Politik
Neun Stunden lang haben türkische und saudische Ermittler in der Nacht die Botschaft Saudi-Arabiens in Istanbul durchsucht.
Neun Stunden lang haben türkische und saudische Ermittler in der Nacht die Botschaft Saudi-Arabiens in Istanbul durchsucht.(Foto: REUTERS)
Dienstag, 16. Oktober 2018

Auf der Suche nach Khashoggi: "Ein Körper sondert permanent Spuren ab"

Zwei Wochen nach dem Verschwinden Khashoggis haben türkische Ermittler das saudische Konsulat durchsucht. Dort gibt es mit großer Wahrscheinlichkeit Spuren, davon ist  Kriminalistik-Experte Benz überzeugt. Zumindest, wenn der Journalist wirklich ermordet wurde.

n-tv.de: Worauf kommt es bei der Spurensuche an einem Tatort an?

Wolfgang Benz: Alles rund um die DNA ist zentral. Die Ermittler können DNA-Spuren von Oberflächen "absaugen", sie können Kleinteile auf einem Träger sichern, sie fotografieren, und und und. Diese Vielzahl an Techniken und Maßnahmen ist wirklich eine Wissenschaft für sich.

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Lässt sich der Tatort eines Mordes vollständig reinigen?

Das ist nur mit erheblichem Aufwand möglich - wenn überhaupt. Ermittler sind heute technisch in der Lage, kleinste Partikel zu finden, die auf eine Straftat hinweisen können.

Aber theoretisch möglich ist es schon?

Es ist vielleicht mit radikalen Maßnahmen denkbar.

Was muss ich mir unter radikalen Maßnahmen vorstellen?

Es reicht sicher nicht, den Teppich chemisch zu reinigen und die Wände neu zu streichen. Sie müssten Böden und Wände komplett rausreißen und ersetzen. Wirklich alles müsste weg, was potenziell ein Spurenträger sein könnte.

In allen Räumen, in denen sich das Opfer befand …

Genau. Der menschliche Körper sondert permanent Spuren ab. Wenn eine Person sich in einem Haus aufgehalten hat und in allen Räumlichkeiten gewesen ist, ist die Anwesenheit der Person in allen Räumen mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nachzuweisen. Wenn auf diese Person Gewalt eingewirkt wurde, egal wie, lässt sich auch das feststellen.

Wolfgang Benz

Wolfgang Benz arbeitete 26 Jahre für die Hamburger Kriminalpolizei. Jetzt ist er fachlicher Leiter des Studiengangs Kriminalistik an der Steinbeis-Hochschule Berlin.

Würden die Ermittler bemerken, wenn Wände und Böden ausgetauscht worden sind?

Ja. Sie würden aber nichts anderes feststellen können als das. Die Tatsache, dass ein neuer Bodenbelag eingebracht worden ist, wäre nur ein Indiz für eine logische Deutung der Umstände. Die Spur an sich wäre aber weg. Aber nochmals: Das ist mit erheblichem Aufwand verbunden.

Die Ermittler im Fall Khashoggi haben auf dem Konsulatsgelände auch Bodenproben im Garten genommen. Wie verhält es sich im Freien?

So wie in Gebäuden. Wenn dort eine Person abgelegt worden ist, gibt es Spuren, auch wenn sie nur ganz kurz da war. Auch hier müssten die Täter den Boden austauschen, um Spuren wirklich zu beseitigen.

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In den Berichten über den Fall Khashoggi ist immer wieder vom Einsatz einer Knochensäge die Rede. Angeblich zerteilte das saudische Tötungskommando damit den Leichnam des regierungskritischen Journalisten. Produziert so ein Akt so viele Spuren, wie es sich ein Laie vorstellt?

Gehen Sie mal in ein Badezimmer und kippen Sie ein Glas Wasser aus. Schauen Sie dann, wo überall Tropfen gelandet sind. Ein menschlicher Körper fasst ungefähr sieben Liter Blut. Hinzu kommen Knochensplitter und vieles mehr. Das ist ein Massaker. Sie müssen sich das vorstellen wie in einem Schlachthof – und ich meine keine moderne Hightech-Anlage, sondern einen Schlachthof aus dem vergangenen Jahrhundert.

Die türkischen Ermittler und ihre Partner aus Saudi-Arabien hatten für ihre Untersuchungen neun Stunden lang Zeit. Reicht das für eine hinreichende Spurensuche?

Das kann ich aus der Entfernung schwer sagen. Das hängt von der Größe des Gebäudes und der Menge der Ermittler, den Witterungsverhältnissen und diversen anderen Bedingungen ab. Aber grundsätzlich würde ich sagen: In neun Stunden kann man schon eine ganze Menge anstellen.

Wie wahrscheinlich ist es, dass die Saudis alle Spuren beseitigen konnten, wenn Khashoggi wirklich im Konsulat ermordet worden sein soll?

Vorstellbar ist es, aber nicht wahrscheinlich. Dieser Fall ist allerdings speziell.

Wie meinen Sie das?

Es ist ja nicht so, dass nun ein unabhängiges internationales Ermittlerteam reingegangen wäre, das wie nach dem Kosovokrieg Beweismittel sammeln würde, die der Prüfung des Internationalen Strafgerichtshofs standhalten müssen. Durchsucht haben das Konsulat türkische und saudische Ermittler zusammen. Es lässt sich mit der gebotenen Vorsicht darüber spekulieren, ob neben der Spurensuche zur Aufklärung einer möglichen Straftat andere Aspekte eine Rolle gespielt haben könnten.

Mit Wolfgang Benz sprach Issio Ehrich

Quelle: n-tv.de