Politik

Kein "Notabitur" Dritte Welle, zweiter Abiturstreit

Schon der zweite Jahrgang muss in Deutschland unter Pandemiebedingungen das Abitur ablegen. Während im Schulalltag so gut wie nichts mehr ist, wie es war, ändert sich bei den Abschlussprüfungen kaum etwas. Forderungen von GEW und Schülern werden in den Kultusministerien abgelehnt.

Ende Januar verständigte sich die Kultusministerkonferenz darauf, dass die Abiturprüfungen auch in diesem Schuljahr bundesweit stattfinden sollen. Nun, mitten in der dritten Welle und angesichts erneut steigender Corona-Infektionszahlen fordert die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), wegen der Corona-Pandemie die Abiturprüfungen in diesem Jahr notfalls doch ausfallen zu lassen.

"Sollte das Infektionsgeschehen so dramatisch ansteigen, wie die dritte Welle in anderen europäischen Nachbarstaaten befürchten lässt, müssen die Länder flexibel reagieren und von Prüfungen absehen", sagte GEW-Chefin Marlis Tepe dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Das Abitur 2021 brauche die volle Anerkennung und Wertschätzung.

Den Beschluss der KMK haben die Länder unterschiedlich umgesetzt. Nordrhein-Westfalen beschloss, die Abiturprüfungen um neun Tage vom 14. April auf den 23. April zu verschieben und die Aufgabenauswahl zu erweitern. In diesem Zeitraum findet für die Prüflinge zudem kein regulärer Unterricht statt. Außerdem gibt es Nachschreibetermine für Schüler, die an drei unmittelbar aufeinander folgenden Tagen einer Kalenderwoche Klausuren schreiben müssen. Die externe Zweitkorrektur entfällt wie auch bereits im vergangenen Jahr. Es gibt aber eine interne Zweitkorrektur.

In Bremen konnten Schülerinnen und Schüler für das schriftliche Abitur zwischen zwei Prüfungszeiträumen wählen. Es waren Termine von Anfang bis Mitte Mai oder von Ende Mai bis Mitte Juni möglich. Bis zum 26. März 2021 mussten sich die Abiturienten verbindlich für einen der Prüfungszeiträume entscheiden. Bei der Prüfungsvorbereitung helfen soll die kostenfrei mögliche Teilnahme an prüfungsvorbereitenden Kursen eines Online-Dienstleisters. Für alle schriftlichen Abiturprüfungen soll es außerdem einen Zeitzuschlag von 30 Minuten geben. Ähnlich handhabt es auch Hamburg.

Ein Malus fürs Leben?

Keinesfalls soll der Eindruck eines "Notabiturs" entstehen. Argumentiert wird oft damit, dass diese Einschätzung vor allem den künftigen Studienanfängern schaden könnte. Entsprechend reagierte auch der hessische Kultusminister Alexander Lorz. Er sagte im RND-Podcast "Die Schulstunde", eine Absage von Prüfungen wäre zum Nachteil der Schüler: "Sie würden den Jugendlichen fürs Leben einen Malus mitgeben."

Auch die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Britta Ernst, betonte, dass Schülern wegen der Corona-Pandemie keine Nachteile für ihre weitere Bildungsbiografie entstehen sollen. "Niemand sollte die Jugendlichen, die jetzt vor dem Abschluss stehen, zusätzlich zur normalen Prüfungsnervosität verunsichern", betonte die SPD-Politikerin, die auch Brandenburger Bildungsministerin ist.

Das Argument mit der Benachteiligung durch ein Corona-Abitur zieht jedoch immer weniger, denn es sind mittlerweile schon zwei Jahrgänge, die unter pandemiebedingt erschwerten Bedingungen die Hochschulreife nachweisen mussten. 2019 waren es dem Statistischen Bundesamt zufolge etwa 277.000 junge Leute, die ihr Abitur machten. 2020 und 2021 ist in etwa von ähnlichen Zahlen auszugehen.

Andere Länder sind trotz möglicherweise ähnlicher Bedenken genau diesen Weg gegangen: 2020 wurden die Abiturprüfungen in Frankreich und den Niederlanden abgesagt. Die Abschlussnote ergab sich aus dem Durchschnitt der in der Oberstufe erbrachten Leistungen. In diesem Jahr gehen Großbritannien und Schweden genauso vor.

Eher Bildungs- als Zensurenbedenken

Viele deutsche Länderministerien und vermutlich auch zahlreiche Lehrerinnen und Lehrer stehen auf dem Standpunkt, dass am Ende der Schulzeit und vor dem möglichen Eintritt in ein Studium erkennbar sein müsse, ob Leistungen erbracht wurden oder nicht. Dem widersprechen auch Schülerinnen und Schüler nicht. Warum es dazu jedoch noch einmal zentrale Prüfungen braucht, ist für die jungen Leute nicht einzusehen.

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Der niedersächsische Landesschülerrat wies schon im Februar darauf hin, dass es bei geschlossenen Bibliotheken und den herrschenden Kontaktverboten kaum möglich sei, sich in Lerngruppen auf die Prüfungen vorzubereiten. Außerdem behinderten technische Probleme das Distanzlernen, dazu kämen psychische Probleme sowie ungleiche Lernbedingungen in den Familien. Die pragmatische Lösung der Schülerinnen und Schüler: Die Abschlüsse sollten auf der Basis der bisherigen Noten vergeben und für die Abiturienten bis zum Ende des Schuljahrs Unterricht zum Nachholen des während der Pandemie versäumten Stoffs angeboten werden. Das niedersächsische Kultusministerium lehnte ab.

In einer Mitte März vorgelegten Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt sich jedenfalls, dass die Zukunftssorgen von Schülerinnen und Schülern des aktuellen Abiturjahrgangs seit Beginn der Corona-Pandemie zugenommen haben. Im Frühjahr 2020 waren noch 25 Prozent von ihnen beunruhigt wegen ihrer beruflichen Zukunft, gegen Ende des Jahres waren es bereits 41 Prozent. Die Befürchtungen sind allerdings nicht so sehr mit den Prüfungsergebnissen verbunden. Den jungen Leuten machen vielmehr der Unterrichtsausfall zu schaffen und die beschränkten Möglichkeiten, sich beruflich für die Zeit nach dem Abitur zu orientieren.

Quelle: ntv.de, mit dpa

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