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Die Berliner Mauer in New York Alavi: "Ich würde das Trump gern zeigen"

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Der deutsch-iranische Künstler Kani Alavi konnte erstmals das Mauerstück mit einem seiner Bilder in New York besuchen.

(Foto: Kani Alavi)

Vor 30 Jahren bemalte Kani Alavi Teile der restlichen Berliner Mauer. Eines seiner Bilder steht mittlerweile in New York am UN-Gebäude. Nun hat Alavi es zum ersten Mal besucht - im Land, das nun selbst eine Mauer baut.

Als der iranische Künstler Kani Alavi in der Nacht des 9. November 1989 aus seinem Atelier am Checkpoint Charlie blickte, sah er etwas, das er für einen Witz gehalten hatte. "Ich hatte im Radio gehört, dass die Mauer offen war, und konnte es gar nicht glauben", erinnert er sich im Gespräch mit n-tv.de. Doch als er ans Fenster trat, sah er es mit eigenen Augen. Menschen strömten ungehindert über den Grenzübergang, die Berliner Mauer war tatsächlich offen. "Mir fielen die Gesichter auf, sie waren voller Hoffnung, Euphorie und Freude, manche schienen es gar nicht glauben zu können." Die Erinnerung an das Bild aus dieser Nacht ließ ihn nicht mehr los und wenige Monate später fand er den perfekten Ort, um es zu malen: die Mauer selbst.

Die Zeit drängte, denn die einstige "Schandmauer" sollte plattgemacht werden. "Ich war der Meinung, dass zumindest Teile der Mauer stehen bleiben sollten." Denn sonst hätte sich später kaum noch jemand vorstellen können, dass es sie wirklich gegeben hat. Als er selbst 1980 aus dem Iran in die geteilte Stadt gekommen war, hatte er schon Schwierigkeiten, zu verstehen, was das für eine Mauer war. "Ich dachte zuerst, dahinter liege ein anderes Land. Als man mir sagte, dort lebten ebenfalls Deutsche, konnte ich das kaum glauben."

Im Frühjahr 1990 machte sich Alavi dann daran, sein Bild - die durch den Grenzübergang strömenden Menschen - zu malen. Er schuf das Werk direkt auf der Mauer selbst, als einer von 118 Künstlern, die nach einer Idee des Künstlers David Monty zu einer Galerie werden sollte. Die East Side Gallery wurde zur Touristenattraktion. Alavi startete 1996 eine Künstlerinitiative, die sich für Erhalt und Pflege der Bilder einsetzt. Heute ist die Freiluftgalerie besonders bei jungen Menschen beliebt, die am Ufer der Spree sitzen und im Schatten des einstigen Schreckenswalls entspannt Bier trinken. Und ganz nebenbei sehen, dass es diese Mauer tatsächlich gegeben hat. Nur noch dort, an der "Topographie des Terrors" nahe dem Checkpoint Charlie und in der Bernauer Straße stehen längere Mauerabschnitte.

Drei Segmente in New York

Der einstige sogenannte "Antifaschistische Schutzwall" kehrte seine Bedeutung über Nacht um: Vom Symbol der Teilung wurde sie zum Symbol der friedlichen Überwindung von Grenzen. Als solche wurden ihre Teile in alle Welt verschickt, unter anderem nach New York. Dort stehen seit 2002 drei Segmente neben dem Gebäude der Vereinten Nationen am East River. Im Oktober hatte Alavi nun erstmals die Möglichkeit, sein Werk dort selbst zu besichtigen. "Es war sehr emotional, die Segmente zum ersten Mal an ihrem neuen Ort zu sehen", sagt er. "Mein Bild zeigt zwei Menschen, wie sie sich über eine Mauer hinweg umarmen. Das ist Dialog, das ist Welt-Dialog. Das habe ich auf diesen kalten Beton gemalt." Das Bild stehe nun an einem Ort der Menschenrechte und der Freiheit, sagt Alavi. Der Stolz ist ihm anzumerken.

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Die Idee zu diesem Bild kam Alavi in der Nacht des 9. Novembers.

(Foto: Wikimedia Commons)

Doch er äußert auch seine Unzufriedenheit darüber, dass die Bundesregierung oder die Stadt Berlin ihm die Reise dorthin nicht ermöglicht haben. Anerkennung erfuhr er zwar - etwa durch die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes im Jahr 2011. Und vor Ort in New York hieß ihn die Deutsche Vertretung bei den Vereinten Nationen willkommen. Auch dort ist man sich der großen Bedeutung des 9. Novembers 1989 auch 30 Jahre später noch bewusst. "Dieses Datum steht wie kaum ein anderes dafür, was mutiges Eintreten für Freiheit und Demokratie erreichen kann", erklärte der deutsche UN-Botschafter Christoph Heusgen gegenüber n-tv.de. "Der Mut der Bürgerinnen und Bürger, die auf die Straße gingen, bleibt unvergessen."

Die Reise nach New York konnte Alavi nun aber dank eines Stipendiums der Rias Berlin Kommission antreten, die Deutschland und die USA kurz nach der Wiedervereinigung ins Leben gerufen hatten, um die Beziehungen beider Länder zu fördern - im Geiste des legendären "Rundfunks im amerikanischen Sektor" (Rias), der aus dem Berliner Westen den Ostteil der Stadt mitsamt der DDR mit Nachrichten und Rock'n'Roll versorgte und 1993 seinen Dienst eingestellt hat.

Viele Deutsche von USA entfremdet

Heute mögen die Deutschen immer noch Rock und andere Musik aus den USA, doch politisch scheinen sich viele zu entfremden. Eine Umfrage des unabhängigen US-Statistikinstituts PEW zeigt, dass das Bild der Deutschen auf der anderen Seite des Atlantiks nach wie vor sehr positiv ist, doch umgekehrt sieht es anders aus. Große Verantwortung dafür trägt Präsident Donald Trump - der wie kein anderer für Teilung steht. Mit seiner Rhetorik treibt er die Polarisierung diesseits und jenseits des Atlantik voran. Und eine Mauer an der Grenze zu Mexiko, die eigentlich ein langer Zaun ist, wurde zum Symbol und Aushängeschild seiner Politik.

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Der deutsche UN-Botschafter Christoph Heusgen hieß Alavi in New York willkommen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Damals, in den aufregenden Monaten nach dem Mauerfall, waren die USA noch Helmut Kohls wichtigster Verbündeter im Ringen um die Wiedervereinigung gewesen. Das ist lange her. Ein neuer Wind des Wandels bläst um die Welt - anders als damals stehen die Zeichen vielerorts auf Trennung und Abgrenzung, sei es zwischen den USA und ihren südlichen Nachbarn oder Großbritannien und der EU. Oft ist nun auch von einem neuen Kalten Krieg zwischen dem Westen und Russland die Rede. Dass es anders geht, auch dafür steht der 9. November, so UN-Botschafter Heusgen. Der Tag verdeutliche auch die Kraft multilateralen Handelns. Heute, 30 Jahre später, sei Deutschland weltweit - ganz besonders auch in New York im UN-Sicherheitsrat und der Generalversammlung - der gemeinsamen Suche nach Lösungen verpflichtet, so Heusgen. "Dafür steht das Mauerstück im Garten der Vereinten Nationen - ein Geschenk Deutschlands an die Vereinten Nationen."

Alavi glaubt nicht, dass Zäune zu mehr Frieden führen werden. Im Gegenteil. "Mauern wie im Süden der USA führen nur zu mehr Konflikten", ist er sich sicher. Sie haben schon jetzt hässliche Bilder produziert - etwa von kleinen Kindern, die von ihren Eltern getrennt und in Käfige gesperrt wurden, weil die versucht hatten, illegal über die Grenze in die USA zu gelangen. "Ich würde Trump gern einmal anbieten, zu uns nach Berlin zu kommen und ihm zu zeigen, wie wir die Friedliche Revolution dokumentiert haben", sagt Alavi. "Wenn er das sieht, ändert er vielleicht seine Meinung und schafft vielleicht die Mauer zwischen USA und Mexiko wieder ab." Ein frommer Wunsch. Aber eine der vielen Lektionen des Mauerfalls ist es schließlich, dass über Nacht Dinge geschehen können, die niemand für möglich gehalten hat.

Quelle: n-tv.de

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