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Der Fall Petra Hinz Wie aus Schwindeleien Lebenslügen werden

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Ob Hinz ihre eigenen Lügen schließlich geglaubt hat, weiß nur sie allein.

dpa

Eine Bundestagsabgeordnete räumt ein, dass sie ihr Abitur und den Jura-Studienabschluss in ihrem Lebenslauf erfunden hat. Diese Schwindeleien kommen öfter vor, als man denkt. Die Gründe dafür sind erstaunlich banal.

Jahrzehntelang behauptete Petra Hinz, sie habe 1984 Abitur gemacht, anschließend Rechts- und Staatswissenschaften studiert und dieses Studium mit beiden Staatsexamina abgeschlossen. Nichts davon stimmte, Hinz hatte lediglich ein Fachabitur, ein Hochschulstudium hat sie nie abgeschlossen. In vielen Kommentaren zum Fall der SPD-Bundestagsabgeordneten fällt das Wort Lebenslüge.

Für den Psychotherapeuten Christian Lüdke ist ganz klar, die meisten dieser Lügengebäude entstehen nicht aus krimineller Energie, sondern aus "einer allgemeinen Lebensverunsicherung". An bestimmten Punkten im Leben gebe es eine Möglichkeit zur Weiterentwicklung, das kann privat oder beruflich sein. Aus irgendwelchen Gründen fehlt es jedoch an der Qualifikation für die Stelle, die man unbedingt haben will. Dann schlägt laut Lüdke die Regel "Betrüge, wo Du nur kannst" aus dem Egoismus der Gene durch.

"Oft beginnt es als Notlüge, mit einer Zwischenform der Wahrheit, die wir für unseren eigenen Vorteil anwenden, ohne jemand anderen zu schädigen", sagt Lüdke n-tv.de. Dahinter stecke häufig ein mangelndes Selbstwertgefühl. Die eigene Person wird als nicht ausreichend wahrgenommen und künstlich erhöht, in der Hoffnung, mehr wahrgenommen zu werden. Hinz ließ nach der Rückgabe ihres Bundestagsmandats über ihre Anwälte ausrichten, sie vermöge "in der Rückschau nicht mehr zu erkennen, welche Gründe sie seinerzeit veranlasst haben, mit der falschen Angabe über ihren Schulabschluss den Grundstein zu legen für weitere unzutreffende Behauptungen über ihre juristische Ausbildung und Tätigkeit."

Hochstapler und Heiratsschwindler

Oft seien die Menschen überrascht, wenn diese Taktik Erfolge hat und sie beispielsweise den angestrebten Job bekommen, meint Lüdke. Mit einer jetzt vielleicht noch möglichen Korrektur geriete der frisch errungene Erfolg sofort wieder in Gefahr. So beginnt der Aufbau einer Lebenslüge. "Wenn man das nicht wieder auflöst, geht das immer weiter bis man in den Bereich chronisches Lügen kommt. Das sind dann die klassischen Hochstapler oder Heiratsschwindler."

In seiner Beratungstätigkeit hat Lüdke oft erlebt, dass sich diese Menschen eine komplett neue und eigene Identität mit der Lüge erschaffen, die sie oft sogar selbst glauben. Alles andere wäre irgendwann einfach zu schmerzhaft. "Ab einem bestimmten Zeitpunkt können sie gar nicht mehr zurück, weil es ihr Leben in großen Teilen in Frage stellen würde", ist Lüdkes Erfahrung. Die kleine Notlüge ist längst zum Lügengebäude geworden, bei dem die Betroffenen darauf hoffen, dass es niemals hinterfragt wird.

Bei allem Leugnen ist die tatsächliche Realität den Schwindlern durchaus präsent und verursacht ihnen regelmäßig Herzklopfen oder Hitzewallungen. Dabei geraten die falschen Angaben tatsächlich häufig in Vergessenheit, stünde nicht irgendwann der nächste Schritt auf der Karriereleiter an. Wieder müssen Unterlagen eingereicht und Abschlüsse vorgelegt werden. "Aber auch das nehmen sie billigend in Kauf, es ist ja bis jetzt gutgegangen. Warum soll es jetzt schiefgehen?"

Schneeball rollt den Berg hinunter

Bei Hinz ging es schief, als Mitarbeiter die Presse auf Ungereimtheiten im Lebenslauf der Bundestagsabgeordneten aufmerksam machten. Dass kaum jemand von sich aus und ohne Not eine Lebenslüge aufdeckt, hat psychologisch einen einfachen Grund. "Das kratzt extrem am Selbstwertgefühl", sagt Lüdke. "Das ist ja im Prinzip eine narzisstische Kränkung, wenn ein Mensch, das, wofür er steht, nicht mehr machen kann. Das will keiner hören. Im Grunde genommen muss der Leidensdruck so sein, dass es gar nicht mehr anders geht." Lüdke vergleicht die Situation mit dem Schneeball, der den Berg runter rollt. "Der wird größer und größer, und irgendwann kann man das nicht mehr stoppen."

So gut wie niemals geht jemand diesen Schritt von sich aus. Das würde ja bedeuten, sich und das eigene Leben grundsätzlich zu hinterfragen und zu reflektieren. Doch genau das sei in unserer Gesellschaft mit dem ihr innewohnenden Leistungsdruck nicht gefragt. Deshalb seien beispielweise auch die meisten Profile bei Online-Partnerschaftsbörsen erstunken und erlogen. "Dabei müssen wir Fehler machen, weil die uns motivieren und uns auch erfolgreicher machen. Das funktioniert aber nur, wenn wir bereit sind Fehler zuzugeben, sie zu analysieren und auch Kritik zuzulassen."

Quelle: n-tv.de

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