Politik

Auch Italien kennt "Mutti" In der Achterbahn mit Angela Merkel

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Buchvorstellung in einem Buchladen in Rom: "L'inattesa" stößt auf Interesse.

(Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Die Gefühle der Italiener für die deutsche Langzeitkanzlerin waren ein ständiges Wechselbad. Auf uneingeschränkter Hochachtung folgte entrüstete Ablehnung. Zum Abschied versucht ein Buch, "die Unerwartete" zu erklären.

Auch in Italien fragt man sich, nicht ganz ohne Sorge, was aus Deutschland und der EU wird, jetzt wo Angela Merkel das Ruder nicht mehr in der Hand hält. Was die Gefühle der Italiener gegenüber der Kanzlerin betrifft, kann man sie mit einer Achterbahn vergleichen. Einer beinahe grenzenlosen Hochachtung konnte über Nacht eine totale Ablehnung folgen. Mal wünschten sich die Italiener auch in Rom einen Regierungschef, der genauso "teutonisch" regiert wie die Kanzlerin, die ihre Truppe fest im Griff hatte. Mal wurde sie zur verhassten Klassenbesten, deren Ziel es war, die ganze EU zu unterjochen, zu germanisieren.

Wörter wie "Hausaufgaben" gehörten in den entsprechenden Krisenzeiten auch in Italien zum Alltagsvokabular. Auch Spitznamen für Merkel wie zunächst "Kohls Mädchen" und später "Mutti" wurden von den italienischen Medien übernommen, und zwar dankend, denn mit ihnen konnte man der Berichterstattung aus Berlin ein wenig Farbe verleihen.

"Die Unerwartete"

Damit den Italienern der Abschied nicht so schwerfällt, hat die Journalistin Tonia Mastrobuoni ein Buch über die Bundeskanzlerin geschrieben. Es trägt den Titel "L’inaspettata", die Unerwartete - ein Begriff, den die Merkel-Vertraute und ehemalige Bundesbildungsministerin Annette Schavan im Gespräch mit Mastrobuoni verwendete. Passender könnte er nicht sein, denn mehr als unerwartet war nicht nur Merkels Aufstieg, sondern auch ihr politisches Talent.

Mastrobuoni, Deutschlandkorrespondentin der italienischen Tageszeitung "La Repubblica", stellt Merkel nicht nur aus einer italienischen Perspektive dar, sondern auch aus einer weiblichen. Eine gewisse Solidarität ist unbestreitbar, wenn sie über den Andenpakt berichtet, dessen ausschließlich männliche Mitglieder sich bereits Ende der 1970er Jahre verbündet hatten - und die Merkels Auf- und den eigenen Abstieg dennoch nicht verhindern konnten. Die Mitglieder des Andenpakts standen auch hinter dem Putschversuch gegen ihre Kanzlerkandidatur 2002. Wie Merkel diesen mit dem legendären Wolfratshauser Frühstück im Heim von Edmund Stoiber verhinderte, "war ein wahres politisches Bravourstück", wie die Autorin schreibt. Jahre später war es der Soziologe Ulrich Beck, der diesen Stil mit dem Begriff "Merkiavellismus" auf den Punkt brachte.

Was vor allem für deutsche Leser bekannt sein dürfte, ist aus italienischer Sicht mitunter eine überfällige Richtigstellung. "Es stimmt nicht, dass Merkel nach der Wende einfach so in die Politik hineingestolpert ist", schreibt Mastrobuoni. Sie habe sich sehr wohl schon in den Monaten vor dem Mauerfall umgehört, nur eben an nichts gebunden. Auch was den "Vatermord" an Helmut Kohl betrifft, distanziert sie sich vom gängigen Urteil: "Merkel wird als undankbarer Schützling mit dem Dolch unter der Kutte dargestellt. Dabei unterschätzt man die Dramatik jener Wochen, die dem ruhmlosen Ende Kohls vorausgingen." Zu selten gehe es darum, Kohls immense Schuld an der ganzen Sache und die Panik, die die CDU erfasst hatte, zu ergründen. Dabei war hier das italienische Vorbild für Merkel eine Warnung: In Italien hatte der Korruptionsskandal "Tangentopoli" die Christdemokraten weggefegt. Die CDU musste befürchten, dass ihr nun ähnliches blühte.

Mastrobuoni hält sich aber auch mit Kritik an Merkel nicht zurück und kratzt mit wohlbekannten und nicht immer schmeichelnden Spitznamen am Bild der Kanzlerin. Begriffe wie "Zauderkünstlerin" und "Physikerin der Macht" sind für den Italiener zwar teuflische Zungenbrecher, aber übersetzt weiß jeder, was damit gemeint ist. Merkels Art, jedes Problem bis ins kleineste Detail zu sezieren, bevor sie eine Entscheidung trifft, "hat sich nicht immer als der beste Weg erwiesen", heißt es im Buch mit Verweis auf die Finanzmarktkrise, die Griechenland-Rettung und die Euro-Krise, die der EU von 2008 bis 2012 den Schlaf raubte.

Die Machtpolitikerin

Gezaudert habe Merkel aber vor allem in der EU. Wenn es um ihre Machtposition in Deutschland ging, sei sie sehr wohl zu schnellen Entscheidungen fähig gewesen, meint Mastrobuoni. "Was damals, Anfang Oktober 2008, niemand wusste ist, dass die Kanzlerin, die sich auf europäischem Parkett langsam und widerwillig zeigte, etwas zu unternehmen, die Krise in Deutschland in Windeseile anpackte und zwei großzügige Konjunkturpakete verabschiedete." Und auch alles daransetzte, von der EU grünes Licht für das milliardenschwere Rettungspaket der deutschen Kreditinstitute zu bekommen. Jahre später, erinnert die italienische Journalistin, klopfte Rom mit derselben Bitte an Brüssels Tür, wurde aber abgewiesen. Ein Vorfall, der für die Italiener bis heute ein wunder Punkt ist und den damals sowieso schon großen Unmut gegenüber Merkel und ihrer Austeritätspolitik noch verstärkte.

Während sich Merkel auf internationaler Ebene taktisch bewegt, lässt sie sich zu Hause oft von der Öffentlichkeit jagen. Ein Beweis dafür ist für Mastrobuoni die japanische Nuklearkatastrophe in Fukushima im März 2011. Nur sechs Monate zuvor hatte Merkel die Verlängerung der Laufzeit der Atomkraftwerke in Deutschland durchgesetzt - nach Fukushima machte sie diese schlagartig rückgängig. Aus dieser Perspektive könnte man auch ihren Entschluss bewerten, den Migranten, die im Spätsommer 2015 über den Balkan nach Europa und vor allem nach Deutschland wollten, die Tore zu öffnen. Auch bei diesem Thema machte ihr die Gesellschaft Druck, sich endlich selber in ein Aufnahmelager zu begeben. Mastrobuoni erinnert an den Vorfall mit dem Flüchtlingsmädchen im Juli zuvor, an die tollpatschige Antwort der Kanzlerin, die es zum Weinen brachte, und an den Spitznamen "Eiskönigin", der ihr danach verpasst wurde. Neben Empathie und Solidarität hat ihr zufolge sicher auch die öffentliche Meinung zu ihrem Entschluss geführt, die Migranten aufzunehmen und "wir schaffen das" zu verkünden.

Unterm Strich fällt Mastrobuonis Urteil über Merkel positiv aus, wenngleich man das eher durch die Zeilen liest. Letztlich überlässt sie es dem Leser, sich anhand der in Erinnerung gebrachten Fakten und Geschehnisse eine Meinung zu bilden. Und so könnte, wo die Kanzlerin in den Ruhestand geht, ihre italienische Achterbahnfahrt mit diesem Buch ein harmonisches Ende nehmen.

Quelle: ntv.de

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