Panorama

Corona-Impfung nächste Woche Warum waren die Briten so fix beim Impfstoff?

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Bereits ab nächster Woche sollen Menschen in Großbritannien gegen das Coronavirus geimpft werden - mit einem Impfstoff aus Deutschland.

(Foto: imago images/Laci Perenyi)

Das deutsche Unternehmen Biontech entwickelt mit seinem US-Partner Pfizer einen Corona-Impfstoff, der hervorragend wirkt. Doch als erstes zugelassen wird das Vakzin nicht in Deutschland oder den USA, sondern in Großbritannien. Wie kann das sein?

Großbritannien hat als erstes Land den Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer zugelassen. Bereits in der kommenden Woche soll dort mit Impfungen begonnen werden, wie Gesundheitsminister Matt Hancock ankündigte. Damit ist Großbritannien der erste Staat weltweit, der das Vakzin freigibt. Man erwarte den Einsatz "mehrerer Millionen Dosen" bis zum Ende des Jahres, sagte Premier Boris Johnson im Londoner Parlament und sprach von "fantastischen Neuigkeiten". Aber wieso wird ein Corona-Impfstoff, der von Biontech - einem deutschen Unternehmen - mitentwickelt wurde, zuerst in Großbritannien zum Einsatz kommen?

Die schnellere Zulassung in Großbritannien sei durch den Brexit möglich gewesen, betonte Gesundheitsminister Hancock. "Wir waren in der Lage, eine Entscheidung zu treffen dank der britischen Aufsichtsbehörde, einer Weltklasse-Behörde, und mussten nicht das Tempo der Europäer gehen, die sich ein bisschen langsamer bewegen", sagte er dem Sender Times Radio. Die Sicherheitschecks seien alle durchgeführt und die gleichen Prozesse durchlaufen worden. "Aber wir waren wegen des Brexits in der Lage, den Ablauf zu beschleunigen."

Dem widersprach jedoch die Chefin der britischen Zulassungsbehörde MHRA, June Raine. Sie wies darauf hin, dass die Zulassung nach bestehenden EU-Bestimmungen getroffen wurde: Die Markteinführung des Impfstoffs habe "unter Anwendung von Bestimmungen des europäischen Rechts, die bis zum 1. Januar bestehen" genehmigt werden können, sagte Raine laut "The Telegraph". Erst am 31. Dezember endet die mit der EU vereinbarte Übergangsphase. Die bis dahin geltenden Bestimmungen besagen, dass die Briten im Falle eines dringenden öffentlichen Bedarfs von den Entscheidungen der Europäischen Arzneimittel-Agentur Ema - welche den Impfstoff für alle EU-Länder prüft - abweichen dürfen.

Tempo hing von Daten ab

"Unser Tempo oder unser Fortschritt hing völlig von der Verfügbarkeit der Daten in unserer fortlaufenden Überprüfung sowie von der unabhängigen Beratung ab, die wir erhalten haben", sagte Raine. Die britische Zulassungsbehörde hatte bereits seit Oktober Daten zum Biontech/Pfizer-Impfstoff in einem sogenannten Rolling-Review-Verfahren während der klinischen Studie geprüft. Laut dem "Guardian" erhielt die MHRA bereits am 23. November die endgültigen Daten beider Unternehmen.

Aus dem Europäischen Parlament gibt es jedoch Kritik am Vorpreschen der Briten. "Ich halte diese Entscheidung für problematisch", sagt der deutsche EVP-Abgeordnete Peter Liese. Er empfehle, dass die EU-Mitgliedstaaten dieses Vorgehen nicht nachahmten. Er plädiere vielmehr dafür, dass die Ema den Impfstoff sorgfältig prüfe, mahnte der CDU-Politiker.

Allerdings betonte MHRA-Chefin Raine, dass die Prüfung des Impfstoffs in Großbritannien nicht verkürzt worden sei: Verschiedene Teams hätten parallel gearbeitet, um den Impfstoff so streng wie möglich zu prüfen. "Es wurden keine Abstriche gemacht", sagte Raine laut der Nachrichtenagentur Reuters. "Unsere erfahrenen Wissenschaftler und Kliniker haben rund um die Uhr sorgfältig und methodisch gearbeitet." Alle Daten seien "absolut kritisch" analysiert worden, so Raine.

Unterdessen sagt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, er erwarte eine rasche Entscheidung der Arzneimittelbehörde Ema im Zulassungsverfahren. Doch betonte der CDU-Politiker auch den entscheidenden Unterschied: In Großbritannien handelt es sich um eine befristete Notfallzulassung, die in nationaler Kompetenz liegt. Deutschland hätte auch diesen Weg wählen können, habe sich aber bewusst dagegen entschieden, sagte Spahn. In der EU gehe es hingegen um eine bedingte Marktzulassung, die eine umfassendere Prüfung durch die Ema nötig mache. Das solle das Vertrauen der Bürger in den Impfstoff stärken. Eine kleine Verzögerung im Vergleich zu Großbritannien sei nicht dramatisch, so Spahn.

Entscheidung für EU steht noch aus

So wird Deutschland wohl noch etwas länger als Großbritannien auf die ersten Impfungen gegen Sars-CoV-2 warten müssen. Die Ema will allerdings noch im Dezember über eine Zulassungsempfehlung für den Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer entscheiden. Bis 29. Dezember soll ein Ergebnis der Prüfung vorliegen, hieß es von der Agentur. "Aber diese Zeitpläne könnten sich im Laufe des Bewertungsverfahrens ändern", sagte Ema-Chefin Emer Cooke.

Auf der Insel soll es bereits kommende Woche losgehen mit dem Impfen. Pfizer und Biontech haben nach eigenen Angaben mit London eine Lieferung von 40 Millionen Impfstoffdosen vereinbart. Nach Angaben von Gesundheitsminister Hancock sollen zunächst die Bewohner von Pflegeheimen sowie das Gesundheits- und Pflegepersonal geimpft werden. Anfang der nächsten Woche sollen die ersten 800.000 Dosen verabreicht werden, bis zum Jahresende dann "Millionen" Dosen. Ein Großteil der britischen Lieferungen wird in den Anlagen von Pfizer im belgischen Puurs hergestellt, berichtet die "Financial Times". Allerdings soll ein Teil der Produktion auch an den Standorten von Biontech in Deutschland erfolgen.

Quelle: ntv.de, mit dpa