Panorama

Bundesweiter Warntag "Worst Case ist der Stromausfall"

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In Berlin-Köpenick kam es 2019 zu einem 31-stündigen Stromausfall.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ob bei einem Terroranschlag oder einer Naturkatastrophe: Im Ernstfall muss die Bevölkerung gewarnt werden. Dazu setzen die Behörden verschiedene Warninstrumente ein, von der Sirene bis zur App. Doch welches Szenario würde Deutschland eigentlich am härtesten treffen?

Im August 2002 regnet es in einigen Teilen Deutschland heftig. In manchen Ortschaften fällt an einem Tag so viel Niederschlag wie sonst in drei Monaten. Die Folge: Staustufen laufen über, die Pegel der Elbe und ihrer Nebenflüsse steigen rasant an. Im Hochwasser der Elbe 2002 verlieren 21 Menschen ihr Leben. Einige von ihnen wurden nicht rechtzeitig vor den Wassermassen gewarnt und darum von der Flut überrascht.

Das "Jahrhunderthochwasser" vor 18 Jahren zeigt, dass es auch in Deutschland zu großen Katastrophen kommen kann. Um die Bevölkerung frühzeitig auf derartige Ereignisse vorzubereiten, gibt es in Deutschland verschiedene Warnsysteme. Zum ersten Mal seit 30 Jahren werden am 10. September alle Warninstrumente gleichzeitig getestet - und dabei bewusst an ihre Grenzen geführt. Dazu gehören rund 15.000 Sirenen, die parallel eingeschaltet werden. Nicht jedoch in Berlin: Dort - und auch in einigen anderen Kommunen - wurden die Sirenen in den letzten Jahren abgebaut.

"Ziel ist es, alle zur Verfügung stehenden Warnmittel zu testen, Warnanlässe bekannter zu machen und die Selbstschutzfertigkeiten der Bevölkerung zu verbessern", erklärt Christoph Unger im Gespräch mit ntv.de. Er ist Präsident des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), das den "Bundesweiten Warntag" organisiert.

Deshalb werden am 10. September im ganzen Land Feuerwehren ihre Sirenen testen, Radio- und Fernsehsender unterbrechen ihr Programm. Im Gegensatz zu 1990 warnen die Behörden in diesem Jahr auch mit Warn-Apps und über Social-Media-Kanäle, ebenso mit digitalen Werbetafeln."Wir haben festgestellt, dass es nicht das eine Warngerät, einen Königsweg gibt. Wir haben eine sehr heterogene Bevölkerungsstruktur, deshalb brauchen wir einen bunten Mix von Warnmitteln", erklärt Unger. Dem zugrunde liegt ein zentrales modulares Warnsystem, an das verschiedene "Warnmultiplikatoren" angeschlossen sind. Diese wiederum verbreiten die Probewarnung, damit sie bei Endgeräten und Funkstationen ankommt.

Nach 24 Stunden droht Chaos

Eben dieser technische Fortschritt sei einer der Gründe, warum auf einer Innenministerkonferenz im Jahr 2019 die Wiedereinführung des Warntags beschlossen wurde, sagt Unger. Auch der Klimawandel mache ein gut funktionierendes Warnsystem notwendig: In den letzten Jahren ist es immer öfter zu Extremwetterereignissen wie Starkregen oder Hitzewellen gekommen. Einige konkrete Ereignisse haben gezeigt, wie verheerend die Auswirkungen einer Katastrophe sein können, wenn sich die betroffenen Regionen nicht gut genug vorbereiten.

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Christoph Unger ist seit 2004 Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.

(Foto: picture alliance/dpa)

So haben etwa die Terroranschläge in den USA von 2001 oder das Elbehochwasser 2002 erst dazu geführt, dass das Bundesamt für Katastrophenschutz und Katastrophenhilfe 2004 gegründet wurde. Das dem Innenministerium unterstellte Amt führt Risikoanalysen durch, erstellt Krisenmanagement-Pläne und berät die Bundesregierung rund um das Thema Katastrophenvorsorge.

Kommt es in Deutschland tatsächlich zu einer Katastrophe, kümmern sich zuerst jedoch zuerst die Länder. Bei Ereignissen von besonders dramatischem Ausmaß unterstützt das Amt mit zusätzlichen Ressourcen wie etwa Technik oder Personal. "Wir versuchen die verfassungsrechtliche Trennung der Aufgabenbereiche ein Stück weit aufzuheben. Alle Verwaltungsebenen müssen sich gegenseitig unterstützen, um solche Schadenslagen zu bewältigen", sagt Unger.

Doch welche dieser Schadenslagen hält der BBK-Präsident für besonders gefährlich? "Ein Wort-Case-Szenario ist sicherlich ein flächendeckender, lang anhaltender Stromausfall", sagt Unger. Strom sei das Lebenselixier der Gesellschaft. Zwar verbessere der Gebrauch elektronischer Geräte unsere Lebensqualität, gleichzeitig mache uns die immer größer werdende Abhängigkeit auch verwundbarer. Ohne Strom gäbe es heutzutage kein Licht, keine Toiletten, keine Heizung, keine Supermarktkasse und nur noch wenige Kommunikationsmittel - schon nach 24 Stunden müsse man mit einem Chaos rechnen.

Lebensmittel für zehn Tage

Für den Katastrophenschutz ist die Digitalisierung Fluch und Segen zugleich: Fällt der Strom aus, bekommt das Land sehr schnell große Probleme. Anderseits verspricht die Digitalisierung bei anderen Katastrophen schnelle Hilfe. So testet das BBK beim bundesweiten Warntag die Warn-App NINA, die Bürger im Ernstfall mit Informationen versorgt. Behörden setzten die App bereits mehrfach erfolgreich ein, zuletzt in Dortmund, als eine Lagerhalle brannte.

Die Kommunen und Länder besitzen neben der App noch viele andere Warninstrumente, wie zum Beispiel Lautsprecherfahrzeuge oder Sirenen. Deutschland sei im Vergleich zu anderen Ländern gut aufgestellt, sagt Unger. Trotzdem rät er Bürgern dazu, sich auch individuell auf Notlagen vorzubereiten. Er empfiehlt einen Lebensmittel-Vorrat für ungefähr zehn Tage und eine Grundausrüstung, zu der er unter anderem Camping-Kocher, Kurbelradio und Taschenlampen zählt. "Jeder sollte außerdem seine Erste-Hilfe-Kenntnisse alle zwei Jahre auffrischen. Man sollte auch wissen, wie man einen Feuerlöscher bedient - und möglichst einen zur Hand haben."

Quelle: ntv.de