Panorama

"Costa Concordia"-Unglück Was macht eigentlich Francesco Schettino?

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Francesco Schettino fühlt sich ungerecht behandelt.

(Foto: picture alliance / Camilla Morandi / IPA)

Ein Kapitän verlässt als letzter das sinkende Schiff oder er macht den Schettino - und sitzt als Erster im Rettungsboot. Der Kapitän der verunglückten "Costa Concordia" kämpft auch zehn Jahre nach den Ereignissen mit dem Etikett, ein Feigling zu sein.

Es sind dramatische Szenen, die sich am 13. Januar 2012 vor der Insel Giglio abspielen. Die "Costa Concordia" ist auf einen Felsen aufgelaufen und leck geschlagen. Das Kreuzfahrtschiff, das eine mehrtägige Reise durch das westliche Mittelmeer vor sich hatte, ist vollkommen manövrierunfähig, Wind drückt es in Richtung der Insel, mit jeder Minute bekommt es mehr Schlagseite und läuft voll Wasser. 4229 Menschen sind an Bord, die in Sicherheit gebracht werden müssen. 32 von ihnen werden es nicht schaffen.

Einer der ersten, der im Rettungsboot sitzt, ist der damals 51-jährige Kapitän der "Costa Concordia", Francesco Schettino. Er verstößt damit gegen eines der ehernen Gesetze der Seefahrt - der Kapitän verlässt als letzter das sinkende Schiff. Seitdem sind zehn Jahre vergangen. Schettino wurde im Februar 2015 zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die er bis heute absitzt. Die Strafe von 16 Jahren und einem Monat Haft setzt sich zusammen aus fünf Jahren für das fahrlässige Herbeiführen der Havarie, zehn Jahren für mehrfache, fahrlässige Tötung zusammen mit fahrlässiger Körperverletzung und einem Jahr für das Zurücklassen Hilfsbedürftiger in Tateinheit mit vorzeitigem Verlassen des Schiffs. Hinzu kommt ein Monat Arrest wegen der unzureichenden Kommunikation mit den Behörden.

Kurz vor dem Jahrestag des Unglücks meldet sich Schettino überraschend aus dem Gefängnis Rebibbia in Rom zu Wort. Der 61-Jährige gab der Zeitung "La Stampa" ein Interview. "Die Leute können es nicht glauben, aber ich habe Albträume", zitiert ihn das Blatt. Schettino betont, er habe die Opfer der "Concordia" nicht vergessen. Zwölf Deutsche, sieben Italiener, sechs Franzosen, zwei Peruaner, zwei US-Bürger sowie ein Inder, ein Spanier und ein Ungar waren in dem Schiff gestorben, die sterblichen Überreste des letzten Opfers wurden erst bei der Verschrottung 2014 gefunden.

Auch ein Schiffbrüchiger?

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Mit diesem Bild verbinden die meisten Menschen inzwischen die "Costa Concordia".

(Foto: picture alliance / AP Photo)

"Kommandant Schettino", sagt sein Anwalt, "durchläuft eine Psychotherapie, das ist nicht einfach für ihn. Im Grunde ist ja auch er ein Schiffbrüchiger, er denkt ständig an jene verdammte Nacht und an die 32 Todesopfer." Noch immer hat Schettino aber vor allem Mitgefühl mit sich selbst. "Aber ich habe auch nicht vergessen, dass ich als Sündenbock behandelt wurde", sagte er "La Stampa". Doch es sei nicht okay, dass er der Einzige sei, der dafür bezahle. "Man wollte einen Schuldigen finden, nicht die Wahrheit", meint auch Schettinos Anwalt. Demnach treibt es den 61-Jährigen bis heute um, dass von allen Beschuldigten nur er schließlich hinter Gittern landete. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, bei dem Schettino 2018 Beschwerde gegen seine Haft eingelegt hat, will sich in diesem Jahr mit dem Fall beschäftigen.

Dem Gefängnis-Kaplan Don Lucio Boldrin zufolge nutzt der frühere Kapitän die Zeit im Gefängnis, um Journalismus und Jura zu studieren. Schettino findet demnach, dass er schon vor dem juristischen Prozess "Opfer eines medialen Prozesses" geworden sei. Sein Mandant wolle verstehen, wie es kommen konnte, dass er zur "Zielscheibe" der Medien wurde, sagt sein Anwalt. Schettino wolle seine Zeit im Gefängnis nicht verschwenden, beschreibt Seelsorger Boldrin die Motivation des Gefangenen. Er treibe deshalb Sport, lese auf Englisch und trage zur Gefängniszeitung bei.

Schettinos Zeit in Rebibbia könnte in absehbarer Zeit zu Ende gehen. Nach Verbüßen eines Drittels der Strafe am 17. Mai wäre eine Entlassung möglich, die Reststrafe müsste er dann im Hausarrest verbringen. Sein Verhalten als Häftling steht dem jedenfalls nicht im Wege. Gefängnis-Kaplan Boldrin nennt Schettino einen Modellhäftling. "Er ist sehr nett mit den anderen Häftlingen, er lässt sie auch nie die Rolle spüren, die er vor seiner Verhaftung innehatte." Die anderen Gefängnisinsassen liebten Schettino.

Den Schettino machen

Die Last jener Nacht vor der Insel Giglio, als die "Costa Concordia" sank, dürfte der Unglückskapitän trotzdem auch in den kommenden Jahren nicht so leicht abschütteln können. Untersuchungen zufolge fuhr Schettino zu nah an die Insel Giglio heran, obwohl er keine detaillierten Karten des Küstengebiets an Bord hatte.

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Nach der Kollision um 21.45 Uhr dauerte es zudem viel zu lange, bis mit der Evakuierung begonnen wurde. Die Küstenwache erfuhr nur zufällig von dem Vorfall und noch um 22.14 Uhr bestätigte die "Costa Concordia" lediglich einen Stromausfall. Im Prozess kamen Gutachter zu dem eindeutigen Ergebnis, dass es nur der konzertierten Rettungsaktion mit mehreren Insel- und Großfähren sowie Hubschraubern und dem Umstand, dass der Wind das Schiff auf die Insel drückte und nicht aufs offene Meer, zu verdanken sei, dass nicht mehr Menschen starben.

Gregorio de Falco war damals Offizier der italienischen Küstenwache in Livorno und zuständig für das Unglücksgebiet. Er hatte zu Schettino in dem Rettungsboot gesagt: "Kehren Sie zurück an Bord, verdammte Scheiße!" Sein Fazit zehn Jahre später gegenüber "La Stampa" ist vernichtend. Wenn Schettino an Bord geblieben wäre, "hätte er viele Leben retten können, und sich selbst gleich mit". So aber ist "Fare lo Schettino", den Schettino machen, in Italien zum Synonym für besondere Feigheit geworden.

Quelle: ntv.de

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