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Droht Krieg in Nahost? "Die Iraner sind gewappnet"

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Durch die abgeschossene US-Drohne spitzt sich der Konflikt zu.

Krieg im Nahen Osten - seit gestern Nacht ist er noch wahrscheinlicher geworden. Experten warnen davor, den Iran zu unterschätzen. Militärisch ist er klar unterlegen, doch seine Gegenwehr könnte die Welt empfindlich treffen.

Als heute in Deutschland der Tag begann, hätte im Nahen Osten schon Krieg sein können: In Washington hatte Donald Trump am Abend Vergeltungsangriffe auf iranische Ziele freigegeben, dann jedoch ruderte er zurück. Das Hin und Her zeigt, in welcher Zwickmühle sich der Präsident befindet: Da ist einerseits das Versprechen an die Wähler, die USA und ihre Soldaten aus internationalen Konflikten weitestgehend herauszuhalten. Andererseits hat der Präsident das Bedürfnis, den provokanten Gegner Iran in die Schranken zu weisen.

Ziel des Militärschlags sollten laut "New York Times" iranische Radarstationen und Raketenbatterien sein. Trump twitterte später, die USA seien bereit gewesen, drei Ziele anzugreifen. Auf seine Frage, wie viele Menschen sterben würden, sei die Antwort 150 gewesen. "Zehn Minuten vor dem Schlag habe ich ihn gestoppt", schrieb Trump.

Doch hinter dem Zickzackkurs könnte auch ein gewisses Kalkül stecken: "Es geht Donald Trump zum einen darum, klar zu machen: Ich will den Krieg nicht, aber ich werde immer mehr dahin getrieben. Gleichzeitig will er den Iranern nochmal eine Chance geben und Druck machen, damit sie tatsächlich verstehen, dass diese Drohungen nicht hohl sind", sagt Omid Nouripour, außenpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag. "Ich glaube, dass es ein massives Druckmittel Richtung Iran sein soll, dass sie an den Verhandlungstisch kommen."

Miteinander reden - das wäre womöglich die letzte Chance, das zu verhindern, was viele Beobachter inzwischen für die wahrscheinlichste Option halten: Krieg im Nahen Osten. Im direkten Vergleich ist der Iran seinem Gegner USA militärisch weit unterlegen, in offen geführten Gefechten könnte er nicht gewinnen. Das jedoch heißt nicht automatisch, dass Teheran sich nicht wehren könnte. Das sieht auch Nahost-Experte Michael Lüders so. "Die Iraner wissen seit vielen Jahren, dass sie mit einem Angriff rechnen müssen. Sie sind gewappnet", erklärt er. "Sie haben sich vorbereitet auf eine asymmetrische Kriegsführung."

"Raketen auf die Hochhäuser von Dubai"

Typische Eigenschaft eines solchen Krieges zwischen zwei sehr ungleichen Gegnern: Sein Verlauf ist quasi nicht vorhersehbar. Noch vergangene Woche war Omid Nouripour zu Gesprächen in Teheran. Die Andeutungen hinter verschlossenen Türen, was der Iran in der Region alles anrichten könne, seien uferlos gewesen. Sie reichten "von der Stromversorgung bestimmter Golf-Staaten, die gefährdet sei, bis zu einzelnen kleinen Booten, die Raketen in die Hochhäuser von Dubai schießen könnten". Man könne sich vorstellen, "was für eine Schockwelle das für die Weltwirtschaft bedeuten könnte".

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Die Lage eskalierte durch einen noch immer ungeklärten Angriff auf einen Tanker im Golf von Oman.

(Foto: picture alliance/dpa)

Unvorhersehbar ist das Verhalten des Iran auch dadurch, dass der Machtapparat im Inneren zerstritten ist. Laut Nouripour ist die Macht stark fragmentiert. "Wenn es wirklich die Iraner waren, die den Tanker angegriffen haben, wofür einiges spricht, würde ich mittlerweile darauf wetten, dass es genauso plausibel ist, dass das Außenministerium davon gar nichts wusste. Die Befehlsketten sind nicht unbedingt stringent in dem Land."

Angesichts der bedrohlichen Situation sind die europäischen Staaten aus Sicht des Außenpolitikers zu passiv. Das Angebot der Amerikaner an den Iran, miteinander zu reden, müsse aus Europa stärker unterstützt werden. "Wir müssen verstehen, dass unsere Rolle zwischen den USA und dem Iran keine Vermittlerrolle ist. Sondern dass unsere eigenen Sicherheitsinteressen massiv betroffen sind, national und kontinental."

Die Liste konkreter europäischer Interessen ist beeindruckend lang. Laut Henning Riecke von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik reicht sie von der Notwendigkeit, dass die nuklearen Fähigkeiten des Iran eingedämmt bleiben, über Stabilität für Israel und in der ganzen Region, keinen wachsenden Konflikt zwischen den USA und Russland als Iran-Verbündetem, bis hin zu konstanten Ölpreisen. Und letztlich wäre es auch im eigenen Interesse, sich nicht selbst an einem Krieg beteiligen zu müssen. Diese Frage könnte sich stellen, wenn die Militärattacken stärker würden oder gar bei Angriffen gegen die USA auch Menschen zu Schaden kämen. Washington könnte die Unterstützung seiner Partner einfordern. "Am Ende wäre es auch eine Zerreißprobe für die Nato", sagt Riecke. "Und die ist der Kern unserer Sicherheitspolitik."

Quelle: n-tv.de

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