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Gesundheit nicht Igel-Kriterium Ärzte bieten Ärmeren seltener Privatleistungen an

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Bei einem hohen Haushaltseinkommen steigt die Wahrscheinlichkeit, vom Arzt individuelle Leistungen angeboten zu bekommen.

(Foto: imago/Westend61)

Patienten machen jährlich gut eine Milliarde Euro für individuelle Gesundheitsleistungen - kurz Igel - locker. Einer AOK-Studie zufolge machen Mediziner diese Angebote oftmals von der wirtschaftlichen Lage ihrer Patienten abhängig. Sagt das etwas über den Sinn der Angebote aus?

Medizinische Leistungen, die die gesetzlich Versicherten selbst bezahlen müssen, werden offenbar vorwiegend Patienten mit größerem Geldbeutel angeboten. Mehr als jedem vierten Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen (28,9 Prozent) ist in den vergangenen zwölf Monaten eine ärztliche Leistung als Privatleistung - als sogenannte Individuelle Gesundheitsleistung (Igel) - angeboten worden, heißt es in einer Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido).

Den Ergebnissen zufolge besteht ein starker Zusammenhang zwischen Einkommen und Schulbildung der Patienten und dem Angebot des Arztes für eine Igel-Leistung. Bei den Befragten mit einem Haushaltseinkommen unter 2000 Euro wurde nur gut jeder Fünfte (21,6 Prozent) von seinem Arzt auf die Igel-Angebote angesprochen, bei Menschen mit einem Haushaltseinkommen über 4000 Euro waren es gut jeder Dritte (35,4 Prozent).

Portemonnaie schlägt Nutzen?

"Offensichtlich spielt es also nicht nur eine Rolle, für wie medizinisch relevant Ärzte eine Leistung erachten, sondern auch, wie sie die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Patienten einschätzen", sagte Studienleiter Klaus Zok. "Ob ein Patient eine Igel-Leistung angeboten bekommt, hängt weniger vom Alter und dem Gesundheitszustand ab als von seinem Portemonnaie", kritisierte Zok weiter. "Das lässt am medizinischen Nutzen vieler dieser Leistungen zweifeln."

Für die Studie wurden 2000 repräsentativ ausgewählte Teilnehmer befragt. Igel sind Diagnose- und Behandlungsmethoden, die nicht zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung gehören und deshalb von den Versicherten aus eigener Tasche bezahlt werden müssen. Die Initiative dazu geht in drei vor vier Fällen (74,7 Prozent) vom Arzt aus. Etwa drei Viertel der Patientinnen und Patienten (71,6 Prozent), die eine Igel-Leistung angeboten bekommen, nehmen diese auch in Anspruch.

Der Markt für die individuellen Gesundheitsleistungen ist den Angaben zufolge lukrativ. Auf Basis einer Hochrechnung der Versichertenangaben ergibt sich ein Volumen von rund einer Milliarde Euro pro Jahr. Die Kosten für eine angebotene Igel-Leistung belaufen sich im Durchschnitt auf 74 Euro. Allerdings gibt es je nach Art der Leistung große Preisunterschiede: Während die Hälfte der Leistungen maximal 48 Euro kosten, werden für manche Leistungen hohe dreistellige und sogar vierstellige Beträge genannt.

Rund drei von vier Igel-Angeboten (72 Prozent) kommen von fünf Facharztgruppen. Spitzenreiter sind die Frauenärzte: Auf sie entfallen rund 28 Prozent der privatärztlichen Leistungen. Danach folgen Augenärzte mit einem Anteil von 22 Prozent, Orthopäden (13 Prozent), Hautärzte (6 Prozent) und Urologen (3 Prozent). Praktische Ärzte und Allgemeinmediziner erreichen zusammen 19 Prozent.

Quelle: ntv.de, jwu/AFP