Politik

US-Wahlkampf 2016 Das sollten Sie gelesen haben

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Halloween mit Hillary und Donald. Nicht wenigen Amerikanern graut es vor beiden Kandidaten.

(Foto: REUTERS)

Seit anderthalb Jahren berichten wir über den Präsidentschaftswahlkampf in den USA. Nicht immer waren unsere Prognosen richtig. Doch einige Stücke sind immer noch lesenswert. Ein Überblick.

Als Donald Trump im Juni 2015 die Rolltreppe im Trump Tower in New York herunterfuhr, um seine Bewerbung für die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner zu verkünden, glaubte so gut wie niemand, dass dieser Mann auch nur den Hauch einer Chance haben würde.

Gleich seine erste Rede als Politiker war gespickt mit Beleidigungen und Halbwahrheiten. Schon das achte Wort war eine Lüge. "Wow", sagte Trump, "das sind mal eine Menge Menschen. Tausende." Eine Trump-Sprecherin sagte später, man habe mehr als eintausend Personen erwartet und es seien bestimmt nicht weniger als tausend gewesen. Aber "Tausende"? Gelogen.

Falsch war auch unsere im Juli 2015 geäußerte Erwartung, Trump werde "niemals" Präsident, "höchstwahrscheinlich nicht einmal Präsidentschaftskandidat". Klar war damals allerdings schon, dass "The Donald" die Stimmung der Wähler in den USA traf.

Das galt ebenso für Bernie Sanders, den linken Senator aus Vermont, die zweite Überraschung dieses Wahlzyklus'. Auch sein Erfolg zeigte, dass viele Amerikaner von der politischen Klasse ihres Landes die Nase voll haben. "Wir vertrauen Politikern nicht mehr", sagte Josh Powers, einer seiner Wahlkämpfer im Oktober.

Im Dezember erklärte uns dann der amerikanische Soziologe Michael Kimmel, warum Trump so erfolgreich war. "Was Donald Trump sagt, trifft das Gefühl des zornigen weißen Mannes", sagte Kimmel. "Trump schafft es, die Wut zu kanalisieren, dass 'unser Amerika' angeblich vom ersten Platz verdrängt worden ist." Dass "Wut" das beherrschende Thema dieses Wahlkampfes ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen, aber das Interview ist immer noch lesenswert.

Einen ungewöhnlich ehrlichen Moment hatte Trump im Januar. "Ich könnte mitten auf der Fifth Avenue (in New York) stehen und jemanden erschießen und ich würde keine Wähler verlieren." Erst im Rückblick wird deutlich, dass selten ein wahreres Wort gesprochen wurde.

Nach der ersten Vorwahl Anfang Februar in Iowa war noch nicht klar, dass Trump am Ende siegen würde. Aber es war klar, in welche Richtung die Reise geht: gegen das Establishment. Schon damals zeichnete sich ab, dass Kandidaten wie Jeb Bush keine Chance haben würden.

Im Wahlkampf spricht Trump davon, dass er die Terrormiliz IS "in die Hölle bomben" und das US-Militär wieder stark machen will. Aber das ist nur Rhetorik. Tatsächlich steht Trump für einen Rückzug der USA von der internationalen Bühne – was sicherlich auch der politischen Stimmung in den USA entspricht. "Ob man es nun positiv oder negativ sieht – wenn die Amerikaner Trump wählen, entstünde ein Machtvakuum, das andere füllen müssten", schrieben wir im Februar. Vor allem Deutschland müsste seine internationale Rolle überdenken.

Trump sei nicht militant, sagte im März der Politologe Christian Hacke. "Auf lange Sicht ist es denkbar, dass er das militärische Engagement weltweit abbauen wird. Er ist gegen die Weltpolizistenrolle der USA." Hacke glaubt, Trump sei "nicht so schlimm wie es scheint".

Wie niveaulos der Wahlkampf werden würde, war schon früh klar. Der glücklose und zunehmend verzweifelte Republikaner Marco Rubio machte im Vorwahlkampf Andeutungen über die Länge von Trumps Fingern. Trump setzte natürlich noch einen drauf. Wenn er kleine Hände hätte, müsste ja auch etwas anderes klein sein. "Ich garantiere Ihnen, da gibt es kein Problem", sagte er in einer TV-Debatte der republikanischen Kandidaten. Es dürfte das erste Mal gewesen sein, dass ein Präsidentschaftskandidat öffentlich über die Länge seines Penis' gesprochen hat.

Wie Trump sich seine Meinungen bildet, konnte man im Frühjahr live beobachten. In einem Interview sagte er, er sei gegen Abtreibungen. Das gehört für republikanische Präsidentschaftskandidaten zum Pflichtprogramm. Trump war jedoch nicht immer Republikaner, und er kommt aus dem liberalen New York. In dem Interview sagte er nach einigem Hin und Her, dass Frauen, die abgetrieben haben, bestraft werden müssten. Am Ende hat er es aber nicht so gemeint.

Im Mai 2016 haben wir dann unsere Prognose korrigiert. Die Präsidentschaftskandidatur war Trump zu diesem Zeitpunkt schon so gut wie sicher. Aber kann der auch Präsident werden? "Eigentlich ist es nicht wahrscheinlich, dass Trump die Wahl am 8. November gewinnt", schrieben wir damals. "Aber vor einem Jahr war es auch nicht wahrscheinlich, dass er die Vorwahlen der Republikaner gewinnt."

Im Sommer, als die Umfragen für ihn nicht so gut waren, fing Trump damit an, die Verschwörungstheorie zu verbreiten, die Wahl werde gefälscht. Dabei ging es nicht um die Fehler, die bei Wahlen in den USA immer wieder vorkommen – Trump kann sich offenbar einfach nicht vorstellen, nicht zu gewinnen. Vielleicht ist das auch der Grund für seinen Hang zu Verschwörungstheorien.

Zu den Vorwürfen, die Trump bei seinen Anhängern nicht schaden, gehört auch der Skandal um die "Trump University", die alberne Kurse veranstaltete und die Teilnehmer dabei gehörig abzockte. Ermittlungen der New Yorker Staatsanwaltschaft zu der Frage, ob die "Studenten" betrogen wurden, sind noch immer nicht abgeschlossen.

US-Präsidentschaftswahlen werden bekanntlich nicht mit einer Mehrheit aller abgegebenen Stimmen gewonnen. Der Wahlsieger (oder die Siegerin) braucht eine Mehrheit im "electoral college", dem Gremium der Wahlmänner und -frauen. Diese Mehrheit erreicht man über Wahlsiege in den Bundesstaaten, die, je nach Größe, unterschiedlich viele Stimmen in diesem Gremium haben. Besonders umkämpft sind daher Staaten, in denen Umfragen auf ein knappes Ergebnis hindeuten. In diesem Wahlkampf sind dies unter anderem Ohio, Florida und North Carolina. Hier könnte die Wahl entschieden werden.

Die Zustimmung zu Clinton und Trump verläuft in Wellen, die sich immer wieder annähern. Fast durchweg lag Clinton in den Umfragen vor Trump, derzeit allerdings nur knapp. Der letzte Moment, an dem Trump seiner Konkurrentin nahe kam, war im September. Damals war Clinton bei einer Feierstunde für die Opfer von 9/11 zusammengebrochen. Schlimmer als ihre Lungenentzündung war damals, da waren sich die Beobachter einig, dass sie diese verheimlicht hatte.

Ein Wahlkampf-Klassiker in den USA ist die sogenannte "October surprise" – eine spektakuläre Nachricht, die kurz vor Schluss Einfluss auf das Wahlergebnis hat. Meist fällt die Überraschung aus. In diesem Jahr gab es gleich mehrere. Anfang Oktober sah es so aus, als werde Clinton auf jeden Fall gewinnen: Die "Washington Post" veröffentlichte ein Video, auf dem zu hören war, wie Trump sich im Jahr 2005 damit brüstete, Frauen sexuell belästigen zu können, ohne dafür belangt zu werden.

Zeitgleich fing Wikileaks an, Mails zu veröffentlichen, die Clintons Wahlkampfchef John Podesta geklaut worden waren. Zunächst lief dieses Thema im Windschatten des Trump-Videos. Vier Wochen später war klar, dass die Wikileaks-Enthüllungen die eigentliche "Oktober-Überraschung" sind. Ihr Einfluss auf die Umfragewerte ist deutlich stärker als das Trump-Video oder auch die dritte Überraschung des Monats: die neuerlichen FBI-Ermittlungen.

Es wäre sicherlich falsch, FBI-Chef James Comey, Parteinahme vorzuwerfen. Comey war es, der die Öffentlichkeit über die Ermittlungen informierte und damit gegen die Gepflogenheiten seiner Behörde verstieß. Letztlich musste er sich zwischen zwei falschen Alternativen entscheiden.

Nach Auffassung der US-Geheimdienste gibt es eine enge Verbindung zwischen Wikileaks und Russland. Trump glaubt das zwar nicht. Richtig ist jedoch, dass Russlands Präsident Wladimir Putin keine große Lust darauf hat, auf eine Präsidentin Clinton zu treffen – er war schon mit ihrem Mann nicht gut zurechtgekommen. (Dabei gilt Bill Clinton eigentlich als Menschenfischer.)

Dass Wikileaks mit ein paar geklauten E-Mails so erfolgreich die Stimmung in den USA beeinflussen konnte, liegt daran, dass Clinton ohnehin schon von vielen für korrupt und verlogen gehalten wurde. "Der Hass auf Hillary Clinton ist das, was der Partei noch bleibt, um sich einig zu werden", schrieben wir im Juli vom Nominierungsparteitag der Republikaner. Dort und auf allen Wahlkampfveranstaltungen von Trump wurde fleißig "Lock her up" skandiert, sperrt sie ein. Es gibt gute Gründe, Clinton kritisch zu sehen. Viele Republikaner hassen Clinton jedoch auf eine Art, die mit Vernunftgründen kaum noch zu fassen ist.

Trump-Fans gelten in Deutschland häufig als radikale Spinner. Dass auch ganz normale, nette Menschen den Milliardär wählen wollen, merkt man, wenn man mit ihnen zusammen in New York eine Fernsehdebatte der republikanischen Bewerber verfolgt, in Ohio ein TV-Duell gegen Clinton sieht, oder in Cleveland eine Wahlkampfkundgebung von Donald Trump besucht. Dort merkt man allerdings auch, dass seine Anhänger wirklich wütend sind. Manche von ihnen rufen sogar "Lügenpresse" – auf Deutsch.

Clinton-Anhänger sind nicht wütend, sondern eher gut gelaunt. Sie haben Angst, dass Trump die Wahl gewinnt. Um ihre Furcht zu erklären, ziehen sie auch schon mal historische Vergleiche, die man hierzulande eher vermeiden würde: "Trump ist der Vorbote für einen neuen Hitler", sagt etwa ein Wähler aus Cleveland.

Dan McAdams, ein Psychologe der Northwestern University in Illinois, hat sich intensiv mit Trump beschäftigt. Für einen Artikel im "Atlantic" wollte er ihn menschlich darstellen. Sein Fazit: "Ich habe nach etwas gesucht, das nicht da war."

Umfragen zeigen, dass die Unterstützung für Trump mit steigendem Bildungsgrad abnimmt. Trotzdem gibt es auch Politologen, die Trump gut finden. Randall Schweller etwa von der Ohio State University hält ihn für den Richtigen. "Wir leben in einer Zeit, in der 65 Prozent der Amerikaner denken, dass wir uns ganz generell in die falsche Richtung bewegen", sagt er. "In diesem Wahlkampf ist Donald Trump der Kandidat für Veränderung, Hillary Clinton ist die Kandidatin für den Status quo. Deshalb könnte er der Richtige sein."

Trump spricht vor allem Wähler an, die sich abgehängt fühlen. Ob er damit erfolgreich ist, wird man erst nach der Wahl wissen. In jedem Fall ist es sein Rezept, um Staaten wie Ohio, Pennsylvania oder Michigan zu gewinnen – die Staaten des Rostgürtels, die unter der Abwanderung von Industriearbeitsplätzen leiden. Man kann dies beispielsweise in Youngstown (Ohio), einer ehemaligen Hochburg der Stahlindustrie, beobachten.

Ob eine Trump-Präsidentschaft dem Rostgürtel nutzen oder schaden würde, ist umstritten. Für das Nachbarland Mexiko ist allein schon die Aussicht, dass Trump ins Weiße Haus einziehen könnte, ein Problem. Der Peso fällt zum Dollar, wenn sich die Aussichten Trumps verbessern. Dagegen legt Mexikos Währung zu, wenn Trumps Chancen schwinden.

Üblicherweise vermitteln Präsidentschaftskandidaten die Botschaft, dass sie sich um die Menschen kümmern wollen. Trump tut dies nicht, er ist eher ein politischer Schiffschaukelbremser. Die positive Ansprache überlässt er seinen Vize-Kandidaten Mike Pence (der in der TV-Debatte gegen Clintons Vize Tim Kaine übrigens deutlich besser abschnitt), vor allem aber seiner Tochter Ivanka. Da seine Frau Melania sich aus dem Wahlkampf fast völlig raushielt, wird Ivanka schon als nächste First Lady betrachtet.

Quelle: ntv.de, hvo