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Wikileaks-Gründer im Fadenkreuz CIA schlug Tötung von Julian Assange vor

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Julian Assange im Mai 2017 auf dem Balkon der ecuadorianischen Botschaft in London.

(Foto: picture alliance / empics)

Jahrelang verhindert Wikileaks-Chef Assange mit seinem Aufenthalt in der ecuadorianischen Botschaft von London, an die USA ausgeliefert zu werden. Einem Bericht zufolge soll die Trump-Regierung und der Geheimdienst CIA erwogen haben, Assange zu entführen und zu töten.

Die Führung der Central Intelligence Agency und ihr Chef Mike Pompeo wollten Rache. Seit März 2017 hatte die Enthüllungs-Website Wikileaks die "Vault 7"-Dokumente über die streng geheime Hacker-Abteilung der CIA veröffentlicht. Sie zeigten die Fähigkeiten des US-Geheimdienstes bei elektronischer Überwachung und Cyber-Kriegsführung. Für die Amerikaner war die Offenlegung ihrer Spionagewerkzeuge nicht nur eine historische Peinlichkeit, sondern auch eine Gefahr im Wettstreit mit den Geheimdiensten anderer Staaten.

Laut einer Recherche von "Yahoo News" wurde deshalb als Gegenschlag unter anderem die Entführung von Wikileaks-Chef Julian Assange aus der ecuadorianischen Botschaft in London vorgeschlagen, sogar seine Tötung erwogen. In der diplomatischen Vertretung hielt Assange sich damals bereits seit Jahren auf, um der Gefahr einer Auslieferung an die Vereinigten Staaten zu entgehen. Seit 2019 sitzt Assange in einem britischen Gefängnis. Von den USA wird ihm Beihilfe zu Hackeraktivitäten und Spionage vorgeworfen.

Seit 2006 schon veröffentlichte Wikileaks immer wieder für die USA höchst problematische Geheimdokumente. Pompeo bezeichnete Wikileaks kurze Zeit nach den "Vault 7"-Dokumenten als "nicht-staatlicher feindlicher Geheimdienst", der häufig Staaten wie Russland helfe. Hinter den Kulissen bat er seine Mitarbeiter und internationalen Büros um Vorschläge, wie sie zurückschlagen und sich an Wikileaks rächen könnten. "Nichts ist tabu, schränkt euch nicht ein", soll er demnach gesagt haben. "Ich brauche Einsatzideen von euch. Um die Anwälte in Washington kümmere ich mich." In einem ersten Schritt spionierte die CIA verschiedene Wikileaks-Mitarbeiter in Europa aus - wie sie ihr Leben führten, mit wem sie was besprachen.

Als nächster Schritt sollten die Angriffe folgen, es gab verschiedene Vorschläge dazu. Geräte könnten gestohlen und die digitalen Infrastrukturen unbrauchbar gemacht werden, die Kommunikation der Mitglieder unterbrochen, innerhalb der Organisation könnten Falschinformationen gestreut werden, um zwischenmenschliche Konflikte auszulösen. Manche der Vorschläge wurden ehemaligen Mitarbeitern zufolge in die Tat umgesetzt. Ein bekannt gewordener Fall aus Deutschland könnte damit zusammenhängen: Andy Müller-Maguhn, Ex-Chef des Chaos Computer Club, berichtete, er sei überwacht worden, und es habe einen Einbruchsversuch in seine Wohnung gegeben.

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Vertraute: Der damalige US-Präsident Donald Trump und Mike Pompeo

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Gegen Assange gab es dem Bericht zufolge ab 2017 zwei Haupteinsatzpläne: Der erste sah vor, dass Spione den Wikileaks-Mitgründer aus der Botschaft herausholen und über ein Drittland in die Vereinigten Staaten bringen würden - eine sogenannte erzwungene Auslieferung. In einer abgeschwächten Version sollten Agenten ihn an britische Beamte übergeben. "Pompeo war total besessen von Wikileaks", wird ein Geheimdienstmitarbeiter zitiert. "Er sah rot." Am Ende hätten die Briten jedoch nicht die Hoheitsverletzung einer ausländischen Botschaft decken wollen, heißt es.

"Jeder Mensch ein Spion"

Bei einem Arbeitstreffen soll der damalige Präsident Donald Trump zudem um Vorschläge gebeten haben, wie die CIA den ungeliebten Assange töten könnte. Beim Geheimdienst wurde zugleich darüber diskutiert, ob eine Tötung rechtlich vertretbar sei. Einem damaligen hochrangigen CIA-Mitarbeiter zufolge sei ein solches Vorhaben allerdings wegen der diplomatischen und juristischen Folgen von vielen Kollegen als "irrwitzig" angesehen worden. In einer Stellungnahme dementierte Trump seine Äußerungen über eine mögliche Tötung. "Das ist komplett falsch, es ist nie geschehen", erklärte er.

Amerikanische, britische und russische Spione waren in London rund um die ecuadorianische Botschaft installiert, sagte ein damaliger hochrangiger Agent "Yahoo News". Demnach waren die US-Behörden davon überzeugt, dass Assange seinen Fluchtort unbedingt verlassen wollte. Die Russen wollten ihm helfen, die Amerikaner es verhindern oder den Wikileaks-Chef selbst wegbringen. "Es war mehr als skurril", wird der Agent zitiert: "Es ging so weit, dass jeder Mensch in einem Umkreis von drei Blocks für einen der Geheimdienste arbeitete, egal ob es Straßenreiniger, Polizisten oder Sicherheitsleute waren."

Die Pläne gegen Assange wurden unter Zeitdruck entworfen, da sich das Weiße Haus und die CIA im Wettlauf mit den Russen sahen. Laut damaligen US-Erkenntnissen wollte der russische Geheimdienst dem Wikileaks-Chef zur Flucht aus der Botschaft verhelfen und ihn nach Moskau ausfliegen. Die CIA hatte eine Spionage-Übung vor der ecuadorianischen Botschaft beobachtet. Die Vermutung war, dass die ecuadorianische Botschaft ihren Gast auf die Straße treten lassen würde, wo russische Agenten ihn empfangen und nach Russland bringen würden.

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"Liefert Assange nicht aus" - Plakat im Jahr 2020 in London.

(Foto: AP)

Die USA entwarfen für diesen Fall ihre Gegenmaßnahmen. Die Pläne reichten von Prügeleien zwischen Spionen über Feuergefechte bis hin zu Autos, die andere rammten, um eine Flucht zu verhindern. Das wäre diplomatisch höchst riskant gewesen - gingen die USA doch davon aus, dass Assange in einem diplomatischen Fahrzeug der Russen sitzen würde. Hätte Assange es an Bord eines Flugzeugs geschafft, wollten US-Amerikaner oder Briten es mit Autos oder einem Hubschrauber auf der Startbahn stoppen oder seine Reifen zerschießen. Wäre der Start geglückt, wollten die USA ihre europäischen Verbündeten bitten, ihm die Überflugrechte zu verweigern.

Widerstand aus Sicherheitsrat und Justizministerium

Die Anwälte des Nationalen Sicherheitsrates sperrten sich gegen die Entführungsvorschläge. Doch Pompeo war einer der wenigen engen Vertrauten Trumps, die beiden trafen sich wiederholt alleine im Weißen Haus. Manchmal verließ der CIA-Chef solche Zusammenkünfte mit vom Präsidenten unterschriebenen Anordnungen, ohne dass irgendjemand etwas davon gewusst hätte. Als Trump später seinen bisherigen Außenminister Rex Tillerson wegen dessen gemäßigter Haltung entließ, setzte er stattdessen Pompeo an die Spitze des State Departments.

Auch das Justizministerium war besorgt von den Überlegungen. Es wollte eine Auslieferung und einen Gerichtsprozess, also trieb es die Anklage gegen Assange voran. Die Papiere sollten fertig sein, falls der Wikileaks-Gründer in die USA gebracht werden sollte. Ansonsten wäre jeder Einsatz illegal und später vor Gericht anfechtbar gewesen. Die ganze Angelegenheit wurde noch komplizierter, als die schwedischen Ermittler im Mai 2017 ihre Vergewaltigungsvorwürfe gegen Assange fallen ließen.

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Agenteneinsätze wie der geplante gegen Assange müssen normalerweise vom Präsidenten unterzeichnet und zumindest eine Auswahl von Kongressmitgliedern der Geheimdienstausschüsse benachrichtigt werden. Handelt es sich jedoch um einen offensiven Schlag gegen einen gegnerischen Geheimdienst, kann die CIA praktisch machen, was sie will. Um dies im Falle von Wikileaks legal zu tun, hätte Pompeo belegen müssen, dass Wikileaks auf direkte Anweisung des Kreml agierte. Das war schwierig - also einigte man sich auf die vorausschauende Neudefinition der Organisation als "nicht-staatlicher feindlicher Geheimdienst", die Pompeo auch öffentlich verwendete.

Während die USA über diese Pläne berieten, wähnte Assange sich und andere offenbar bereits in Lebensgefahr. Er verteilte unveröffentlichte "Vault 7"-Dokumente zwischen mehreren Wikileaks-Mitarbeitern, damit diese bei einem Todesfall unter ihnen auf jeden Fall veröffentlicht werden könnten. Doch Assange lebt, sitzt aber seit rund zweieinhalb Jahren in London in Haft. Ecuador hatte ihm die Staatsbürgerschaft sowie das Asyl entzogen, britische Polizisten trugen ihn im April 2019 aus der Botschaft. Der juristische Kampf gegen seine Auslieferung an die USA ist noch nicht entschieden.

Quelle: ntv.de

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