Politik

In Brüssel wurde schon immer gespitzelt Als Spione noch Sekretärinnen verführten

Der Fall Snowden führt zu diplomatischen Verwicklungen, die die ganze Welt betreffen könnten. Nicht wenige Menschen reden vom Cyberkrieg. Dabei ist Spionage beinahe so alt, wie die Menschheit selbst. In der Neuzeit stand vor allem die EU im Fokus der Agenten.

Die Affäre um die mutmaßliche Bespitzelung von EU-Institutionen durch die USA reiht sich ein in eine lange Geschichte von Geheimdienstaktionen in Brüssel. Der Kalte Krieg zeitigte viele Spionage-Fälle in der belgischen Hauptstadt, aber auch nach dem Zusammenbruch des Ostblocks wurde in Brüssel munter weiter spioniert. Als Sitz der Schaltstellen von EU und Nato ist die belgische Hauptstadt nach wie vor ein Magnet für Agenten aus aller Welt. Hier ein Rückblick auf die spektakulärsten Fälle:

agentenaustausch.jpg

Bei einem Agentenaustausch 1986 auf der Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Spektakulär war der Fall von drei Spionen der ehemaligen DDR in den 1970er J ahren. Lange vor der Erfindung von E-Mail und SMS war noch Verführung eine der bevorzugten Techniken: Die ostdeutschen Agenten bandeln mit drei NATO-Mitarbeiterinnen an. Einer von ihnen arbeitet getarnt als Blumenverkäufer im Stadtzentrum Brüssels. Als seine Freundin auffliegt, nachdem sie ihm vertrauliche Unterlagen überlassen hatte, lässt er sie sitzen und flieht außer Landes.

Die beiden anderen waren Stasi-Mitarbeiter, von denen einer eine westdeutsche Assistentin des Direktors für Operationen des Nordatlantikrats in seinen Bann zieht, während sein Kollege eine belgische NATO-Schreibkraft zu seiner Helferin macht.

Auch die Bulgaren mischten mit

Aber auch die sozialistischen Bruderstaaten waren nicht untätig: Im Jahr 1978 kommt der bulgarische Militärattaché Pawel Scherwenkow für vier Jahre an die Brüsseler Botschaft seines Landes. Später erzählt er Journalisten, dass er den Auftrag hatte, Einzelheiten über Raketenstellungen nahe der Grenze zum Ostblock herauszufinden.

bangemann_kamera.jpg

Eine in ein Taschentuch eingenähte Mini-Kamera. Mit ihr hatte einst die Sekretärin und Stasi-Spionin Sonja Lüneburg im Büro des früheren FDP-Generalsekretärs Martin Bangemann geheime Aufnahmen für die DDR gemacht.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Die belgischen Behörden nehmen 1983 Eugène Michiels fest, einen Außenministeriumsmitarbeiter. Ihm wird Technologiespionage im Auftrag der Sowjetunion zur Last gelegt. Im Zuge der Affäre werden später ein sowjetischer und vier rumänische Diplomaten ausgewiesen.

Im Jahr 2001 wird der französische Offizier Pierre-Henri Bunel verurteilt, weil er militärische Informationen an Belgrad weitergegeben hatte. Darunter waren Pläne zur Bombardierung Serbiens durch die Nato während der Jugoslawienkriege.

Im selben Jahr sorgt ein Untersuchungsbericht des Europäischen Parlaments für Aufsehen: Er belegt die Existenz des weltweiten Spionagenetzes Echelon, das von Geheimdiensten der USA, Großbritanniens, Australiens, Neuseelands und Kanadas unterhalten wird. Das Netz, dessen Anfänge in die 1960er Jahre reichen, dient anfangs der Ausspähung des Funkverkehrs, später werden auch Satelliten und Unterseekommunikationskabel ins Visier genommen.

Sogar das Gebäude ist verwanzt

Justus-Lipsius-Haus.jpg

Das Lipsius-Haus in Brüssel.

(Foto: picture-alliance / dpa/epa)

2003 werden am Sitz des Ministerrats in Brüssel, dem Justus-Lipsius-Gebäude, Abhörvorrichtungen entdeckt. Die in Übersetzerkabinen versteckten Spionageboxen können von außen aktiviert werden, um Gespräche in den Räumen der deutschen, französischen, britischen und spanischen Delegationen mitzuschneiden. Eine Untersuchung der belgischen Behörden bringt nichts zutage, ein Verdacht lastet aber auf den USA und Israel.

2008 wird ein ranghoher Vertreter des estnischen Verteidigungsministeriums, Herman Simm, zu zwölfeinhalb Jahren Gefängnis wegen Spionage verurteilt. Der Sicherheitsberater bei der EU und der NATO hatte für Russland spioniert. Zwei russische Diplomaten werden ausgewiesen.

Die Spionage macht auch vor den höchsten EU-Ebenen nicht halt: US-Ermittler bestätigen 2011, dass möglicherweise chinesische Hacker den E-Mail-Verkehr von EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy und einem Dutzend weiterer ranghoher EU-Vertreter infiltrierten.

Quelle: n-tv.de, AFP

Mehr zum Thema