Politik

Marek Halter überlebte die Shoah "Heute werden wieder Schuldige gesucht"

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1933: Nazis rufen in Berlin zum Boykott jüdischer Geschäfte auf.

(Foto: Bundesarchiv)

Er entging knapp der Ermordung durch die Nazis. 75 Jahre danach ist Marek Halter pessimistisch: Die Erinnerung an die Gräuel des Holocausts würden zunehmend in Vergessenheit geraten, sagt er im Interview mit ntv.de. Gleichzeitig seien die westlichen Gesellschaften zunehmend orientierungslos und suchten Schuldige, wie schon einmal in der Geschichte.

ntv.de: Wie sind Sie der Ermordung durch die Nazis entkommen?

Marek Halter: Wir haben lange im Warschauer Ghetto gelebt. Ich wurde 1936 geboren und 1939 sind die Deutschen in Warschau angekommen. Meine Kindheitserinnerungen sind vom Ghetto geprägt.

Wie kam es, dass Sie und Ihre Familien nicht in ein Konzentrationslager gebracht wurden?

Wir sind aus dem Warschauer Ghetto geflohen mit der Hilfe zweier Freunde meines Vaters, zwei polnischer Katholiken. Danach mussten wir zwangsläufig in Richtung der sowjetisch besetzten Gebiete. Dort angekommen, wurden wir erst nach Moskau gebracht und anschließend nach Almaty in Kasachstan deportiert. Dort ist meine Schwester verhungert.

Wann haben Sie zum ersten Mal die Lager in Auschwitz gesehen?

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Marek Halter lebt heute als Autor in Paris. Anfang vergangener Woche hielt er eine Rede in Auschwitz. Die European Jewish Association hatte anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung viele Politiker in das ehemalige KZ eingeladen.

1945 sind wir nach Polen zurückgekommen. Am Ende des Jahres habe ich dann zum ersten Mal die Konzentrationslager gesehen. Es hat damals noch nach verwesenden Leichen gerochen. Ich habe Berge aus Kinderschuhen gesehen. Ich war schockiert. Was viele Menschen nicht verstehen: Die Nazis haben damals nicht nur Menschen, sie haben eine Zivilisation ermordet. Juden haben für Jahrhunderte in Europa gelebt, die Juden waren Teil der deutschen Seele. Goethe hat einmal gesagt: Wer die Evolution der deutschen Sprache verstehen will, muss Jiddisch lernen. All das ist verschwunden. Meine Kultur, das Jiddische, ist fast ausgestorben. Die Juden sind aber noch da, die jüdische Kultur ist lebendig.

Glauben Sie denn, dass man etwas gegen das Vergessen tun kann?

Ich weiß es nicht. Auf der einen Seite ist es doch klar, dass sieben Milliarden Menschen auf der Welt nicht jeden Tag weinen können, weil vor vielen Jahren sechs Millionen Juden getötet wurden. Aber ich bin heute auch sehr pessimistisch. 75 Jahre nachdem das passiert ist, haben wir große Schwierigkeiten, Erinnerungen in Geschichte zu verwandeln. Ich kenne Holocaust-Überlebende, die nicht mehr gerne in Schulen gehen und ihre Geschichte erzählen, weil sie sagen, die Kinder glauben mir nicht mehr, es wird nicht übertragen, es gibt keine Verbindung mehr. Wir Juden werden uns immer daran erinnern. Aber wir sind nur 15 Millionen. Ich weiß nicht mehr, wie ich das, was ich erlebt habe, mit dem Rest der Menschen teilen soll.

In vielen westlichen Gesellschaften wird die Stimmung gegenüber Juden wieder schlechter. Hat das etwas mit dem Vergessen zu tun?

Aber natürlich. Was Goethe auch gesagt hat, war, dass die Juden so etwas wie das Thermometer für die Menschlichkeit einer Gesellschaft seien. So lange sie frei leben können, ihre Hüte, ihre Bärte tragen können, ist die Gesellschaft gesund. Das ändert sich aber gerade. Mein Eindruck ist, dass aus einem Gefühl der Orientierungslosigkeit ein Schuldiger gesucht wird.

Wer ist orientierungslos?

Die westlichen Gesellschaften. Die Menschen wissen doch nicht mehr, wohin sie gehen. Es gibt keine verbindenden Ideologien mehr, keine gemeinsamen Ideen. Sozialismus, Kommunismus, Konservativismus, Liberalismus - das ist alles weitgehend verschwunden. Wenn Sie heute jemanden fragen, "In welcher Welt sollen Ihre Kinder aufwachsen?", wissen doch viele Menschen keine Antwort mehr auf diese Frage. Und in so einer Welt suchen Menschen nach der Ursache für Ungerechtigkeiten, es werden wieder Schuldige gesucht, und da sind sie - wie früher auch schon - schnell bei den Juden.

Und wäre dieser Zustand der Orientierungslosigkeit nicht auch eine gute Grundlage für Politiker, die einen vermeintlichen Weg aufzeigen?

So ist es. Das ist die Saat des Populismus. In so einer Welt ohne Ideologien und Träume haben es jene Persönlichkeiten leicht, die sagen: Wir sind stark, folgt uns. Wladimir Putin oder Donald Trump sind die besten Beispiele. Aber wohin sollen die Menschen denn folgen? Was wollen diese Politiker denn? Ich habe das immer noch nicht verstanden.

Mit Marek Halter sprach Benjamin Konietzny.

Quelle: ntv.de