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Syrerin erzählt von Flucht "Ich würde mich wieder in ein Boot setzen"

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Mit Booten wie diesen bringen die Schlepper die Flüchtlinge nach Europa.

(Foto: picture alliance / dpa)

Maya Alkhechen saß mit 300 Personen tagelang in einem Boot. Sie erzählt von ihrer Tour über das Mittelmeer - einem Kampf gegen Todesängste, Kälte und den eigenen Körper. Von den Schleusern schwärmt sie.

Mehr als 1500 Flüchtlinge starben in diesem Jahr bereits im Mittelmeer. Weitere dürften folgen, denn das Geschäft der Schlepperbanden floriert. Angeblich warten allein in Libyen bis zu eine Million Menschen auf einen Platz im Boot. Maya Alkhechen hat die Odyssee hinter sich. Den Schleppern ist sie bis heute dankbar. Sie brachten die Syrerin und ihre Familie 2013 über das Mittelmeer – gemeinsam mit 300 Personen in einem kleinen Fischerboot.

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Maya Alkhechen gelang 2013 mit einem Schlepperboot die Flucht über das Mittelmeer.

(Foto: imago/Stefan Zeitz)

Die Geschichte endet nicht nur in Deutschland, sie beginnt auch hier: Alkhechen wächst in Essen auf. Mit sechs Jahren war sie mit ihrer Familie nach Deutschland geflohen. Weil sie nur geduldet wird, kann sie zwar Abitur machen, darf aber weder studieren noch eine Ausbildung beginnen. Mit 22 kehrt sie freiwillig nach Syrien zurück. In Damaskus arbeitet sie als Dolmetscherin, lernt ihren späteren Mann Ashraf kennen, heiratet und bringt zwei Kinder zur Welt. Sie haben ein Grundstück mit Haus und führen ein glückliches Leben, bis 2011 der syrische Bürgerkrieg beginnt. Die Familie beschließt, das Land zu verlassen. Mit dem Taxi fahren sie in den Libanon. Von dort fliegen sie nach Kairo. Eigentlich soll Ägypten nur eine Zwischenstation sein.

Maya Alkhechen nimmt Kontakt zur deutschen Botschaft auf, sie will ihre Situation erklären. Doch sie erhält eine Absage. In dem Schreiben steht, sie könne erst auf deutschem Boden Asyl beantragen. Die Alkhechens geben auf. Sie versuchen Jobs zu finden. Vergeblich. "Es tut uns leid, wir dürfen keine Syrer anstellen", heißt es häufig. Die Geldvorräte gehen bald zur Neige. Die Familie steht vor der Wahl: Rückkehr in den Bürgerkrieg oder in Kairo auf der Straße leben. "Beides wäre der sichere Weg in den Tod gewesen", sagt Maya Alkhechen. Aber es tut sich noch eine dritte Option auf.

Vollpension an Bord

Davon erfahren sie durch Zufall. Die syrischen Männer aus der Nachbarschaft treffen sich oft abends im Garten. Eines Tages fehlen zwei Bekannte. Als Ashraf Alkhechen nach ihnen fragt, heißt es: "Die sind schon in Italien." Er erfährt von Schleusern, die Flüchtlinge über das Mittelmeer bringen. Gleich am nächsten Montag solle das nächste Boot ablegen. Ein Kontaktmann sagt: "Ihr seid nur mit 80 Leuten auf dem Boot, bisher haben sich noch nicht so viele angemeldet." Die Familie hat kaum Zeit zu überlegen. "Mir war klar, dass wir zu 80 Prozent ertrinken würden, aber immerhin gab es einen kleinen Hoffnungsschimmer", erzählt Maya Alkhechen.

2000 Euro pro Erwachsenem, 500 Euro pro Kind. Bezahlung erst nach Ankunft. "Dadurch war es ja im Interesse der Schleuser, dass wir ankommen." Die Familie leiht sich Geld von Freunden. Anfang September geht es los. Die Schleuser bringen sie in die Küstenstadt Alexandria. Dort verbringen sie zwei Tage in einer Wohnung, die sie nicht verlassen dürfen. Maya Alkhechen packt zwei Rucksäcke. Jacken für die Kinder, Datteln, Trinkpäckchen mit Milch und Brot. Eines Nachts werden sie abgeholt. Ein kleines Boot fährt die Flüchtlinge auf das Meer hinaus. Nach einer halben Stunde steigen sie in ein zweites Boot um, nach weiteren 30 Minuten wechseln sie auf ein größeres Fischerboot. Rund 25 Meter lang, 8 Meter breit.

Hier verbringen die Alkhechens die nächsten Tage. Das Boot soll sie gemeinsam mit 300 anderen Personen nach Italien bringen. Es gibt eine Toilette. Die Flüchtlinge sitzen auf dem Deck, auf nassem Boden, eng aneinandergepresst unter offenem Himmel. "Wir konnten uns kaum bewegen, nur sitzen und warten", erzählt Maya Alkhechen. Immer wieder nickt sie ein. Als sie wieder aufwacht, hat sie die Füße ihres Sitznachbarn auf ihrem Schoß.

Ihr Mann Ashraf umklammert eines ihrer Kinder, sie das andere. Die Syrerin erzählt von den weinenden Menschen, den schreienden Kindern und ihren Ängsten. Welches Kind schnappt sie sich zuerst, wenn das Boot sinkt: den zwei- oder den fünfjährigen Sohn? Oder müssen die beiden mit ansehen, wie ihre Eltern ertrinken? Maya Alkhechen wird seekrank, bekommt eine Mittelohrentzündung und muss sich ständig übergeben. "Ich war total durchgefroren. Die Wellen schlugen über den Rand des Bootes und das Wasser lief mir den Nacken runter. Ein anderer Mann gab mir seine Jacke und sagte 'Du stirbst doch sonst'." Das werde sie nie vergessen. Auf dem Boot entwickelt sich ein familiärer Zusammenhalt. "Wenn die Nachbarin geweint hat, habe ich sie getröstet. Andere Menschen haben unseren Kindern Kekse gegeben."

"Die Wellen spielten mit dem Boot"

Auch über die fünf Schleuser spricht Maya Alkhechen positiv. Morgens und abends erhalten die Passagiere Brot mit Käse, mittags gibt es Reis, der in einer kleinen Küche gekocht wird. "Wir hatten viel Glück, dass unsere Schleuser so menschlich waren." Eine Frau, die bei der Überfahrt stirbt, wird nicht über Bord geworfen. Die Männer wickeln ihre Leiche ein und verstauen sie in einer Kabine. Als es Maya schlecht geht, geben die Schleuser ihrem Mann eine Zitrone. "Die soll sie essen, sonst kommt sie nicht durch", raten sie.

Dennoch gibt es Komplikationen. Weil das Boot so überfüllt ist, geht der Motor ständig aus. "Die Wellen spielten mit dem Boot. Eine krasse Welle, und wir wären umgekippt und ertrunken", sagt sie. Einmal versagt der Motor völlig. Die Schleuser setzen sich zu den Flüchtlingen auf den Boden. Entweder wir werden gerettet oder wir sterben, sagen sie. Nach einigen Stunden zieht ein italienisches Schiff das Boot aus dem Wasser und bringt sie nach Sizilien. Eigentlich sollte die Überfahrt drei Tage dauern, am Ende sind es sieben.

In Italien trennen sich die Wege der 300 Passagiere. Mit einigen haben die Alkhechens noch heute Kontakt. Obwohl sie keine Pässe haben, kann die Familie die Notaufnahme verlassen. Sie kaufen sich Fahrtkarten, mit einer Fähre setzen sie über zum Festland, ein Bus bringt sie nach Rom, von dort nehmen sie den Zug nach Deutschland. Ende September ist die Odyssee endlich überstanden, sie erreichen Mayas Großeltern in Essen.

Nach dem Flüchtlingsunglück am Wochenende muss sie wieder an ihre erfolgreiche Flucht denken. Sie versteht jeden, der in Afrika in ein Schlepperboot steigt. "So etwas tut man nicht aus Lust und Laune. Das machen nur Menschen, die alles verloren haben. Es gibt keinen anderen Weg." Maya Alkhechen und ihre Familie wurde inzwischen anerkannt, sie dürfen normal arbeiten und studieren. Die 31-Jährige würde die Fahrt über das Mittelmeer wieder riskieren. Die Debatte darüber, wie man die Schleuser aufhalten könnte, findet sie scheinheilig. Gäbe es legale Wege nach Europa, hätten die Schleuser nichts mehr zu tun. Dann wäre ihr Geschäft am Ende. "Ihr seid doch schuld daran, dass die so viel Geld verdienen", schimpft sie - und meint die Europäische Union.

Quelle: n-tv.de

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