Politik

"Alle Gefühle waren eingefroren" Eine Auschwitz-Überlebende erinnert sich

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Bei der Selektion in Auschwitz-Birkenau wird auch Ditas Familie auseinandergerissen.

(Foto: imago stock&people)

Dita Kraus ist 13 Jahre alt, als die SS sie deportiert. Zunächst nach Theresienstadt, dann nach Auschwitz und schließlich nach Bergen-Belsen. Auch Jahrzehnte später lassen sie die Erinnerungen an diese Zeit nicht los.

Edith Kraus, genannt Dita, ist eine zierliche, elegant gekleidete Frau. Für ihre fast 90 Jahre wirkt sie erstaunlich vital. Sie pendelt zwischen ihren Wohnorten in Tschechien und Israel hin und her, spricht neben Tschechisch, Englisch und Hebräisch fließend Deutsch und mag die Gedichte und Geschichten von Erich Kästner. Doch nach Deutschland kommt sie nicht gern. Zu viele Erinnerungen. An die Zeit in den Arbeitslagern und an das Grauen in Bergen-Belsen, an den Tod vieler Freunde und ihrer Familie. Und doch fährt sie auch in diesem Jahr wieder in das ehemalige KZ Neuengamme, um dort von ihren Erinnerungen zu sprechen.

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Von November 1942 bis Juni 1945 dauert Ditas Martyrium.

(Foto: Dita Kraus)

Geboren wird Dita Kraus am 12. Juli 1929 in Prag als Edith Polach. Ihr Vater Hans ist Rechtsanwalt und überzeugter Sozialdemokrat. Ein Dienstmädchen kümmert sich um den gutbürgerlichen Haushalt. Dita besucht eine deutsche Grundschule. Sie erinnert sich: "Eines Tages lag auf meinem Platz im Klassenraum ein Zettel, darauf stand: 'Du bist eine Jüdin'. Ich hörte das Wort zum ersten Mal. Danach war mein Leben eigentlich nie wieder normal." Dita besucht fortan eine tschechische Schule.

Mit dem Einmarsch der deutschen Truppen in die Tschechei 1939 zerbricht ihre Welt endgültig. Die Polachs verlieren ihre Wohnung und der Vater wird aus dem Staatsdienst entlassen. "Alle paar Tage kamen neue Befehle. Wir mussten Gold und Silber abgeben und sogar unsere Sportgeräte." Dita darf nicht mehr zur Schule gehen: "Das traf mich besonders. Komischerweise war das den Deutschen furchtbar wichtig, dass wir nicht lernen." Die Eltern erwägen nach Südamerika oder Palästina auszuwandern, doch es ist zu spät. "Die Grenzen wurden geschlossen und es war keine Option mehr." Als jüdische Kinder auch keine Parks, Freizeitstätten und Sportanlagen mehr besuchen dürfen, gibt es nur noch den Spielplatz Hagibor im Stadtteil Strašnice, wo sich Dita aufhalten kann. Hier trifft sie auch das erste Mal Fredy Hirsch, ein Mitglied des jüdischen Pfadfinderbundes Deutschland, der sich in der zionistischen Kinder- und Jugendfürsorge engagiert. Er macht mit den Kindern Sport. Zu diesem Zeitpunkt ahnt Dita noch nicht, wie wichtig der junge Mann für sie und viele andere Kinder noch werden wird.

"In den Pritschen saßen Flöhe und Wanzen"

Im November 1942 wird sie mit ihren Eltern nach Theresienstadt deportiert. "50 Kilogramm durften wir mitnehmen, der Rest fiel ans Deutsche Reich", erzählt Dita. Das Ghetto dient als Transitlager für das Vernichtungslager Auschwitz. Die Familie wird getrennt. Dita und ihre Mutter schlafen mit anderen Frauen in einem Zimmer auf dem Boden, der Vater kommt in eine Männerkaserne. Dann hört sie von dem Kinderheim auf dem Gelände, ihre beste Freundin Raya ist auch da. Fredy Hirsch ist dort Leiter der Jugendfürsorge. "Es gab Gesang und Tanz und wir konnten sogar heimlich lernen", sagt Dita. "Was schlimm war, war das Ungeziefer. In den Pritschen saßen Flöhe und Wanzen."

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Dita Kraus bei einem Zeitzeugengespräch im Mai 2018.

(Foto: Britta Lange)

Sie wird zur Arbeit im Gemüsegarten eingeteilt, den gesamten Ertrag müssen die Kinder bei der SS abliefern. "Das Essen war viel zu wenig und wir hatten immer Hunger. Wir haben die Kartoffelschalen an den Ofen geklebt und wenn sie herunterfielen, waren es Chips." 28 Mädchen schlafen zusammen in einem Zimmer auf Drei-Stock-Pritschen. Eines Tages wird ihre Bettnachbarin Martha krank. Sie stirbt kurze Zeit später im Lazarett. "Ihr Vater kam dann oft in unser Zimmer im zweiten Stock. Er setzte sich vor ihr leeres Bett und weinte. Es ist eine der schlimmsten Erinnerungen, die ich habe." Immer wieder verschwinden aber auch Kinder aus dem Heim, die nicht krank sind. Dita macht sich darüber zunächst keine Gedanken: "Ich wusste nichts von Auschwitz. Ich war naiv und wollte es vielleicht auch gar nicht wissen." Erst im Dezember 1943 wird sie mehr erfahren.

Sie trägt die Kleider der Toten

Mit Tausenden anderen Ghettobewohnern werden Dita und ihre Eltern in Viehwaggons gesperrt und in das KZ Auschwitz-Birkenau gebracht. "Man pferchte uns wie Tiere in die Waggons mit einem Eimer in der Ecke. Wir waren zwei Tage in dem Zug und konnten uns nicht hinsetzen, denn man stand ja im Dreck, weil der Eimer natürlich überfloss." Sie kommen in der Nacht an und werden im grellen Scheinwerferlicht eine Rampe hinuntergetrieben. Noch heute erinnert sich Dita an das Geschrei, das Hundegebell und die Männer mit den Stöcken. Sie muss mit ihrer Mutter am nächsten Morgen zum Duschen antreten. Nackt stehen sie zunächst im Freien, bei Minustemperaturen. Nach dem Duschen müssen sie in ein anderes Gebäude, dort bekommen sie Nummern tätowiert. Ditas Nummer ist die 73305, noch heute ist die Zahl auf ihrem linken Unterarm sichtbar.

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Der Kinderblock ist dem KZ-Arzt Josef Mengele unterstellt.

(Foto: dpa)

Im KZ bekommt sie fast nichts mehr zu essen, friert, hungert und muss tägliche Zählappelle über sich ergehen lassen. "Nie stimmte die Zahl. Wir standen stundenlang in den Kleidern der Toten. Wir bekamen auch kein Paar Schuhe mehr, nur noch einzelne Schuhe." Auch hier trifft sie wieder auf Fredy Hirsch, der bereits im September 1943 in das Vernichtungslager deportiert worden war und es geschafft hatte, einen Kinderblock zu organisieren. Der "Block 31" ist dem KZ-Arzt Josef Mengele unterstellt, mit dem Fredy um jede Vergünstigung für die Kinder feilschen muss. Er setzt durch, dass seine Schützlinge Sport treiben dürfen. Dita hält sich fortan tagsüber im Kinderblock auf. "Kinder ab 14 durften Hilfsdienste verrichten. Fredy gab mir die Aufsicht über die kleine Bibliothek." Der Sport und strenge Disziplin prägen den Alltag der Kinder. Es gibt nur kaltes Wasser und ein Handtuch für 20 Kinder. "Aber Fredy bestand darauf, dass wir uns jeden Morgen waschen", so Dita. Die Kinder zeichnen und spielen Theater, es gibt sogar eine Art provisorischen Schulunterricht. "Betreuer, die sich ein Buch gemerkt hatten, gingen von einer Gruppe zur anderen und waren ein lebendiges Buch. Sie erzählten kapitelweise in den Gruppen und die Kinder erwarteten dann schon immer gespannt die Fortsetzung." Fredy Hirsch sieht Dita fast täglich: "Er war ein Vorbild in allem. Er war ein strenger, gerechter und liebevoller Leiter des Kinderheims."

Die Erzieher lassen die Kinder nicht spüren, was außerhalb des Blocks vor sich geht. Doch die menschenverachtenden Zustände, denen die Gefangenen in Auschwitz ausgesetzt sind, bleiben der 14-Jährigen nicht verborgen. Im Februar 1944 stirbt Ditas Vater. Hans Polach wird nur 44 Jahre alt. "Er hatte großes Glück. Er starb vor Erschöpfung und Hunger einen normalen Tod - nicht in der Gaskammer."

"Er wäre niemals aus dem Leben davongelaufen"

Auch Fredy Hirsch sollte nicht mehr lange am Leben bleiben. Er schließt sich einer Widerstandsbewegung aus dem Männer-Lager an, die einen Aufstand organisieren will. Die Männer wollen die Wachen überwältigen, Fredy soll das Zeichen für den Beginn der Revolte geben. Dita erinnert sich: "Er war furchtbar aufgeregt, denn er fürchtete, die Kinder würden alle sterben. Er bat die Häftlingsärzte um ein Beruhigungsmittel, damit er in der Nacht gut schlafen kann. Die Ärzte gaben ihm aber ein zu starkes Mittel und er schlief ein und man konnte ihn nicht mehr wecken." Der Aufstand scheitert. In vielen Quellen, die von dieser Zeit berichten, steht, dass Fredy Hirsch Selbstmord begangen hat. Doch Dita ist davon überzeugt, dass das nicht stimmt. "Er wäre niemals aus dem Leben davongelaufen. Er kam mit allen anderen in der Gaskammer um, aber im Schlaf."

Dita und ihre Mutter erfahren, dass sie im Juni vergast werden sollen. Die beiden leben monatelang mit dem sicheren Tod vor Augen, doch es kommt anders. "Es fehlte an Arbeitskräften, anstatt ins Gas kam der Befehl: Arbeit." Im Juli 1944 werden die beiden Frauen nach Hamburg gebracht. In den Außenlagern des KZ Neuengamme müssen sie Panzersperrgräben ausheben, Bombenkrater füllen und Aufräumarbeiten leisten. Auch hier hungern sie und die Arbeit ist viel zu schwer, aber "in Hamburg waren wir weg von den Gaskammern".

Anfang April 1945 ist der Krieg für die Deutschen verloren. Doch trotz der anrückenden alliierten Truppen läuft die Tötungsmaschinerie weiter. Die SS erhöht sogar noch die Zahl der Deportationen, Todesmärsche und Massenmorde. Dita und ihre Mutter kommen in den letzten Kriegstagen in das KZ Bergen-Belsen. "Dort lagen die Toten schon herum, unbegraben. Es gab keine Zählappelle mehr. Die Menschen saßen auf dem Boden und warteten auf den Tod. Ich sah viele einfach umfallen und sterben." Für die Insassen gibt es überhaupt nichts mehr zu essen. Als die Alliierten das Lager am 15. April befreien, befinden sich mehr als 50.000 Häftlinge auf dem Gelände, ausgehungert und dem Tode nahe. "Die waren nicht auf uns vorbereitet. Meine Mutter sagte, wir dürften nicht von den Konserven essen. Wir verrührten Zucker und Milchpulver und leckten immer nur ein wenig daran. So blieb uns erspart, was vielen anderen noch passierte. Sie starben vom Essen."

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Elisabeth Polach 1936. Sie starb zwei Monate nach Kriegsende.

(Foto: Dita Kraus)

Dita und ihre Mutter ziehen vom Lagergelände in die ehemaligen SS-Kasernen um. Die 16-Jährige beginnt als Dolmetscherin für die britische Armee zu arbeiten. Sie nimmt die Personalien von den SS-Frauen auf. Ihre Mutter, die Englisch, Französisch und Stenografie kann, bekommt Arbeit beim Lagerkommandanten. Dann erkrankt Dita an Typhus. Sie soll im Lazarett behandelt werden, doch ihre Mutter nimmt sie zu sich und pflegt sie gesund. Wie allen Patienten, die in Bergen-Belsen an Typhus erkrankt sind, bietet ihr die schwedische Regierung einen Genesungsaufenthalt an. Dita könnte nach Schweden ausreisen, doch ihre Mutter ist nicht erkrankt und darf sie deshalb nicht begleiten. "Einer der Ärzte sagte uns, sie solle ein paar Tage ins Krankenhaus gehen und dann würde sie eine Bescheinigung bekommen, damit sie auch nach Schweden darf." Elisabeth Polach stimmt zu und lässt sich ins Lazarett einweisen. Als Dita sie am zweiten Tag besuchen will, findet sie nur noch die Kleider ihrer Mutter auf dem Bett vor. "Aus mir kam nur ein Schluchzen, weinen konnte ich nicht mehr. Alle Gefühle waren eingefroren. Sie war gesund. Und nach zwei Tagen war sie tot." Es ist der 29. Juni 1945, zwei Monate nach Kriegsende. Einen Tag später fährt Dita nach Prag.

Das aufgeschobene Leben

Zurück in der Heimatstadt trifft Dita Ota B. Kraus wieder, den sie schon im Ghetto Theresienstadt kennengelernt hat. Sie heiraten kurz darauf. "Ich hätte niemals mit einem Mann zusammensein können, der das alles nicht erlebt hat. Wir haben danach noch sehr oft und sehr viel über die Zeit gesprochen." Dita und Ota gründen eine Familie, wandern nach Israel aus und arbeiten als Lehrer. Für ihre vier Urenkel hat Dita ein Buch geschrieben: "Mein aufgeschobenes Leben", das bald auch auf Tschechisch erscheint. 1999 kommt Dita das erste Mal nach Deutschland zurück, um das Grab ihrer Mutter zu besuchen. Sie weiß nur ungefähr, wo sie auf dem Friedhof am Rand des ehemaligen Kasernenkomplexes begraben ist. "Hier und da gab es Reihen mit Grabsteinen. Da war jemand am 27. Juni gestorben und dann habe ich zwei Gräber weiter gezählt und beschlossen, hier liegt meine Mutter."

Seitdem ist sie schon öfter nach Deutschland gekommen. Jeder ihrer Besuche ist mit Trauer verbunden, aber auch mit zunehmender Fassungslosigkeit: "Zuerst hatte ich keine Wut und keinen Zorn", sagt Dita. "Ich dachte mir, so wars nun mal." Warum das alles geschehen ist, fragt sie sich erst viele Jahre später. "Wie konnte ein Mensch durch die Gucklöcher der Gaskammer schauen und die Mütter beobachten, wie sie ersticken mit ihren Babys? Je älter ich werde, desto unverständlicher ist es mir. Wie konnte das passieren?"

Quelle: n-tv.de