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Der Terror der Islamisten "Der IS möchte gegen Champions kämpfen"

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IS-Kämpfer in Rakka.

(Foto: AP)

Welche Strategie verfolgt der Islamische Staat (IS) mit dem Terror im Westen? Der Publizist Jürgen Todenhöfer, der zehn Tage bei den Dschihadisten gelebt hat, glaubt: Der IS möchte den Westen zu militärischen Maßnahmen provozieren. Dabei seien die in den vergangenen Jahren ein "Totalflop" gewesen.

n-tv.de: Wird der IS nach den Terrorattacken in Islamistenkreisen noch populärer?
Jürgen Todenhöfer: Bei abgebrühten Terroristen vielleicht, aber nicht in westlichen Kreisen. Dieses Niederballern von wehrlosen, unschuldigen Menschen ist so billig, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass das irgendjemandem imponiert.

Und doch ist IS mit seiner Brutalität erfolgreich. Woran liegt das?
Zum einen verfügt er über eine Armee von fanatisierten Kämpfern, die von hochprofessionellen Militärs gedrillt worden sind. Zum anderen macht er eine perfekte Propaganda nach neuesten Methoden. Die Videos von Enthauptungen, Verbrennungen und Aufmärschen sind diabolisch-genial inszeniert.

Was geht in den Köpfen der IS-Kämpfer vor?
Viele Leute sind wie gehirngewaschen. Früher waren sie in ihren Heimatländern - ob im Irak oder Syrien, in Europa, Russland oder den US - unwichtig. Im Islamischen Staat reden ihnen die Theologen und Propagandisten ein, sie seien jetzt ein wichtiger Teil einer finalen welthistorischen Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse und jeder von ihnen würde eine bedeutsame Rolle spielen. Zum ersten Mal haben sie einen Sinn im Leben, wenn der auch noch so pervers ist. Terrorismus ist immer auch ein Schrei nach Aufmerksamkeit.

Immer mehr Frauen schließen sich dem IS an. Was treibt sie dazu?
Ganz einfache Gründe genannt: Banaler Irrglaube, Geld, Sex, Abenteuer - völlig irrsinnige Motivationen. Viele gehen zum IS zusammen mit ihrem Freund. Letztlich spielen sie aber keine große Rolle.

Ist die Enttäuschung ausländischer Kämpfer vor Ort dann groß?
Bei einigen jungen Männern schon. Sie dachten, dass sie gegen Amerikaner, gegen übermächtige Feinde kämpfen. Dann stellen sie fest, dass das Leben im Islamischen Staat sehr spartanisch ist, es gibt Plumpsklos, keine Heizung, keine Mädchen, kein Geld und sie müssen unschuldige Jesiden und Schiiten ermorden. Das haben sich viele so nicht vorgestellt und einige von ihnen versuchen deshalb, in ihre Heimatländer zurückzukehren. Aber die Rückkehrer gelten dem IS als Fahnenflüchtige, und auf Verrat steht die Todesstrafe.

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Der Publizist und frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Jürgen Todenhöfer lebte im Dezember 2014 zehn Tage bei den Terroristen des IS.

(Foto: RTL)

Lange beschränkte sich der IS auf Syrien und den Irak. Nun erreicht der Terror auch Europa. Ist das ein Zeichen dafür, dass der IS in seinem Kernland schwächer wird?
Der IS verliert mal Territorium und gewinnt dann wieder welches dazu. Zurzeit ist er in Syrien und Irak militärisch etwa so stark wie im Dezember vergangenen Jahres. In anderen Gebieten expandiert er immer weiter. Seine Kämpfer sind auf dem Sinai, wo es ihnen offenbar gelang, ein russisches Flugzeug zur Explosion zu bringen, sie sind extrem stark in Libyen, und in Afghanistan werden die Taliban durch sie eine furchtbare Konkurrenz bekommen.

Welcher Plan steckt hinter dieser Expansion?
Der IS hat als Grundstrategie, die bestimmende Macht im Mittleren Osten zu werden. In einer zweiten Phase will er dann die Welt erobern. Dazwischen hat der IS immer auch Anschläge in westlichen Ländern geplant - allerdings nicht durch die Zentrale in Mossul, sondern durch Sympathisanten vor Ort. Dafür braucht er nur eine Handvoll Leute, die sich absprechen und dann zuschlagen. Wie in Paris, was ja ein einfaches und billiges Ermorden von Unschuldigen war.

Was die Lage im Westen aber nicht ungefährlicher macht.
Vor allem Frankreich, England und Amerika stehen wegen ihrer kolonialen Vergangenheit, beziehungsweise ihrer Militärinterventionen unter massiver Terrorgefahr. Ich hoffe, dass die Gefahr in Deutschland geringer ist. Und doch ist alles möglich.

Welche Ziele verfolgt der IS mit dem Terror in Europa?
Ein Traum von ihm ist es, dass der Westen Bodentruppen schickt. Der IS möchte endlich gegen richtige Champions kämpfen, gegen Weltmächte. Außerdem hofft der IS in der westlichen Welt Zwietracht zu säen und auch tolerante Bürger gegen Muslime aufzuhetzen, damit es zu weiteren Auseinandersetzungen kommt. Und nicht zuletzt will er Schrecken verbreiten. Genau das ist ihm in Paris gelungen. Dabei darf man auf Terrorismus nie panisch reagieren, sondern muss eiskalt bleiben.

Frankreichs Präsident François Hollande klingt anders. Er spricht von Krieg und setzt auf ein massives militärisches Engagement gegen den IS.
Die Strategie des Bombardierens ist absurd und ein Totalflop. Sie hat in den vergangenen vierzehn Jahren in Afghanistan, Irak und Libyen nur dazu geführt, dass wir jetzt statt einiger Hundert Terroristen mehr als Hunderttausend international gefährlicher Dschihadisten haben. Für jedes totgebombte Kind entstehen zehn, manchmal hundert neue Terroristen. Die Bomben, die jetzt auf Rakka abgeworfen werden, haben etwas Gespenstisches. In fünf Schichten bombardieren die USA, Jordanien, Russland, Frankreich und Syrien die Stadt, aus der sich die meisten IS-Kämpfer schon längst verdrückt haben. Die wenigen, die geblieben sind, sitzen nicht in einer Kaserne, sondern in normalen Wohnhäusern. Wer sie dort bombardiert, tötet auch jede Menge Zivilisten.

Welche nichtmilitärischen Optionen gibt es dann, um den IS zu schlagen?
Der IS lebt davon, dass die Bevölkerung des Irak und Syriens völlig zerstritten sind und hat sich mit den Gruppen verbündet, die von der Macht ausgeschlossen sind. Hier muss mit diplomatischen Geschick und wirtschaftlichen Hilfen dafür gesorgt werden, dass es zu einer nationalen Aussöhnung kommt. Diese würde dem IS den Boden unter den Füßen wegziehen.

Das setzt aber voraus, dass der Westen auch mit Assad redet.
Natürlich muss der Westen mit Assad reden, wenn er die gefährlichste Terrororganisation der Geschichte stoppen will. Da werden die Amerikaner sowohl mit Russen zusammenarbeiten müssen als auch mit dem syrischen Regime. Bei der Bekämpfung des IS können wir es uns nicht leisten, die Kräfte aufzuspalten.

Was muss noch getan werden, um den IS zu schwächen?
Vor allem die USA müssen die Saudis und andere Golfstaaten zwingen, die Lieferung von Waffen und Munition an terroristische Gruppen im Irak und in Syrien zu stoppen. Außerdem muss man versuchen, den Zufluss neuer Terroristen aus der ganzen Welt in den Islamischen Staat zu stoppen und dazu die türkische Grenze sicherer machen. Schätzungsweise 200 neue Kämpfer melden sich jeden Tag beim IS, weshalb er fast jeden militärischen Rückschlag verkraften kann. Wenn der Zufluss gestoppt wird, bekommt der IS ein Problem.

Mit Jürgen Todenhöfer sprach Gudula Hörr

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Quelle: n-tv.de

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