Politik

Anschläge von Islamisten Belgien ist Europas Terrorbasis

ef1474bb2f4d0292fadd960d1d9f3a96.jpg

Allein beim Angriff auf den Konzertsaal Bataclan verloren mindestens 89 Menschen ihr Leben. Deutlich mehr wurden verletzt.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Die Spuren des Anschlags führen nach Belgien. Wieder einmal. Das kleine Land im Zentrum Europas ist ein Hort für "Gotteskrieger".

Im Volksmund ist längst von "Belgistan" die Rede. Denn was so lange Waziristan im Nahen Osten war, ist mittlerweile der Brüsseler Stadtteil Molenbeek in Europa: ein Hort des islamistischen Terrorismus.

Die Anschlagsserie in Paris vom Freitag wirkt wie ein weiterer Beleg. Der mutmaßliche Organisator des Attentats, Abdelhamid Abaaoud, lebt mittlerweile zwar in Syrien, ist aber Belgier. Er hat in Molenbeek gewohnt. Das berichtete der französische Radiosender RTL am Tag drei nach dem Drama. Davor nahmen belgische Sicherheitsbeamte bereits sieben Männer fest, die sich alle aus dem berüchtigten Bezirk kannten.

Zwei der Attentäter, die sich in Paris in die Luft sprengten, haben zuletzt in Belgien gewohnt. Der in den vergangenen Tagen meistgesuchte Mann Europas, der 26 Jahre alte Salah Abdeslam, wurde in Brüssel geboren. Abdeslam mietete den schwarzen VW Polo, mit dem einige der Attentäter zum Musikclub Bataclan fuhren, bevor sie allein dort mindestens 89 Menschen erschossen. "Belgistan" war bekanntes Pflaster für Abdeslam. Am Mittag soll er in Brüssel gefasst worden sein.

Belgien liegt bei Dschihadisten-Quote ganz vorn

Aus keinem Staat Europas stammen so viele Mitglieder islamistischer Kampfeinheiten wie aus dem kleinen Belgien. Und es werden immer mehr: 2013 zählte das International Center for the Study of Radicalisation (ICSR) 27 sogenannte Foreign Fighters pro eine Million Einwohner in Belgien. 2015 sind es 40. Zum Vergleich: Dänemark liegt in diesem Jahr mit 27 auf Rang zwei, Schweden mit 19 auf Rang drei. In Deutschland kommen auf eine Million Einwohner 7,5 Dschihadisten.

Bereits vor dem jüngsten Anschlag in Paris gab es bei Attentaten in Europa immer wieder Spuren, die nach Belgien und in den Stadtteil Molenbeek führten.

Im Mai 2014 erschoss der Franzose Mehdi Nemmouche vier Menschen im Jüdischen Museum in Brüssel. Vor den Anschlägen auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" und einen jüdischen Supermarkt verhandelte der Attentäter Amedy Coulibaly mit einem Mann aus dem belgischen Charleroi über den Kauf eines Autos und Waffen.

Nur Tage später nahmen die belgischen Sicherheitskräfte zwei Islamisten in Veviers fest, die gezielt Polizisten ermorden wollten. Sie fanden dabei Sturmgewehre des Typs AK47, Munition und Sprengstoff.

Auch der Marokkaner, der im August in einem Thalys-Schnellzug überwältigt wurde, bevor er Schlimmes anrichten konnte, kam aus Belgien - aus dem Viertel Molenbeek.

Land der 1000 Kompetenzen

Obwohl Belgien und insbesondere jener Stadtteil so offensichtlich ein Zentrum des islamistischen Terrors in Europa sind, gibt es kaum klare Antworten darauf, warum das so ist. Es kursieren nur etliche Erklärungsversuche.

Zwischen der 400.000 Mitglieder zählenden muslimischen Gemeinde und dem Rest der Gesellschaft gab es immer wieder Auseinandersetzungen. Das wohl plakativste Beispiel: 2011 führte Belgien ein Burka-Verbot ein. Frauen, die mit dem Vollschleier durch die Straßen liefen, sollten etwa 137,50 Euro Strafe zahlen. Die Anwältin von Muslimen, die dagegen klagten, sprach von einem "Frontalangriff auf die muslimische Welt".

Ein zweiter Ansatz: Ähnlich wie die französischen Banlieues sind belgische Viertel wie Molenbeek sozial abgehängtes Terrain mit einem hohen Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund. Die prekären Verhältnisse, die Möglichkeit einer religiösen und ethnischen Abgrenzbarkeit ermögliche es Menschenfängern jeglicher Art, dort erfolgreich zu ködern. Mohamed Galaye bezeichnete als Imam der großen Moschee in Brüssel islamistische Terroristen einmal als "Produkt der Gesellschaft", nicht als Produkt der Religion.

Offensichtlich erscheint, dass islamistische Gruppen sehr lange ungestört in Belgien rekrutieren konnten. Bei der bekanntesten, Scharia4Belgium, dauerte es Jahre bis zu einem Verbot. Der belgische Innenminister Jan Jambon sieht einen Grund für dieses Phänomen auch in der Zerrissenheit seines Landes. Der Zwist zwischen Flamen und Wallonen befördere schlicht zu viele nationale und regionale Ansprüche auf Kompetenzen. Die Folge: zersplitterte Sicherheitskräfte. "Brüssel hat 1,2 Millionen Einwohner", sagt Jambon. "Und trotzdem haben wir sechs Polizeiapparate." New York dagegen habe elf Millionen Einwohner - und wie viele Polizeiapparate? Einen.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema