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Geld für Pässe Fließen deutsche Spenden an die Taliban?

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Ohne Pass ist eine sichere Ausreise aus Afghanistan kaum möglich.

(Foto: picture alliance / Xinhua News Agency)

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Die Hilfsorganisation Mission Lifeline ruft über die sozialen Medien dazu auf, Geld für den Kauf afghanischer Pässe zu spenden. Recherchen ergeben: Die Spendengelder scheinen in die Hände einer Terrorgruppe zu fließen.

Seit der Machtübernahme der Taliban vor einem Jahr wollen Hunderttausende Afghaninnen und Afghanen das Land verlassen. Die Wirtschaft liegt komplett am Boden, gut bezahlte Jobs gibt es so gut wie keine mehr. Doch für die Ausreise brauchen die Ausreisewilligen einen Reisepass, den die meisten Afghanen nicht haben.

Dieses Schicksal teilen auch einige ehemalige Ortskräfte, die zwar eine Ausreiseberechtigung haben, jedoch nicht über die notwendigen Passdokumente verfügen. Die Hilfsorganisation Mission Lifeline ruft über die sozialen Medien dazu auf, Geld auf ein Paypal-Konto zu überweisen, um "Familie A." aus Afghanistan zu holen.

Auf der entsprechenden Paypal-Seite schreibt Mission-Lifeline-Vorstand Axel Steier, für einen Pass müssten 800 Euro aufgebracht werden. Für die offenbar siebenköpfige Familie liegt das Spendenziel bei 5600 Euro. Das Problem: Pässe kann man bei der zuständigen Behörde, dem afghanischen Passport Department, nicht einfach kaufen. Man kann die Dokumente beantragen, der Prozess ist langwierig, dafür aber im Verhältnis günstig: Die offiziellen Kosten liegen bei rund 55 Dollar für einen fünf Jahre gültigen Reisepass und bei rund 110 Dollar für einen zehn Jahre gültigen Reisepass. Derzeit werden jedoch kaum neue Reisepässe über das offizielle Verfahren ausgestellt. Mission Lifeline plant daher, Pässe mutmaßlich illegal über sogenannte "Kommission-Kar" zu besorgen. Darunter versteht man Mittelsmänner, die gegen Geld die Pässe besorgen. Steier sagte der "Welt" zwar im vergangenen Jahr, dass man vor Ort eine "Pass- und Visaagentur" beauftrage, die sich für die ehemaligen Ortskräfte bei der Behörde anstelle. Doch RTL/ntv Recherchen ergeben, dass es sich hierbei vielmehr um korrupte Strukturen und den Schwarzmarkt handelt. Der Preis auf dem Schwarzmarkt liegt übereinstimmenden Quellen zufolge zwischen 500 und 2000 Dollar pro Pass.

Innenministerium wird vom Haqqani-Netzwerk kontrolliert

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Für Hinweise, die zur Ergreifung des Taliban-Innenministers Sirajuddin Haqqani führen, hat das FBI eine Belohnung ausgesetzt.

(Foto: picture alliance / abaca)

In Afghanistan geht inzwischen nichts mehr ohne das Wissen und den Segen der Taliban. Nach einer großangelegten Verhaftungswelle ebenjener illegal agierender "Kommission-Kar" im Dezember des vergangenen Jahres wird dieser Geschäftszweig mehreren Quellen vor Ort zufolge nun durch Mitglieder des Haqqani-Netzwerkes kontrolliert, welches seit der Machtübernahme das Innenministerium und damit auch die Pass-Behörde steuert. Selbst unter Taliban-Anhängern gelten Haqqani-Mitglieder als besonders grausam und skrupellos. Auf Sirajuddin Haqqani, den amtierenden Innenminister, hat das FBI nach wie vor ein Kopfgeld in Höhe von zehn Millionen Dollar ausgesetzt. Die Taliban-Bewegung und damit auch das Haqqani-Netzwerk wird weltweit als islamistische Terrororganisation eingestuft, auch in Deutschland. Und genau dieser Umstand könnte Mission Lifeline nun zum Verhängnis werden: Sollten deutsche Spendengelder in die Hände der radikalen Islamisten fließen, wäre das möglicherweise eine direkte finanzielle Unterstützung einer terroristischen Vereinigung.

TV-Tipp

Wie hat sich Afghanistan seit der Machtübernahme der Taliban verändert? Wie geht es den Menschen, vor allem den Frauen und Mädchen, unter der Herrschaft der radikalen Islamisten? RTL/ntv-Reporterin Liv von Boetticher hat das Land zusammen mit ihrem Team mehrere Monate bereist. Die Dokumentation "60 Tage Frauenhass - eine Reporterin bei den Taliban" läuft am 23. August um 22.35 Uhr bei RTL und am 24. August bei ntv.

Mission Lifeline hält Informationen über die genaue Abwicklung zurück: Wie das Prozedere der Passbeantragung laufe, wie die konkrete Adresse der "Pass- und Visaagentur" laute, wie sich die Kosten exakt zusammensetzen, wie die Differenz zwischen den anvisierten 800 Euro pro Pass und den tatsächlichen Kosten von rund 55 Euro zu erklären sei, auf welchem Wege das gesammelte Geld nach Afghanistan gelange, wie viele Spendengelder bereits für den Kauf von Pässen verwendet wurden, wie viele Pässe tatsächlich davon gekauft wurden: All diese Fragen ließ der Anwalt der Hilfsorganisation unbeantwortet. Auch zu der Frage, ob die ausgestellten Pässe den hierzulande geltenden biometrischen Vorgaben entsprächen, wollte sich der Anwalt der Organisation nicht äußern. Die Frage ist insofern relevant, als die Abgabe der biometrischen Daten einen Vor-Ort-Besuch in der Behörde voraussetzt. Doch ebenjener Besuch ist Mission-Lifeline-Vorstand Axel Steier zufolge nicht möglich, weshalb eine Pass- und Visaagentur eingeschaltet werden müsse.

Im November dankte Steier für Spenden in Höhe von mehr als 60.000 Euro für 99 Pässe. Unklar bleibt, wie das Geld nach Afghanistan transferiert wurde. Laut einer Sprecherin des deutschen Bankenverbandes sind Überweisungen von einer deutschen Bank auf afghanische Banken nicht möglich.

Eine weitere Möglichkeit wären Transfers durch Anbieter von Auslandsüberweisungen; doch dort werden aktuell pro Woche und pro Person nur zwischen 200 und 300 Dollar ausbezahlt. Übrig bleiben lediglich zwei Möglichkeiten: Entweder wird Bargeld ins Land gebracht - dafür müssten Mitarbeiter von Mission Lifeline regelmäßig nach Kabul fliegen - oder die Hilfsorganisation könnte auf Geldtransfers mittels des sogenannten Hawala-Bankings zurückgreifen, ein in muslimischen Ländern verbreitetes, auf Vertrauen basierendes System. Beim Hawala-Banking wird das Geld in Form von Bargeld über einen Händler in Deutschland an einen von ihm ausgewählten Partner am Zielort ausbezahlt. Da das System anfällig für Geldwäsche ist, ist es in Deutschland verboten. Besonders die Abwicklung des Geldtransfers dürfte daher für deutsche Ermittlungsbehörden von großem Interesse sein.

Es ist nicht das erste Mal, dass Mission Lifeline mit negativen Schlagzeilen auffällt: Vor zwei Jahren distanzierte sich Claus-Peter Reisch, der jahrelang als Kapitän Seenotrettungsmissionen für die Hilfsorganisation durchgeführt hatte, von der NGO: Vieles sei ihm inzwischen "zu linksradikal". Auch die Suche nach Passfälschern und der Vorwurf, zu Scheinehen mit Flüchtlingen aufzurufen, brachte Mission Lifeline Kritik ein.

Quelle: ntv.de

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