Politik
Die USA, Großbritannien und Frankreich starteten am Wochenende Luftschläge in Syrien.
Die USA, Großbritannien und Frankreich starteten am Wochenende Luftschläge in Syrien.(Foto: imago/UPI Photo)
Montag, 16. April 2018

Interview mit Konfliktforscher: "Der Syrien-Krieg ist mittelfristig unlösbar"

Kann man Staatschefs wie Trump, Putin und Assad in einen Friedensprozess für Syrien einbinden? Der Konfliktforscher Thorsten Bonacker ist skeptisch. Im Interview mit n-tv.de erklärt er, welche Szenarien er in Syrien für möglich und wahrscheinlich hält.

n-tv.de: Ist eine Lösung für den Syrien-Konflikt durch die Luftschläge am Wochenende in noch weitere Ferne gerückt?

Professor Thorsten Bonacker ist stellvertretender Direktor am Zentrum für Konfliktforschung der Universität Marburg.
Professor Thorsten Bonacker ist stellvertretender Direktor am Zentrum für Konfliktforschung der Universität Marburg.(Foto: Universität Marburg/Uwe Niklas)

Thorsten Bonacker: Das glaube ich nicht. Eine Lösung war auch vorher schon sehr weit weg. Die Luftschläge waren ja von einer Art, dass sie nicht zu einer weiteren Eskalation der beteiligten Großmächte beitragen. Sie waren auf ein strategisches Ziel begrenzt und hatten in erster Linie eine symbolische Funktion. Damit haben sich die Konfliktlinien nicht wesentlich verändert.

Der Krieg hält inzwischen seit 2011 an - warum ist die Lage so kompliziert?

Die Lage ist deshalb so kompliziert, weil sehr viele Parteien beteiligt sind, die sehr unterschiedliche Ziele verfolgen. Einerseits ist es ein innersyrischer Konflikt zwischen verschiedenen Akteuren, die um politische Macht ringen. Gleichzeitig ist es jedoch ein regionaler Konflikt, bei dem Saudi-Arabien und Iran um Dominanz kämpfen. Durch die Beteiligung westlicher Staaten und Russlands, die mit jeweils unterschiedlichen Konfliktparteien verbunden sind, ist es auch ein internationaler Konflikt. Das macht die Sache sehr komplex und schwierig lösbar. Das ist aber noch nicht alles.

Wir sind ganz Ohr.

Der Konflikt hängt mit vielen anderen Konflikten zusammen. Das fängt beim Problem der Nato-Osterweiterung an und dem Bedrohungsgefühl, das Russland beklagt. Russland will in der Region präsent sein, um dem Westen nicht die Einflusssphäre zu überlassen. Dazu kommen Konflikte um Ressourcenzugänge in der Region. Deshalb kann man den Krieg in Syrien nicht isoliert betrachten und lösen.

Sie sind Konfliktforscher, haben viele Bücher über verschiedene Formen der Konfliktregelung geschrieben. Wie könnte eine diplomatische Lösung aussehen?

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Der Konflikt ist auf internationaler Ebene kurz- bis mittelfristig nicht lösbar. Das sichtbare Elend des Konfliktes hat jedoch mittlerweile ein Ausmaß angenommen, was selbst zynisch rationale Akteure nicht unberührt lassen kann. Deshalb muss man natürlich versuchen, den Konflikt einzudämmen und zu deeskalieren.

Was schlagen Sie vor?

Der erste Ansatzpunkt und das erste Ziel ist immer: Die unmittelbar kämpfenden Akteure und die entsprechenden Unterstützer müssen sich auf eine nachhaltige Waffenruhe einigen. Das löst den Konflikt nicht, aber trägt sofort dazu bei, dass erst einmal keine weiteren Opfer zu befürchten sind. Das geht jedoch nur - und das macht es so schwierig - wenn man es mit einer politischen Lösung oder zumindest mit Verhandlungen verknüpft.

Könnte die Uno ein geeignetes Forum bieten?

Die Uno ist in diesem Konflikt unglaublich geschwächt. Die USA, Großbritannien und Frankreich haben ja nicht mal einen ernsthaften Versuch unternommen, ihre Luftangriffe zu einer völkerrechtlich gedeckten Aktion werden zu lassen. Auch von russischer Seite sehe ich keinen Ansatzpunkt, wie die UNO da wieder ins Spiel kommen kann - es sei denn, alle Akteure wären gewillt, sie als Verhandlungspartner oder Vermittler zu akzeptieren. Gegenwärtig ist der Sicherheitsrat einfach nur ein weiterer Schauplatz, auf dem dieser Konflikt ausgetragen wird.

Ist es überhaupt realistisch, dass sich Politiker wie Trump, Putin, Erdogan und Assad in ein Format einbinden lassen und an entsprechende Absprachen halten?

Im Moment halte ich das nicht für realistisch. Die Persönlichkeit dieser Herren ist die eine Sache. Sie sind alle schwierig und haben ein Potenzial der Unberechenbarkeit. Das ist auch ein Teil des Problems. Ganz irrational handeln sie aber nicht, sie vertreten die sehr unterschiedlichen Interessen ihres jeweiligen Staates. Angesichts der Interessendivergenz ist eine Einigung jedoch sehr unwahrscheinlich. Leider gibt es auch wenig nicht beteiligte Akteure, die sich als Vermittler anbieten.

Welches Szenario halten Sie im Falle von Syrien für wahrscheinlich?

Der Luftschlag hat gezeigt, dass die Amerikaner kein Interesse haben, einen militärischen Sieg herbeizuführen. Vielleicht haben sie auch nicht die Kapazitäten. Für Russland gilt dasselbe. Alle Konfliktparteien setzen auf Gewalt, sind sich aber bewusst, dass sie diesen Krieg nicht gewinnen werden. Wahrscheinlich gibt es irgendwann so etwas wie eine Waffenruhe und ein syrisches Regime, das nur Teile des Landes kontrolliert. In anderen Teilen wird es deshalb immer wieder zu militärischen Eskalationen kommen. So etwas wie ein heißer Friede ist aus meiner Sicht realistisch.

Erinnert Sie dieses aussichtslose Szenario an einen früheren Konflikt?

Es gibt eine Reihe von Konflikten, in dem es jahrelang anhaltende Gewalt und unglaubliche Opferzahlen gab wie im Sudan oder der Demokratischen Republik Kongo. Das Phänomen lang anhaltender Gewaltkonflikte ist nicht neu. Es gibt den Typus von Konflikten, die schwer lösbar sind, die schwelen und immer wieder eskalieren. Eine Reihe dieser Konflikte wurden mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes beendet. Jetzt wird es wieder komplizierter, weil die USA ihre Hegemonialstellung in der Region verloren haben und ein Vakuum entstanden ist, in das andere hineingehen.

In der Vergangenheit fanden verschiedene Syrien-Friedenskonferenzen in Genf und Sotschi statt, allerdings ohne großen Erfolg. Was müsste in künftigen Formaten anders gemacht werden?

Für Friedenskonferenzen gibt es zwei wichtige Voraussetzungen, die zwar keinen Erfolg garantieren, ohne die aber Misserfolg garantiert ist. Erstens: Die Teilnahme aller Akteure ist unbedingt erforderlich. Das Zweite hängt damit zusammen: Notwendig ist der echte politische Willen, einen Konflikt zu deeskalieren. Dafür muss die eine Konfliktpartei akzeptieren, dass andere mit am Tisch sitzen, die sie eigentlich nicht als solche anerkennt. Wenn diese beiden Faktoren nicht erfüllt sind, kann man viel verhandeln. Es wird jedoch nicht dazu führen, dass die Akteure nachhaltig auf Gewalt verzichten.

Mit Thorsten Bonacker sprach Christian Rothenberg

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Quelle: n-tv.de