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"Kriegserbe in der Seele" Wie ererbte Traumata endlich heilen können

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Die Kriegs- und Nachkriegserlebnisse wirken lange nach. Manchen machen sie krank.

(Foto: imago stock&people)

Drei Viertel der heute über 70-Jährigen erleben im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit Traumatisches. Oft sind sie Täter und Opfer. Ihre Nachkommen schlagen sich noch heute mit diesem Erbe herum.

Bombennächte, Vergewaltigungen, Heimatverlust, Flüchtlingselend, Hunger, Gefangenschaft, Tod - wer die Schrecken des Zweiten Weltkrieges erlebt hat, wurde oft schwer traumatisiert. Lange ging man davon aus, dass mit den Zeitzeugen auch die Traumata sterben. Doch inzwischen sind sich Psychologen sicher: Viele, die Schreckliches erlebt haben, haben es an ihre Kinder und sogar Enkel weitergegeben.

Diese Nachgeborenen werden in sich selbst oft mit "Unerklärlichem" und "Unverständlichem" konfrontiert. Wie sich dieses "Kriegserbe in der Seele" anfühlt, beschreibt Udo Baer in seinem gleichnamigen Buch. Oft seien es seltsame Verhaltensweisen, sagt der Therapeut im Gespräch mit n-tv.de. Das kann eine unerklärliche Angst sein, obwohl die Lebensumstände sicher und harmonisch sind. Oder eine übertriebene Schreckanfälligkeit, ein seltsames Verhältnis zu Geld, rätselhafte Schuldgefühle oder die Unempfindlichkeit gegen Schmerzen. "Meist können die Betroffenen gar nicht Bestimmtes beschreiben, viele aber haben das Gefühl: Da ist etwas, ohne zu wissen, was."

Doch wie sind die traumatischen Gefühle, die Eltern oder Großeltern oft lange vor der Geburt der heute Lebenden erlebt haben, auf nachfolgende Generationen übertragen worden? Das sei nicht genau erklärbar, meint Baer. Psychotraumatologen vermuten, dass das menschliche Mitgefühl den Schlüssel liefert. Grundlage sind demnach die Spiegelneuronen, die Menschen ermöglichen, die Gefühle anderer Menschen zu spüren, als wären es die eigenen.

Die Magie der schwarzen Löcher

Viele Menschen, die traumatische Erlebnisse hatten, sprechen nicht darüber und zeigen nichts von dem Schrecken, der Angst oder der Selbstunsicherheit, die dies in ihnen auslöst. "Wenn Kinder aber merken, dass Mama oder Papa einen Kummer haben, jedoch nichts davon erzählen, dann bekommen sie riesige Eselsohren, um dahin zu spüren. Dieses Fehlende, dieses schwarze Loch hat eine große Anziehungskraft", so Baer. Kinder spüren also die Angst der Mutter, ohne zu wissen, wovor sie sich ängstigt. Und dann wird es ein Teil von ihnen, obwohl es nicht aus dem eigenen Leben entsprungen ist. "Das ist die Besonderheit der transgenerativen Traumaweitergabe. Ich bekomme etwas mit, aber ich weiß nicht, warum."

Für diejenigen, die dieses schwer greifbare Gefühl haben, lohnt es sich nachzufragen oder auch die Familiengeschichte ein wenig genauer zu erforschen. Wer Glück hat, dessen Eltern oder Großeltern leben noch und sind bereit, Fragen zu beantworten. Aber auch wenn dies nicht der Fall ist, ist man den ererbten Traumata nicht hilflos ausgeliefert. Man kann nach Daten und Fakten suchen, sich fragen: Wann sind die Eltern geboren? Wo waren sie 1939? Und wo 1945? "Wenn jemand 1928 geboren ist, dann kann man schon bestimmte Schlussfolgerungen ziehen, welche Geschichte die so mitgemacht haben, BDM und Hitlerjugend beispielsweise."

Oft gibt es Verwandte, die einem nicht so nahestehen, die die Zeit aber miterlebt haben und darüber sprechen können. Manchmal gibt es auch Gegenstände, die für die Eltern oder Großeltern eine große Bedeutung haben. Indem man die Geschichte dieser Dinge erkundet, erfährt man möglicherweise auch, wie es den Menschen ergangen ist.

Der Beginn von Heilung

Zu wissen, wo die unerklärlichen Gefühle herkommen, ist jedoch nur der Anfang. Baer führt seine Patienten auf einen Weg, auf dem sie lernen, die Kette der Traumaweitergabe zu unterbrechen. Der erste Schritt auf diesem Weg sei das Verstehen. "Dafür sind die Kriegskinder- und Kriegsenkel-Bücher, die in den letzten Jahren erschienen sind, sehr wertvoll. Es gibt viele Menschen, die denken, sie sind verrückt, weil sie sich das nicht erklären können. Das einordnen zu können, das erleichtert schon mal unglaublich."

Der zweite Schritt ist dann, ein bisschen beiseitezutreten. "Viele Menschen haben Sorge, dass sie dann ihre Eltern oder Großeltern nicht mehr genug lieben. Aber unsere Erfahrung ist, wenn ich einen Schritt zur Seite mache und aus diesem Verwobensein herausgehe, dann kann ich besser auf mich und meine Eltern gucken", ermutigt Baer Betroffene. In dem Buch, das Baer und seine Frau gemeinsam geschrieben haben, zeigen die Therapeuten Möglichkeiten, wie man diesen Schritt schaffen kann. "Der dritte Schritt ist dann, seine eigene Persönlichkeit zu würdigen, sich zu fragen: Was sind meine Gefühle, meine Sehnsüchte, meine Träume? Was ist mein Umgang mit Geld? Wo ist meine Heimat?" Baer weiß, wie lang dieser Weg sein kann, und wie beschwerlich.

"Traumafolgen werden vererbt"

Untersuchungen belegen, dass drei Viertel der heute über 70-Jährigen traumatische Erfahrungen aus der Kriegs- und Nachkriegszeit haben. Die meisten waren wohl Täter und Opfer mit allen Schuld- und Schmerzgefühlen. Einiges spricht dafür, dass auch viele Menschen der nächsten Generation davon etwas mitbekommen haben.

Für Baer ist ganz klar: "Die Forschung belegt, Traumafolgen werden vererbt, wenn darüber geschwiegen wird. Oder so viele Worte darüber gemacht werden, dass sie mit dem Gefühl dabei nichts zu tun haben, das ist das Gleiche." Auf der anderen Seite stehe ein Heilungsprozess, der Menschen hilft, sich von den Tabus in der Familiengeschichte zu lösen und sich den eigenen Vorfahren dadurch auch wieder zuwenden zu können.

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Quelle: ntv.de

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