieren, und auf die Super-Spreader kommt es ja an. Bei Veranstaltungen sind das diejenigen, die viele andere infizieren. So kann man auf jeden Fall viel machen, wenn es diese Kombination hat: Draußen und die anwesenden Menschen sind genesen oder getestet oder geimpft. Da hielte ich Veranstaltungen, wenn sie gut organisiert sind und die Tests ausreichend gut geprüft werden, von bis zu 1000 Menschen jetzt für denkbar.

Drinnen, in der Kneipe, sollten wir uns noch nicht zum Public Viewing treffen?

Drinnen wäre das aus meiner Sicht nach wie vor zu riskant. Selbst wenn es gelingt die Super-Spreader durch Tests herauszufiltern, gibt es dort noch Infektionen. Damit würde ich noch etwas warten. Wenn die Fallzahlen weiter so sinken und wir kommen in den Bereich von stabil einstelligen Fallzahlen, dann kann man auch drinnen, mit Tests und Impfungen und Genesen-Status, wieder deutlich mehr machen.

Was meinen Sie mit stabil?

Sieben Tage lang in der jeweiligen Kommune, in der Gemeinde, müssen die Fallzahlen unter zehn sein. Dann geht man schon ein relativ geringes Risiko ein. Aber: Ich werde nicht müde zu sagen, man darf auf die Tests nicht verzichten.

Was halten Sie eigentlich von der EM? Das Finale wird in Großbritannien vor 18.000 Zuschauern stattfinden. Die Zahlen steigen dort wieder. Die Spieler und ihre Entourage tingeln durch ganz Europa. Wir haben auch schon positiv getestete Spieler. Mit welchen Gefühlen sehen Sie das?

Ich war sehr kritisch, was die Europameisterschaft angeht, weil ich nicht gedacht habe, dass wir die Fallzahlen so stark runterbringen. Dass die EM in vielen europäischen Ländern stattfindet, das kann man jetzt aber machen. England ist jedoch eine Ausnahme, weil dort steigen die Fallzahlen wieder und es ist auch noch diese gefährliche indische Variante unterwegs. Somit bietet die Europameisterschaft in England einen Anlass dafür, dass mehr Menschen zusammenkommen, zusammen reisen, danach wieder auseinander gehen und es wird zu noch mehr Infektionen kommen. England hat ein Problem, muss man offen sagen. Obwohl England relativ schnell und gut impft, steigen die Fallzahlen wieder und es steigen sogar auch die Krankenhauseinweisungen.

Mit Blick auf die steigenden Infektionszahlen im letzten Herbst hat jetzt der Regionaldirektor der WHO gewarnt, zu schnell zu lockern. Ist das nicht ein falscher Vergleich?

In der Tat, man kann die Situation nicht vergleichen, aber trotzdem ist sie gefährlich. Wenn es uns gelingt, 80 Prozent der Bevölkerung zu impfen - und in England könnte das gelingen und ich glaube bei uns auch - dann sind trotzdem noch 20 Prozent ungeimpft. Und wenn wir dann alles wieder komplett öffnen, die Innenräume dann wieder ungeschützt sind, werden sich diese 20 Prozent infizieren. Sie werden sich dann wahrscheinlich auch mit der indischen Variante infizieren, denn es ist sehr wahrscheinlich, dass sie auch nach Kern-Europa kommt. Die indische Variante ist so viel ansteckender, dass wir davon ausgehen müssen, dass sich die Ungeimpften infizieren - leider auch Kinder.

Sollte man also Kinder trotz der fehlenden generellen Empfehlung der STIKO impfen?

Ich verstehe die Situation der STIKO sehr gut. Ich halte es aber selbst für sinnvoll Kinder zu impfen, wenn die Kinder es wollen. Kinder wollen ja auch wieder zur Normalität zurück. Und nach allem, was wir bisher gesehen haben, gibt es bei der Impfung von Kindern keine gravierenden Nebenwirkungen. Die Covid-Erkrankung, auf der Grundlage von zumindest ähnlichen Daten, führt bei einem Prozent der infizierten Kinder sogar zu einer Krankenhauseinweisung. Kindern die Impfung vorzuenthalten ist auf jeden Fall falsch. Ihnen sollte die Impfung angeboten werden und ich würde Kindern die Impfung auch empfehlen. Aber Kinder müssen das zum Schluss selbst entscheiden. Ich glaube, dass Kinder sonst im Herbst wieder Unterrichtsausfall haben, allein deshalb weil sie, wenn sie erkranken, vielleicht für eine längere Zeit nicht in die Schule können.

Mit Karl Lauterbach sprach Nina Lammers

Quelle: ntv.de

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