Politik

Chinesen hofieren die Kanzlerin Angela Merkel ist nicht zum Kochen da

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Essen ja, Kochen nein: Kanzlerin Angela Merkel will ihren Chinabesuch nicht zur Show werden lassen.

(Foto: dpa)

Die Kanzlerin soll auf ihrer China-Reise der Wirtschaft helfen, Menschenrechte verteidigen und geopolitische Probleme lösen. Tatsächlich: Sie gilt als Politikerin mit gutem Draht nach Peking. Aber nicht, weil sie demütig auf die Knie fällt, sondern kontinuierlich kritisiert.

Rezept: "Gong Bao Ji Ding"

Zutaten:

250 g Hähnchenbrust ohne Haut und Knochen
30 g frische Erdnüsse
3 EL Reiswein
Salz
4 TL Maisstärke, in 4 TL Wasser angerührt
20 g Lauch
20 g Ingwerwurzel
4 frische Knoblauchzehen
10 g getrocknete rote Chilischoten
1 EL Zucker
1 EL schwarzer Reisessig
3 EL Sojaessig
100 g Pflanzenöl
20 Szechuan-Pfefferkörner

Zubereitung:

Die Hähnchenbrust auf einer Seite einschneiden. Das Fleisch dann in 1 cm große Würfel schneiden. Die Erdnüsse von den braunen Häutchen befreien. 2 EL Reiswein mit Salz und der Hälfte der angerührten Speisestärke verrühren. Das Fleisch untermischen und zugedeckt beiseite stellen. Lauch, Ingwer und Knoblauch in Scheiben schneiden. Chilischoten in 1,5 cm lange Stücke schneiden. Zucker mit Essig, Sojasauce, 1 EL Reiswein, Salz und der übrigen angerührten Maisstärke verrühren. Die Erdnüsse im Öl frittieren und wieder herausnehmen. Das Öl bis auf einen dünnen Film abgiessen. Chilischoten und die Pfefferkörner in dem verbliebenen Öl anbraten und ebenfalls wieder herausnehmen, kann weggeworfen werden. Nun das Fleisch in den Wok geben und unter Rühren braten, bis es leicht gebräunt ist. Lauch, Ingwer und Knoblauch kurz mitbraten. Die angerührte Sauce hinzugeben und noch einmal aufkochen. Zum Schluss die Erdnüsse gut untermischen.

Angela Merkel bestand darauf, bezahlen zu wollen. Der Gewürzhändler auf dem Straßenmarkt in Chengdu hätte ihr das Tütchen Sichuan-Pfeffer zwar lieber geschenkt. Gerade auch weil die anwesenden hochrangigen Kader der gastgebenden Kommunistischen Partei nichts anderes von ihm erwartet hatten. Aber das war aussichtslos. Die Bundeskanzlerin reichte dem armen Kerl ein paar Yuan über den Tisch und drängte darauf, ihren Einkauf nach internationalem Standard abzuwickeln. Geld gegen Ware. Wie peinlich für den Mann vor den Augen der Politgrößen seiner Provinz. Aber er kann sich trösten. Klare Ansagen von Merkel mussten in der Vergangenheit auch schon chinesische Regierungsmitglieder über sich ergehen lassen. Es wird für ihn wohl kein Nachspiel geben.

Doch eigentlich hätte Merkel zugreifen müssen. Vielleicht einfach aus kulturellen Gründen, um ein Geschenk eines einfachen Mannes nicht auszuschlagen. Aber mindestens aus rein pragmatischen Gründen. Wann bekommt man in China in der freien Wirtschaft schon einmal etwas geschenkt? Sicher, wer auf großer Skala investiert, hat die Chance auf ein paar Vergünstigungen vom Staat. Aber wie oft hört man die Industrie klagen über unlauteren Wettbewerb, Patentraub oder Knebelverträge? Und so steckte der Marktbesuch von Merkel am Sonntag in der Hauptstadt der Provinz Sichuan voller Symbolik: Die Deutschen wollen es am liebsten korrekt machen, wenn sie in China Geschäfte tätigen. Doch hier stößt man damit oft genug auf totales Unverständnis.

Merkel aber bleibt sich in China treu. Das war früher so, und das gilt auch für den aktuellen Besuch, der sie zunächst in den Südwesten des Landes führte und dann in die Hauptstadt Peking, wo sich sowohl Staats- und Parteichef Xi Jinping, als auch Regierungschef Li Keqiang und sogar dessen Vorgänger Wen Jiabao viel Zeit nehmen für politische Gespräche. Merkel formuliert Wünsche, Forderungen und Kritik unverblümt. Sie weiß um die Bedeutung des Landes für die deutsche, die europäische und auch die globale Wirtschaft. Aber sie liegt den Chinesen deshalb nicht zu Füßen wie neulich der Brite David Cameron. Der Premierminister wurde nach seiner letzten China-Reise im Internet mit Spott übergossen und als Speichellecker verachtet. Von Chinesen wohlgemerkt, die sich angesichts der Unterwürfigkeit Camerons gegenüber den Pekinger Kadern regelrecht fremdschämten.

Kochshow ohne Merkel

Merkel ist weit davon entfernt, dass man sie verspottet. Sie genießt so viel Respekt in der Volksrepublik wie kein anderer europäischer Spitzenpolitiker. Wenn man so will: Sie ist Europa. Das erklärt die außergewöhnlich hohe Wertschätzung für die Kanzlerin. Sie soll die EU auf einen ganz und gar chinafreundlichen Pfad führen. Peking ist überzeugt, dass sie von Berlin aus Brüssel dirigiert. Freihandel, ein Ende des Waffenembargos, mehr Investitionen auf beiden Seiten, mehr Technologietransfers nach Osten, leichtere Visa-Bestimmungen für Chinesen in der EU - Merkel soll helfen, all das zu realisieren.

Im Gegenzug lassen es sich die Chinesen gefallen, wenn Merkel immer wieder aufs Neue auf Menschenrechte, Pressefreiheit, Rechtsstaatlichkeit oder faire Wettbewerbsbedingungen für ausländische Unternehmen in der Volksrepublik pocht. Das tut sie mal mehr, mal weniger öffentlich, aber seit Jahren konsequent und kompromisslos.  Deshalb es ging es ihr wohl einen Schritt zu weit, als sie das landesweit beliebte Hühnergericht "gong bao jiding" nach dem Gang über den Markt mit einem chinesischen Koch in der Pfanne zaubern sollte. Sie schaute gerne zu, aber lehnte es entschieden ab, selber mit anzufassen. Sie hielt Distanz und verzichtete darauf, Bilder wie in einer Kochshow zu liefern. Sie kommt nicht zum Kochen nach China, sondern um Probleme zu lösen.

Menschenrechte eher eine Randnotiz

Deswegen hängen auch viele der deutschen Spitzenunternehmen an ihrem Rockzipfel. Die Liste liest sich wie die Aufstellung der Fußball-Nationalmannschaft: Siemens, Lufthansa, Volkswagen, Infineon, Commerzbank, Thyssen-Krupp, Linde, Deutsche Bank, Deutsche Post, Deutsche Börse, sogar die Deutsche Fußball-Liga ist mit ihrem Geschäftsführer vor Ort. Das Produkt Bundesliga und ihre Klubs hinken der Konkurrenz aus England und Spanien in der Volksrepublik meilenweit hinterher. Einerseits ist die enge Anknüpfung der Wirtschaftsbosse an die Reise eine gute Gelegenheit, die Zusammenarbeit der deutschen Industrie mit China zu vertiefen. Neue Milliardenprojekte (Volkswagen) und die Gründung neuer Gemeinschaftsunternehmen (Lufthansa) sind diesmal das Resultat. Andererseits bietet es aber auch die Möglichkeit, im Sog von Merkel auf die Benachteiligungen ausländischer Firmen hinzuweisen. Wenn die Kanzlerin selbst schon so austeilt, dann traut man sich eben auch einmal aus der Deckung, so wie Ex-Siemens-Chef Löscher vor zwei Jahren.

Auch Aktivisten und Menschenrechtler bürden Merkel große Erwartungen auf. Reporter ohne Grenzen fordert die Kanzlerin auf, gegen die immer strengere Internetzensur im Land und für die Freilassung inhaftierter Blogger und Journalisten zu plädieren. Dem chinesischen Künstler und Dissidenten Ai Weiwei soll sie wenn möglich eine Ausreisegenehmigung nach Deutschland verschaffen, damit der seine Ausstellung in Berlin persönlich vorstellen kann. Den Bogen überspannen will Merkel jedoch nicht. Sie kritisiert, erinnert, mahnt, aber sie trifft keine Dissidenten. Wohl auch, um einen Eklat zu vermeiden. Vor zwei Jahren platzten solche Termine in letzter Sekunde, weil den Chinesen die Auswahl der Gesprächspartner nicht passte. Dafür besuchte Merkel ein Sozialprojekt, das sich für Wanderarbeiter und ihre Kinder einsetzt.

Belange der Menschenrechtler können realistisch gesehen ohnehin nur ein Randaspekt sein für die Kanzlerin. Die Welt hat vermutlich größere Sorgen als eingesperrte Journalisten und Ai Weiwei, so traurig das sein mag. Der Konflikt in Syrien, in der Ukraine, das Atomprogramm Nordkoreas, aber auch Chinas rigoroses Vorgehen im südchinesischen Meer gegen territoriale Ansprüche anderer Anrainer warten dringend auf Lösungen.

Quelle: n-tv.de