Politik

"Dann werden wir ein Balkan-Land" Ein Riss geht durch Griechenland

Freundschaften gehen zu Bruch, Politiker schreien sich an: Auf vielen Griechen lastet vor dem Referendum ein immenser Druck. Sie stehen vor einer existenziellen Entscheidung.

Die Griechen sind sich einig - und sind doch tief gespalten. Einig sind sie sich darin, dass die Bilanz der Retterei desaströs ist, die Sparprogramme das Land in eine wirtschaftliche und soziale Krise gestürzt haben. Dennoch geht ein Riss durch Familien, Freundeskreise, die ganze Gesellschaft: Sollen sie den Bruch mit Europa riskieren oder nicht? Es ist eine existenzielle Entscheidung, die die Griechen am Sonntag treffen müssen.

Ob morgens in der U-Bahn, mittags vor dem Bankautomaten, im Büro oder abends im Wohnzimmer - es wird nur über ein Thema gesprochen: Was wird die Zukunft bringen? Es wird diskutiert. Und gestritten. "Hier zerbrechen Freundschaften", sagt ein Arbeitsloser Ende 20. "Kollegen sitzen in der Kantine nicht mehr an einem Tisch oder schweigen sich im Fahrstuhl an", ergänzt eine Frau. "Ich werde mit 'Ja' stimmen", sagt ein Mann, der vor einer Bank wartet, um Geld abheben zu können. "Dann bist Du kein Grieche", giftet ihn eine  Frau an.

Kann es Griechenland allein schaffen?

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Es geht um alles. Wie entscheidet Griechenland am Sonntag?

(Foto: REUTERS)

Im Kern dreht sich alles um die Frage: Kann Griechenland auf sich alleine gestellt endlich die Wende zum Besseren schaffen, oder kann das nur innerhalb der Europas gelingen. Egal, wie sie abstimmen werden: Viele sind davon überzeugt, dass ein Austritt aus der Eurozone auch zu einem Verlassen der Europäischen Union führen wird.

Die einen wünschen das, andere fürchten das, anderen ist es egal. "Die Kreditgeber haben uns zugrunde gerichtet", sagt ein Mann. Von Demütigung redet er, von Erpressung. Damit spricht er vielen Griechen aus der Seele. "Alleine die Erpressung der Gläubiger ist schon Grund genug, mit 'Nein' zu stimmen", sagt ein anderer. Ein Plakat, dass für ein Nein wirbt, bringt die Stimmung auf den Punkt: Wolfgang Schäuble ist darauf zu sehen. "Fünf Jahre hat er Blut gesaugt. Jetzt sage ihm NEIN",  steht da. So denken hier viele.

Aber nicht alle. Diese Rhetorik finden auch viele Unterstützer der griechischen Regierung für unangemessen. Doch sie sagen: Ein von außen erzwungener, überzogener Sparkurs habe dem Land schwer zugesetzt. Sie verweisen auf einen Wirtschaftseinbruch von 25 Prozent, hohe Arbeitslosigkeit, Lohn- und Rentenkürzungen. "Wir leiden seit fünf Jahren, und es gibt keine Hoffnung, dass es besser wird", sagt ein Mann.

Wie in Zeiten des Bürgerkriegs

"Ich stimme doch nicht mit "Ja", weil ich Sparprogramme toll finde", sagt eine junge Frau. "Aber mit der Drachme wird alles noch schlimmer." So argumentieren die meisten der Griechen, die am Sonntag wie sie entscheiden werden. "Mit dem Grexit werden wir ein Balkan-Land", sagt ein Arzt. Den Sparkurs hält auch er für katastrophal.

Die von Syriza angeführte griechische Regierung trägt nicht gerade dazu bei, die Spaltung in der Gesellschaft zu überwinden. Im Gegenteil. Viele Griechen fühlen sich in die Zeiten des Bürgerkriegs zurückversetzt. Wer sieht, wie sich Politiker verschiedener Parteien bei Diskussionsrunden im Fernsehen anschreien, bekommt eine Ahnung davon, wie groß der Druck ist, der auf vielen Griechen lastet. Die Schlangen vor den Geldautomaten, die Hamsterkäufe in den Supermärkten, die Tankstellen ohne Benzin, das alles scheint unwirklich – und ist doch absurde Realität.

Das letzte Referendum gab es 1974 in Griechenland. Damals, nach dem Ende der Junta, mussten sich die Griechen zwischen Republik und Monarchie als Staatsform entscheiden. "Ich fühle mich genauso wie damals", sagt eine Medizin-Professorin nun.

Quelle: n-tv.de

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