Politik

Abgestürzter Shooting-Star Der tiefe Fall der Julia Klöckner

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Zweimal gescheitert: Wie geht es weiter für Julia Klöckner?

(Foto: picture alliance / dpa)

Sie war noch keine Ministerpräsidentin, da galt Julia Klöckner schon als mögliche Nachfolgerin der Kanzlerin. Doch dann verlor sie die Wahl in Rheinland-Pfalz. So düster ihre Lage auch ist, aus Klöckner kann trotzdem noch etwas werden.

Wer die Meldungen der Nachrichtenagenturen der vergangenen Wochen durchstöbert, der könnte sich glatt Sorgen machen um Julia Klöckner. Öffentlich ist die CDU-Politikerin zuletzt untergetaucht. Einzig bei Twitter gibt es ein paar Lebenszeichen. Wie etwa am Pfingstsonntag, als Klöckner einen Tweet des Familienministeriums kritisierte. Die Wünsche für "ein schönes verlängertes Pfingstwochenende" kommentierte sie bissig mit den Worten: "Pfingsten ist mehr als freier Arbeitstag + verlängertes Wochenende! Christl. Bedeutung zu kennen, kann nicht schaden."

Da klingt Trotz durch, und der Frust verwundert nicht. Erst zwei Monate ist Klöckners große Wahlniederlage her. Am Mittwoch ist die erste Sitzung des neuen rheinland-pfälzischen Landtags. Von dem Schock des Wahlabends hat sich die 43-Jährige immer noch nicht erholt.

Bis vor kurzem galt Klöckner als Shootingstar und vielleicht größtes politisches Talent der CDU. Mit 30 Jahren kam sie in den Bundestag, mit 36 wurde sie Staatssekretärin. Bei Parteitagen erhielt "Julia", wie sie von vielen in der CDU genannt wird, den lautesten Applaus. Noch im Herbst lag sie mehr als zehn Prozentpunkte vor SPD-Amtsinhaberin Malu Dreyer. "Unsere neue Ministerpräsidentin" war die selbstbewusste Ansage auf ihren Wahlplakaten. Klöckner war noch keine Regierungschefin, da wurde sie schon als CDU-Kanzlerkandidatin und Merkel-Nachfolgerin gehandelt.

Omnipräsent und rebellisch

Die junge charismatische CDU-Kandidatin trat in dem Land an, in dem seit 25 Jahren die SPD regierte: Die Gelegenheit für einen Wechsel schien günstig. Bis kurz vor der Wahl lag Klöckner in jeder Umfrage vorn. Doch dann passierte etwas, dass kaum jemand für möglich gehalten hatte, am Wahlabend lag Dreyer mehr als vier Prozentpunkte vorn. Eine schallende Ohrfeige für Klöckner - und nach Karl-Theodor zu Guttenberg einer der heftigsten Abstürze eines deutschen Politikers in den vergangenen 20 Jahren.

Die Gründe sind schnell ausgemacht: Vielen war die Bad Kreuznacherin im Wahlkampf zu überpräsent. Kein Tag, an dem sich Klöckner nicht öffentlichkeitswirksam einschaltete und mit neuen Äußerungen von sich reden machte. Und nicht nur das: Vor der Wahl wechselte Klöckner zwischen Nähe und Distanz zu Angela Merkel. Mal verteidigte sie die Flüchtlingspolitik der eigenen Kanzlerin, mal wies sie auf die Fehler hin. Sie absolvierte Wahlkampfauftritte mit CSU-Chef Horst Seehofer, SPD-Konkurrentin Dreyer stellte sich auf Merkels Seite und gewann schließlich.

Las sich Klöckners Geschichte bis 2011 wie ein kometenhafter Aufstieg, ist ihre Bilanz seitdem bescheiden: 2011 verlor sie in Rheinland-Pfalz, 2016 erneut. Zwei Niederlagen sind viele für eine Frau, die erst 43 Jahre alt ist. Wird sie das Verlierer-Image so schnell wieder los? Klöckner sei immer noch angeschlagen, hört man aus CDU-Kreisen. Drei der vier etablierten Parteien im Landtag regieren künftig das Land, nur Klöckners CDU nicht. Am Mittwoch wird sie Amtsinhaberin Dreyer erneut gratulieren müssen.

Wulff und Maas haben auch noch den Sprung geschafft

Einen Putsch in der Landespartei gab es nicht. Es gibt keine ernsthaften Alternativen. Zur neuen Legislaturperiode bleibt Klöckner Fraktionschefin und damit Oppositionsführern im Landtag in Mainz, das Prädikat Hoffnungsträgerin hat sie jedoch erst einmal verloren. Klöckner braucht Geduld, Zeit und Kraft, um die Niederlage wegzustecken. Wie es nun weiter geht? Denkbar sind verschiedene Szenarien. Ein dritter Anlauf auf Landesebene – mit dem Risiko einer dritten Niederlage. Manche zweifeln, dass sie bis 2021 in Mainz bleibt. Die Alternative wäre ein Wechsel nach Berlin. Noch in diesem Jahr beginnt die Aufstellung der Wahllisten für die Bundestagswahl. Wenn die Deutschen im Herbst 2017 wieder wählen, ist Klöckners Niederlage eineinhalb Jahre her. In Berlin ist Klöckner bestens vernetzt. Sie war schließlich neun Jahre lang dort.

Mittelfristig ist für die frühere Weinkönigin sogar mehr drin. Im kommenden Jahr käme ein Job als Ministerin womöglich noch zu früh. Dagegen spricht auch Klöckners Wahlkampf gegen die Kanzlerin. In der Zeit nach Merkel könnte es einfacher werden. Von einer möglichen Kanzlerkandidatur spricht anders als vor der Wahl jedoch kaum jemand mehr in der Union. Klöckner wäre aber nicht die erste in der deutschen Politik, die abgestempelt wurde, aber sich zurück kämpfte.

Christian Wulff verlor in Niedersachsen bei zwei Landtagswahlen in Folge, bevor er 2003 Ministerpräsident und später sogar Bundespräsident wurde. Der frühere Umweltminister Norbert Röttgen unterlag 2012 in Nordrhein-Westfalen Hannelore Kraft deutlich, jetzt leitet der 50-Jährige den wichtigen Auswärtigen Ausschuss. Gut möglich, dass er nochmal Minister wird. Der SPD-Politiker Heiko Maas scheiterte im Saarland sogar dreimal als Spitzenkandidat, dennoch wechselte er 2013 ins Bundeskabinett. Es sind Beispiele, die Julia Klöckner Hoffnung machen können, die zeigen, dass noch vieles möglich ist.

Quelle: ntv.de

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