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Angst vor Strafen in der Heimat IS-Kämpfer gehen im Netz in Deckung

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Wenn sie sich im Internet zeigen, sind die IS-Kämpfer angewiesen, ihr Gesicht zu verhüllen.

(Foto: AP)

Die Zeiten, in denen IS-Kämpfer mit ihrem Einsatz im Dschihad bei Facebook und Twitter prahlten, gehen zu Ende. Denn wer Fotos von sich bei Straftaten postet, stellt sich selbst eine juristische Falle. Die Islamisten gehen nun vorsichtiger vor.

Facebook-Fotos von europäischen Dschihadisten mit Kalaschnikows in der Hand, Videos aus Kampfgebieten in Syrien auf YouTube, islamistische Botschaften per Twitter: Extremistenorganisationen wie der Islamische Staat (IS) und ihre Anhänger haben das Internet im Kampf gegen westliche Staaten zu einer ihrer wichtigsten Waffen gemacht. Doch neuerdings ändern sie ihre Strategie: Nachdem mehrere Kämpfer von den westlichen Sicherheitsdiensten identifiziert werden konnten, haben die IS-Anhänger die Anweisung erhalten, sich im Netz besser zu verstecken beziehungsweise keine für den Kampf wichtigen Informationen zu verbreiten.

"Manchmal konnten wir dank Facebook bestimmte Kämpfer geografisch lokalisieren", berichtet der Anti-Terror-Experte der französischen Kriminalpolizei DCPJ, Philippe Chadrys. "Manche machen den Ort sogar im öffentlichen Teil ihres Accounts publik. Das verschafft uns Informationen, um ihre juristischen Dossiers zu erstellen." Denn vor Ort in Syrien fehle es den westlichen Sicherheitsbehörden an Informanten und somit an Beweisen gegen die Kämpfer, wenn diese später in ihre Heimatländer zurückgekehrt sind.

So wurde im November der 28-jährige Franzose Flavien Moreau zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt - nur auf der Basis von Beweisen, die der einstige Syrien-Kämpfer selbst ins Internet gestellt hatte. Viele junge Leute, die vor einigen Monaten noch Filme von sich mit Kalaschnikows oder Fotos mit hingerichteten Toten verschickt hatten, stellen nun fest, dass sie damit ihre eigene Anklageschrift schreiben, sollten sie eines Tages nach Europa zurückkehren wollen.

Facebook verliert an Bedeutung

Die Extremistenorganisationen IS und Al-Nusra gaben ihren Kämpfern nach Angaben von Sicherheitsexperten daher inzwischen die Anweisung, ihre Auftritte im Netz zu begrenzen, weniger Orte zu nennen und Gesichter zu zeigen sowie die Meta-Daten ihrer Botschaften zu löschen. Darüber hinaus nutzen die für ihre Gräueltaten bekannten Extremistenmilizen zunehmend Bereiche im Internet, die durch Verschlüsselung geschützt sind.

"Wir fangen an, die Abwendung von Facebook festzustellen", sagte Anti-Terror-Ermittler Chadrys dieser Tage vor einer Parlamentskommission in Paris. "Sie setzen mehr und mehr auf Skype oder WhatsApp, Programme, die viel schwieriger abgefangen werden können." Zudem stellen die Sicherheitsbehörden demnach auch fest, dass die Islamisten sich immer besser mit Informatik auskennen. "Sie beherrschen immer besser Verschlüsselungstechniken und die Methoden zur Löschung von Daten."

IS-Kampagne klärt auf

Die Anwendung von Verschlüsselungstechniken macht Ermittlungen weitaus schwieriger. Die Polizisten können zwar Experten für Informationstechnik anfordern, aber oft fehlt ihnen Personal. Das bremst die Ermittlungen und verringert die Zahl derjenigen, die überwacht werden könnten. "Die Terroristen passen sich an, sie verstehen, dass Telefon und Internet praktisch sind, aber gefährlich", erläutert Chadrys. So habe der mutmaßliche Attentäter des Jüdischen Museums in Brüssel, der Franko-Algerier Mehdi Nemmouche, weder ein Handy noch einen Facebook-Account gehabt.

Im vergangenen Herbst hatte die Miliz IS ihren Anhängern unter dem Titel "Kampagne zur Vorsicht mit Medien" die Anweisung gegeben, keine Namen von genauen Orten mehr zu twittern, Gesichter unscharf zu machen oder nicht zu viele Details zu laufenden Operationen zu verbreiten. "Sicherheitsmängel sind aufgetreten, die der Gegner ausgenutzt hat", hieß es in dem Text auf Arabisch. "Die Identität mancher Brüder wurde gefährdet." Das Problem betreffe nicht nur Fotos, sondern auch PDF-Dateien, Word und Videos.

Helle Dale vom Think Tank Heritage Foundation in den USA schrieb in einem Bericht, dass die Internet-Überwachung ein "entscheidender Faktor" im Kampf gegen IS sei. Die Gruppe sei aber dabei, "ihre Kommunikationsstrategie zu ändern". Neben weniger Auftritten im Internet und Verschlüsselungstechniken würden die Extremisten inzwischen auch auf Techniken zurückgreifen, "die die Botschaften - kurz nachdem sie abgeschickt wurden - zerstören".

Quelle: n-tv.de, Michel Moutot, AFP

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