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"Beide können Kanzler" Die Grünen belohnen ihr Spitzenduo

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Die Probleme manch anderer Parteien mit ihrer Führungsspitze haben die Grünen nicht.

(Foto: REUTERS)

Die Grünen wählen ihre Chefs wieder, und Annalena Baerbock erhält fast sowjetisch anmutende Zustimmungswerte. Das dürfte auch Folgen haben für eine Diskussion, die die Partei sichtlich nervt: die Frage nach einem möglichen Kanzlerkandidaten.

Am Ende steht Annalena Baerbock sichtlich gerührt auf der Bühne. In der linken Hand ein Blumenstrauß, mit der rechten greift sie sich an die Brust. "Mir fehlen die Worte. Danke!", sagt sie und applaudiert dann den rund 800 Delegierten des Grünen-Parteitags in Bielefeld. "Es ist Euer Ergebnis." Kurz zuvor wurde sie als Parteichefin wiedergewählt - mit einem Rekordergebnis von 97,1 Prozent. Es gab gerade mal 11 Neinstimmen und 11 Enthaltungen.

Vor zwei Jahren wurde sie auf dem Parteitag mit einem deutlich schwächeren Ergebnis gewählt, damals gab es aber auch eine Gegenkandidatin. Und sie selbst war, obwohl schon Bundestagsabgeordnete, über ihre Partei hinaus nur wenig bekannt. Der eigentliche Shooting-Star war damals Robert Habeck, der schleswig-holsteinische Landwirtschaftsminister. Kurz zuvor wäre er fast Spitzenkandidat der Grünen bei der Bundestagswahl geworden, beim Parteitag belohnten ihn die Abgeordneten mit einem Ergebnis über 80 Prozent.

Seitdem wurde er mehr und mehr zum Gesicht der Grünen: Der promovierte Philosoph und einstige Kinderbuchautor trat lässig und bescheiden auf. Das kam gut an, bei den Grünen, aber auch außerhalb der Partei. In bundesweiten Beliebtheitsrankings kletterte er immer höher. Seit wegen der hohen Umfragewerte der Grünen die K-Frage im Raum steht, ist es meist er, der als möglicher Kanzlerkandidat ins Spiel gebracht wird. Und seine Werte sind gut: Bei Forsa-Umfragen lässt er CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer blass aussehen. Und erst vor Kurzem nannte der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann Habeck kanzlerfähig.

Es ist allerdings eine Adelung, die Habeck kaum erfreut haben dürfte. Schließlich reagieren gerade die Grünen in dieser Frage hochsensibel. Auf dem Parteitag betont die bayerische Grünen-Vorsitzende Eva Lettenbauer, dass die Grünen eine feministische Partei seien. "Wir Frauen haben ein Recht auf die Hälfte der Macht." Das sehen offenbar auch die meisten grünen Delegierten so. Den lautesten Applaus erhalten in Bielefeld die Rednerinnen und Redner, die die Diskriminierung von Frauen anprangern und mehr Rechte einfordern.

"Kampf für die Gleichberechtigung ist nie zuende"

Auch Baerbock zeigt in ihrer umjubelten und sehr leidenschaftlichen Bewerbungsrede, was sie bereits vor zwei Jahren explizit so ausgedrückt hatte: Sie ist nicht die Frau an Habecks Seite. In diesen bewegten Zeiten, so sagt sie nun, sei ihr nochmal klargeworden: "Der Kampf für Gleichberechtigung ist nie zuende." Wenn Männern die Argumente ausgingen, würden Frauen aufs Geschlecht reduziert. Und dann dankt sie - unter lautem Applaus - all ihren Vorgängerinnen bei den Grünen. "Die haben das alles vorher mitgemacht."

Für die Grünen ist es in Bielefeld daher auch eine seltsame Diskussion um eine mögliche Kanzlerkandidatur Habecks. "Die Frage stellt sich nicht", sagen viele Delegierte, meist sichtlich entnervt. Dabei verweisen sie gerne auf SPD und CDU, bei denen diese Frage ja auch ungeklärt sei. Mehr noch empört einige, dass bislang Baerbock in dieser Diskussion ignoriert wurde. Der einzige Grund dafür sei, dass sie eine Frau ist, sagt etwa die bayerische Delegierte Mina Himmelstoß n-tv.de. "Sie ist intelligent, kompetent, sie hat eine Persönlichkeit. Das einzige, was sie nicht hat: Sie ist kein Mann."

Tatsächlich sitzt Baerbock seit sechs Jahren im Bundestag und gilt als versierte Fachpolitikerin, die sich auch in Details gut auskennt. Die Völkerrechtlerin hat sich in viele Fachbereiche eingearbeitet, lediglich die große administrative Erfahrung fehlt ihr bislang. Wobei noch völlig unklar ist, ob sie als Mutter zweier noch relativ junger Mädchen den Job einer Kanzlerin überhaupt anstrebt.

Habeck bemüht sein Mantra

Habeck selbst bemüht sich seit Monaten, die Debatte runterzuköcheln. Angesprochen auf eine mögliche Kanzlerkandidatur, guckt er meist genervt. Und bemüht dann sein Mantra: Die Partei werde sich zu gegebener Zeit dazu verhalten. Bis dahin werde sie sich nicht kirre machen lassen. Habeck ist lange genug in der Partei, um zu wissen, wie schädlich diese Diskussion ist. Nicht nur für ihn persönlich, sollte er Kanzlerambitionen haben, sondern auch für die Partei. Schließlich glänzt diese in Umfragen unter anderem auch deshalb so, weil sie auf Personalquerelen verzichtet und sich auf Sacharbeit konzentriert. Allein damit hat sie inzwischen fast ein Alleinstellungsmerkmal in Berlin.

Nun kann Habeck aber vielleicht erstmal aufatmen. Wenn man das Wahlergebnis als Gradmesser für eine mögliche Kandidatur sehen will - wie manche bereits im Vorfeld der Wahl spekulierten - hat er wohl erstmal Ruhe. Schließlich lag er nun bei seiner Wahl zum Parteichef mit 7 Prozentpunkten deutlich hinter Baerbock. Wobei seine 90,4 Prozent für Grüne, bei denen Enthaltungen auch als Stimmen zählen, ein überaus respektables Ergebnis ist.

Nach ihrer Wahl treten Habeck und Baerbock noch einmal gemeinsam auf die Bühne, Arm in Arm und jeder mit einem Strauß. Der Applaus in der Halle ist groß, es ist das Signal, das sich die Grünen wünschen: Die Partei ist geeint und stark. Und die Frau ist noch ein wenig stärker. "Es ist ein unfassbares Glück, dass wir so unfassbare gute Parteivorsitzenden haben", sagt die bayerische Delegierte Himmelstoß. Auch wenn sich die Debatte jetzt noch nicht stelle: "Beide können Kanzler."

Quelle: n-tv.de

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