Politik

Pegida bekommt Gegenwind Gauck fordert mehr Mitgefühl

In Dresden versammeln sich so viele "Pegida"-Anhänger wie nie, doch auch der Widerstand wächst. Bundesweit demonstrieren Tausende für Toleranz, der Bundespräsident plädiert für Offenheit. Den Namen "Pegida" nimmt er dabei nicht in den Mund.

Joachim Gauck hat zu Mitgefühl mit den nach Deutschland kommenden Flüchtlingen aufgerufen und indirekt die islamfeindliche Pegida-Bewegung kritisiert. "Dass die Allermeisten von uns nicht denen folgen, die Deutschland abschotten wollen, das ist für mich eine wahrhaft ermutigende Erfahrung dieses Jahres", lobte der Bundespräsident in seiner Ansprache, die am ersten Weihnachtstag ausgestrahlt wird. Darin rief er auch dazu auf, Frieden zu erhalten und womöglich zu stiften.

"Ein deutliches Zeichen für die Menschlichkeit sehe ich darin, dass es mittlerweile so viel Bereitschaft gibt, Flüchtlinge aufzunehmen", sagte Gauck. Er verwies dabei auf "das Elend der unzähligen Heimatlosen und Vertriebenen". Es gehe darum, dass "wir Bedrohten Frieden und Verfolgten Schutz bieten".

"Fürchtet Euch nicht!"

Denjenigen, die sich durch die Entwicklung in der Welt beunruhigt fühlten, wolle er zurufen: "Fürchtet Euch nicht!", sagte der Bundespräsident weiter. Es gehe darum, Ängste ernst zu nehmen, aber nicht, ihnen zu folgen: "Mit angstgeweiteten Augen werden wir Lösungswege nur schwer erkennen." Wer sich aber den Herausforderungen stelle, der "findet auch Lösungen".

Gauck erinnert in seiner Ansprache auch daran, dass die die friedliche Revolution in der DDR vor 25 Jahren gezeigt habe, dass sich Verhältnisse zum Besseren wenden lassen. Mit Blick auf die internationalen Krisenherde mahnt der Bundespräsident: "Kein Friede ist selbstverständlich." Auch der Frieden, den die Deutschen derzeit glücklich und in Freiheit erlebten, sei kostbar. Daraus erwachse zugleich eine Verpflichtung: "Unsere Kultur, unsere Demokratie steht gegen Unfrieden, Hass und todbringende Gewalt."

Widerstand gegen Pegida wächst

Ähnlich äußerten sich die großen christlichen Kirchen. "Ohne Anerkennung des Anderen und Respekt vor jedem Menschen gibt es kein friedliches Zusammenleben", sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, in seiner vorab veröffentlichten Predigt. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Heinrich Bedford-Strohm, erklärte: "Das christliche Europa hat heute die Aufgabe, seinen Umgang mit Flüchtlingen so neu zu ordnen, dass kein Mensch mehr im Mittelmeer ertrinken muss."

Gegen die islamfeindliche "Pegida"-Bewegung formiert sich bundesweit immer mehr Widerstand. In mehreren Städten gingen am Montagabend mehr als 20.000 Menschen auf die Straße, um ein Zeichen für Toleranz und Weltoffenheit zu setzen. Zugleich versammelten sich aber auch in Dresden so viele "Pegida"-Anhänger wie nie. Laut Polizei mobilisierte das Bündnis rund 17.500 Menschen, 2.500 mehr als in der Vorwoche. Dabei werden die Töne schärfer. Insbesondere eine Rede habe an mehreren Stellen den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt, sagte der Politikwissenschaftler Werner Patzelt. Bei der Kundgebung hatten Redner unter großem Beifall auch Bundespräsident Joachim Gauck, Kanzlerin Angela Merkel und Sachsens Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich attackiert.

Feindliche Parolen statt Weihnachtssingen

Angekündigt hatte "Pegida" ein gemeinsames Weihnachtssingen vor der Semperoper. Tatsächlich wurden Verunglimpfungen von Politikern und Beschimpfungen von Journalisten ebenso begeistert bejubelt wie ausländerfeindliche Parolen. Medienvertreter wurden mit dem tausendfach skandierten Ruf "Lügenpresse" begrüßt. Aus Protest gegen die "Pegida"-Veranstaltung zogen 4500 Gegendemonstranten durch die Stadt, rund 400 Menschen kamen zu einem ökumenischen Friedensgebet.

Zeitgleich gingen in anderen deutschen Städten Tausende auf die Straße, um gegen Rassismus und Ausgrenzung zu demonstrieren. Allein in München versammelten sich laut Polizei 12.000 Menschen, die Veranstalter sprachen sogar von 25.000. Am kommenden Montag will "Pegida" auf eine Kundgebung in Dresden verzichten. Das Bündnis "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" wendet sich gegen eine angebliche "Überfremdung" Deutschlands. Unter dem Ruf "Wir sind das Volk" schließen sich seit Wochen immer mehr Menschen diesen sogenannten Montagsdemonstrationen an.

Mehr als 50 DDR-Bürgerrechtler protestierten am Dienstag gegen die Vereinnahmung der friedlichen Revolution. Der Ruf "Wir sind das Volk" habe 1989 für Freiheit, Toleranz und Weltoffenheit gestanden, unterstrichen die Akteure des friedlichen Wandels in der DDR. "Ihr sprecht nicht für '89, ihr sprecht für keine Freiheitsbewegung, ihr seid deren Schande", heißt es am Schluss der Erklärung. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte "Spiegel-Online": "Es geht darum, mit Überzeugung, Leidenschaft und Vernunft für unsere offene Gesellschaft aufzustehen."

Quelle: ntv.de, dsi/dpa/AFP

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