Politik

"Fehlt an allen Ecken und Enden" Die Angst vor dem großen Mangel

131281605.jpg

Ärzte und Pfleger klagen über fehlende Schutzkleidung.

(Foto: picture alliance/dpa)

Allerorts kommen Warnungen: Die Schutzausrüstung in der Corona-Pandemie reiche nicht, heißt es. Die Folgen eines solchen Mangels können verheerend sein. Pfleger fürchten, zum "Kanonenfutter" zu werden.

Der Bundestagsabgeordnete Andrew Ullmann klang bei Maybrit Illner am Donnerstagabend kleinlaut: "Wir haben ein bisschen sehr knapp kalkuliert in Vorbereitung auf diese Pandemie", sagte der FDP-Gesundheitspolitiker. Worauf er sich bezog: In ganz Deutschland gibt es seit Wochen Klagen über zu wenig Schutzkleidung in der Corona-Krise. Sein SPD-Kollege Karl Lauterbach warnte in derselben Sendung davor, dass man in Kürze global eine "gigantische Knappheit an Material befürchten" müsse. Vor allem auf Gesundheitsminister Jens Spahn dürfte nun der Druck wachsen.

Diesem ist das Problem durchaus bewusst: Die Beschaffung von Schutzmasken stehe "ganz oben auf der Agenda", sagte er in einem Interview mit der "Zeit". Wenn das so weitergehe, werde er noch zum Spezialisten für den Maskenmarkt. Und dieser, das weiß Spahn nur zu gut, ist hart umkämpft: Die Preise für Schutzausrüstung schnellen nach oben, der Schwarzmarkt blüht. Am Dienstag war bekanntgeworden, dass eine Lieferung von sechs Millionen Schutzmasken nach Deutschland auf einem Flughafen in Kenia "spurlos verschwunden" sei.

Doch guter Wille alleine reicht nicht. Schon vor Wochen hatte die Bundesregierung laut einem "Spiegel"-Bericht versprochen, die Länder bei der Beschaffung von Schutzausrüstung zu unterstützen. Allerdings laufen die Maßnahmen offenbar nur langsam an - vor allem bei niedergelassenen Ärzten und in den Pflegeberufen fehlt es an Ausrüstung. Zahlreiche Kassenärztliche Vereinigungen der Bundesländer beklagen demnach, dass von der zugesagten Schutzausrüstung bisher erst ein Teil angekommen ist.

"Dramatischer Notstand"

Auf einen "dramatischen Notstand" in den Einrichtungen der Langzeitpflege wies am Donnerstag auch die Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein hin. "Es fehlt an allen Ecken und Enden an geeigneter Schutzausrüstung wie Mundschutz, Einmalhandschuhen und Desinfektionsmitteln, um sich selbst, aber auch die besonders gefährdeten älteren Menschen in der ambulanten und stationären Langzeitpflege vor einer Infektion zu schützen."

Auch die Wohlfahrtsverbände des Landes wiesen in einer gemeinsamen Stellungnahme auf die "Notlage bei Schutzausrüstung und Atemmasken" hin. In vielen stationären Einrichtungen der Altenpflege sowie Jugend- und Behindertenhilfe seien die Reserven an Schutzmasken und -bekleidung "nahezu aufgebraucht". Und der Markt für zertifizierte Schutzausrüstung sei so gut wie leergefegt.

*Datenschutz

Wie angespannt die Lage auch bundesweit ist, zeigt eine Petition von Krankenschwestern und Pflegern an Gesundheitsminister Spahn und die Verantwortlichen in Ländern und Kommunen, die bis zum Mittag bereits 315.000 Menschen unterschrieben haben. "Diese Pandemie rollt seit Wochen absehbar auf uns zu!", heißt es darin. "Zudem ist es nicht die erste, sich global ausbreitende Viruserkrankung. Da hätten wir schon ein bisschen mehr Vorbereitung in den Ministerien und Behörden erwartet."

"Es ist nicht wertschätzend, Kanonenfutter zu sein"

Konkret fordern die Unterzeichner: "Eine sofortige Organisation der Beschaffung von wirksamer Schutzmaterialien unter Einbezug aller Möglichkeiten." Hierzu gehöre im Notfall auch die Verstaatlichung von Herstellern und deren Zulieferern. Und dann heißt es: "Nein, es ist nicht wertschätzend, Kanonenfutter zu sein!" Oder, wie es eine Krankenschwester, die den Aufruf auch unterzeichnet hat, bei Illner ausdrückte: "Wenn wir ungeschützt in den Einrichtungen arbeiten müssen, dann können wir uns infizieren und daran sterben."

Die verzweifelte Lage offenbart sich auch in einem offenen Brief der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin. Darin warnt diese vor dem "drohenden Zusammenbruch der medizinischen Versorgung in Berlin", wenn nicht unverzüglich ein Maßnahmenpaket aufgesetzt werde. "Jeden Tag behandeln die Vertragsärzte ungeschützt Patienten, die zunehmend auch infiziert sind oder es sein könnten. Noch immer fehlt die dringend benötigte Schutzkleidung." Bundes- und Landespolitik seien ausschließlich auf die Unterstützung von Krankenhäusern fokussiert. "Die Niedergelassenen fühlen sich an vorderster Front alleine gelassen."

Aber selbst die Krankenhäuser fürchten immer mehr Engpässe. "Persönliche Schutzausrüstung, sogenannte PSA, sind überall Mangelware", sagte ein Sprecher des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein mit Standorten in Kiel und Lübeck. Auch die Berliner Uniklinik Charité beklagt eine "angespannte" Situation. "Wir appellieren daher dringend an einen achtsamen Umgang mit Schutzmasken, Handschuhen und Desinfektionsmitteln." Berlins Gesundheitssenatorin stellte in dieser Woche fest, dass nur eine Minimallieferung aus einer Bestellung der Bundesregierung eingetroffen sei, während es in der Stadt kaum Reserven gebe. Lieferungen mit Schutzmasken würden inzwischen von Polizisten begleitet, heißt es im "Tagesspiegel".

Die Folgen eines solchen Mangels können jedenfalls verheerend sein: "Alles bereitet sich auf die Versorgung von Intensivpatienten vor. Gleichzeitig können die Schutzmaßnahmen, die dazu beitragen, dass besonders gefährdete Menschen gar nicht erst zu Intensivpatienten werden, nicht gewährleistet werden", so Schleswig-Holsteins Pflegeberufekammer-Präsidentin Patricia Drube. "Die derzeitige Situation ist absolut paradox."

Quelle: ntv.de, mit dpa