Politik

Der Massenmord an Europas Juden Als Küster-Mosche vergebens warnte

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Die Hand eines ermordeten Juden im Konzentrationslager Majdanek.

(Foto: imago stock&people)

Hitlers Propagandaminister Goebbels fand nur kryptische Worte: "Es wird hier ein ziemlich barbarisches, nicht näher zu beschreibendes Verfahren angewandt, und von den Juden selbst bleibt nicht mehr viel übrig." Gemeint war der Holocaust, das ungeheuerlichste Verbrechen der Menschheit.

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Auch Wehrmachtssoldaten beteiligten sich an den Erschießungen.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Kein Mensch wollte Küster-Mosche glauben. Als er, barfüßig wie immer, der Gestapo entkam und ins siebenbürgische Sighet zurückkehrte, warnte er die dort noch lebenden Juden: Er sprach von Lastwagen und einem Wäldchen, von der Gestapo, Gräben und Genickschüssen. Doch das Grauen war zu unfassbar, niemand nahm seine Worte für bare Münze, wie der spätere Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel in seiner Autobiografie schreibt. "Der Arme, er muss verrückt geworden sein" oder "Was für eine krankhafte Phantasie er hat" hieß es nur, und das Leben ging seinen Gang.

Tatsächlich übersteigt der Holocaust, die systematische Vernichtung von fast 6 Millionen europäischen Juden, auch nach Jahrzehnten noch jede Vorstellungskraft. Eine Annäherung kann immer nur ein Versuch sein, der Massenmord bleibt eine offene Wunde. Der "lange dunkle Schatten", so der ungarische Schriftsteller Imre Kertesz, "legt sich über die gesamte Zivilisation, in der er geschah und die mit der Last und den Folgen des Geschehenen weiterleben muss".

Schon im September 1919 sprach der damals noch unbekannte Gefreite Adolf Hitler von der "Entfernung" der deutschen Juden, die das Ziel einer Volksgemeinschaft sein müsse. Kaum an der Macht, verfolgen die Nationalsozialisten dieses Ziel mit einer von den wenigsten vermuteten fatalen Konsequenz. Am 1. April 1933 kommt es zum "Judenboykott", wenig später werden alle "nichtarischen" Beamten aus dem Staatsdienst entlassen. Im Konzentrationslager Dachau werden im selben Monat die ersten Juden ermordet.

"Tod dem internationalen Judentum"

Die Schikanen und Drangsalierungen verschärfen sich in den nächsten Jahren, 1938 werden bei der "Polenaktion" am 27. Oktober 15.000 Juden gewaltsam aus Deutschland nach Polen geschafft, unter ihnen auch Marcel Reich-Ranicki, der spätere Literaturkritiker. Wenige Tage später sterben bei dem Novemberpogrom Hunderte Juden, im ganzen Reich brennen die Synagogen. In einem SA-Befehl heißt es: "Der Führer wünscht, dass die Polizei nicht eingreift. Sämtliche Juden sind zu entwaffnen. Bei Widerstand sofort über den Haufen schießen. (… ) Tod dem internationalen Judentum. Keine Verständigung mit Völkern, die judenhörig sind."

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Nur wenige Juden konnten vor den Pogromen in Osteuropa entkommen.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Bereits am 10. November verschleppen Gestapo und SS rund 30.000 männliche Juden in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen. Beim Strammstehen auf dem Lagerplatz machen die Wachmannschaften klar, welches Schicksal die Häftlinge erwartet: "Ihr seid nicht in einem Sanatorium, sondern in einem Krematorium. (…) Die SS hat das Recht, auf euch zu schießen, wann sie will."

Die Novemberpogrome sind erst der Anfang. Am 30. Januar 1939 droht Hitler im Reichstag mit der "Vernichtung der jüdischen Rassen in Europa", sollte es zu einem neuen Weltkrieg kommen. Wenige Monate später überfällt Deutschland Polen, die Ermordung der dort lebenden Juden beginnt sogleich. Durch Exekutionen an Ort und Stelle, Deportation in völlig überfüllte "Seuchensperrgebiete", durch Massenerschießungen.

Mit dem Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 erreicht die Verfolgung eine neue Stufe. Hitlers Hasstiraden gegen Juden steigern sich, überall wittert er Machenschaften des "Weltfeinds": "Wenn wir diese Pest ausrotten, so vollbringen wir eine Tat für die Menschheit, von deren Bedeutung sich unsere Männer draußen noch gar keine Vorstellung machen können", erklärt er im Oktober 1941.

Reichskommissar Hermann Göring fordert von SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich einen Gesamtentwurf für eine "Gesamtlösung der Judenfrage". Für den 20. Januar 1942 lädt Heydrich zur Konferenz an den Wannsee. Hier geht es, wie sich der "Judendezernent" Adolf Eichmann später vor Gericht erinnern wird, ums "Töten, Eliminieren und Vernichten". Die Deportation der 11 Millionen Juden Europas wird beschlossen.

Massenerschießungen zu "ineffizient"

Bis zur Wannseekonferenz haben Einsatzgruppen in Polen und der Sowjetunion schon mehr als 500.000 Juden getötet. Doch die Massenerschießungen gelten als "ineffizient" und belastend für die Täter. Auch sind sie vielfach zu auffällig, da sich bisweilen ein regelrechter "Erschießungstourismus" entwickelt, an dem auch die Soldaten an der Ostfront teilnehmen.

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Die Baracke 56 des kleinen Lagers in Buchenwald am 16. April 1945: In der zweiten Reihe der Pritschen ist Elie Wiesel (7.v.l.) zu sehen.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Nach der Wannseekonferenz wird der Völkermord systematisch und europaweit organisiert. Das Morden - nun vor allem durch Vergasungen - findet in eigens dafür vorgesehenen Todesfabriken statt, schnell wird Auschwitz zum berüchtigsten Vernichtungslager und Synonym für den Holocaust. Bei ihrer Ankunft in Auschwitz ahnen allerdings viele Juden nicht, was sie erwartet. Elie Wiesel beschreibt später die Verwunderung, mit der er als Jugendlicher die im Dunkeln lodernden Schornsteine und den Geruch von verbranntem Fleisch wahrnimmt. Ein Häftling raunzt ihn und seinen Vater an: "Ihr hättet euch lieber aufhängen sollen, wo ihr wart, statt hierher zu kommen. Habt ihr nicht gewusst, was in Auschwitz gespielt wird? Ihr hattet keine Ahnung? Und das im Jahr 1944?" Sie hatten nichts gewusst.

Auch viele Deutsche geben sich später ahnungslos. Trotz der offensichtlichen Verfolgung der Juden. Trotz der verschwundenen Nachbarn, trotz der Judensterne, trotz der Häftlinge in Sträflingskleidung. Als sie nach dem Krieg durch die Konzentrationslager geführt werden oder in Wochenschauen die Bilder aus den KZs ansehen müssen, schauen viele weg – so wie sie es in den Jahren zuvor getan hatten. Zu genau möchte man nicht wissen, was mit den früheren Nachbarn passiert ist.

"Sozialismus des guten Blutes"

Nicht zuletzt profitieren die Deutschen von der Vernichtung der Juden, wie es der Historiker Götz Aly darlegt. Etwa, wenn der Hausrat der vertriebenen Nachbarn im Treppenhaus verteilt wird, wenn sie nach den Bombardierungen plötzlich Möbel aus einst jüdischen Wohnungen erhalten oder Milliarden Reichsmark aus jüdischem Besitz in die Staatskasse fließen. Firmen beschäftigen billige Zwangsarbeiter, die einbehaltenen Pensions- und Rentenansprüche der vernichteten Juden füllen die Kassen der Sozialsysteme. Schließlich ist der Holocaust nicht nur Vernichtung um der Vernichtung willen, sondern auch eine gigantische Umverteilungsmaßnahme in der sogenannten Volksgemeinschaft. SS-Reichsführer Heinrich Himmler nennt dies Prinzip "Sozialismus des guten Blutes".

Himmler ist einer der wenigen, der den Massenmord beim Namen nennt. Während gemeinhin die Beamten und Bürokraten lieber verbrämt von "Judenevakuierung", von der "Endlösung der Judenfrage" reden, erwähnt er einmal im Kreis seiner SS-Schergen die "Ausrottung des jüdischen Volkes" und würdigt diejenigen, die diese "durchgestanden" hätten: "Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen", sagt er in der berüchtigten Posener Rede im Oktober 1943. "Dies durchgehalten zu haben, und dabei - abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen - anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte."

Himmler und die NS-Schergen erreichen fast Hitlers Ziel: Rund eine Million Juden ermorden die Nationalsozialisten allein in Auschwitz-Birkenau, die meisten von ihnen werden vergast mit Zyklon B. In hunderten anderen Lagern in ganz Europa erwartet die Deportierten ein ähnliches Schicksal. Küster-Mosche hatte mit seiner Warnung, "seiner krankhaften Phantasie", Recht behalten. In zwölf Jahren haben die Nationalsozialisten 6 Millionen Juden umgebracht, die jüdische Kultur in Europa vernichtet.

Auch wer den Holocaust überlebt hat, ist für immer gezeichnet. Zum Ende seiner Biografie beschreibt Elie Wiesel, wie er erstmals nach Monaten in Auschwitz wieder sein Spiegelbild wahrnimmt: "Aus dem Spiegel blickte mich ein Leichnam an. Sein Blick verlässt mich nicht mehr."

Quelle: ntv.de