Politik

"Hart aber fair" zum Klima Klima gerettet, Gesellschaft kaputt?

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Plasbergs Gäste, v.l.n.r.: Peter Altmaier, Leonie Bremer, Daniel Stelter, Petra Pinzler, Matthias Miersch

Dass in Sachen Klimaschutz eher früher als später mehr passieren muss, ist mittlerweile allgemein akzeptiert. Aber wie soll das gehen, ohne dass die Gesellschaft am Ende daran zerbricht?

Schon wieder Klima, schon wieder im Ersten: Nach "Anne Will" am Sonntag beackert auch Montagstalker Frank Plasberg bei "Hart aber fair" eines der derzeit heißesten Themen auf dem politischen Parkett. Allerdings hören die Gemeinsamkeiten an der Stelle auch schon auf, denn während die Will-Sendung vom Vorabend mit "audiovisuelle Vollkatastrophe" eigentlich noch zu gnädig umschrieben ist, lassen sich aus dem Montagstalk tatsächlich echte Erkenntnisse ziehen.

Aber von vorn: Dem Ruf in Plasbergs Studio sind der Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Matthias Miersch, der Ökonom Daniel Stelter, die "Fridays for Future"-Aktivistin Leonie Bremer sowie die "Zeit"-Journalistin Petra Pinzler gefolgt. Später in der Sendung darf der Profisegler Boris Herrmann dann noch davon berichten, wie er Greta Thunberg pünktlich zum UN-Klimagipfel in New York über den Großen Teich geschippert hat.

Herrmann jazzt die schwedische Klimaaktivistin zur Überfigur hoch: Alle im fünfköpfigen Team, der Kapitän eingeschlossen, hätten während der Überfahrt mit Seekrankheit zu kämpfen gehabt - nur Thunberg nicht, die hätte nur gelächelt und an ihre Mission gedacht. Dass Thunbergs Segeltörn wegen der Flugreisen von Herrmanns Team am Ende viel klimaschädlicher war als ein Flugticket nach New York, will der Segler nicht gelten lassen: "Die Leute verwechseln Greta und uns: Sie ist die Klimaaktivistin, wir haben als Segelteam unser Versprechen eingelöst, sie hinzubringen." Wie auch immer, dieser Teil der Sendung ist tatsächlich der schwächste - abseits von Herrmanns zweifelhafter Heiligsprechung geht es auf angenehme Art und Weise rund.

"Wir brauchen weniger Verkehr"

Das hat mit Sicherheit auch damit zu tun, dass vor allem den beiden Politikern in der Runde deutlich anzusehen ist, wie schwer ihnen der Umgang mit der 22-jährigen Bremer fällt. Auf der einen Seite wissen sie um den Einfluss, den die "Fridays for Future"-Aktivisten vor allem unter jungen Wählern haben und buhlen teilweise fast schon unangenehm offensichtlich um die Gunst der jungen Studentin. Andererseits sind Altmaier und Miersch Realpolitiker durch und durch und können es sich auch wegen ihrer Regierungsverantwortung nicht leisten, auf alle Forderungen der Aktivistin einzugehen.

"Ich bin bei Greenpeace ausgebuht worden, ich bin in der Lausitz ausgebuht worden. Da sind verschiedene gesellschaftliche Interessen, die wir irgendwie zusammenbringen müssen", bringt zum Beispiel Miersch die schwierige Gemengelage auf den Punkt. Der SPD-Umweltexperte fürchtet eine weitere Polarisierung der Gesellschaft, "und dann verlieren wir alle." Denn längst nicht jeder steht so geschlossen hinter Bremer und ihren Mitstreitern, wie das die Berichterstattung derzeit bisweilen vermuten lässt. In einer n-tv-Umfrage gaben am Montag etwa gerade mal 17 Prozent der Befragten an, bereit zu sein, mehr für den Klimaschutz zu bezahlen.

Das aber ist es, was die "Fridays for Future"-Aktivisten so vehement fordern. Bremer sagt zum Beispiel: "Wir brauchen grundsätzlich weniger Verkehr, und dafür muss der ÖPNV ausgebaut werden. Es hilft doch nicht, die Straßen mit Elektroautos zuzupflastern." Um auch ländliche Regionen mit einem belastbaren ÖPNV-Netz zu versorgen müsste der Bund aber viel Geld in die Hand nehmen - das wiederum würde aus Steuereinnahmen kommen. Und hier tritt das Dilemma erst so richtig deutlich zu Tage: Wir wissen, dass der Klimawandel existiert. Wir wissen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, dass er menschengemacht ist. Und wir ahnen auch, dass es ohne Wachstumsschmerzen keine Veränderung geben wird.

Aber "man kann keine Politik machen, ohne die Sorgen und Ängste der Menschen ernstzunehmen", beschreibt Wirtschaftsminister Altmaier das Dilemma der Politik in diesen Tagen - und verweist auf europäische Nachbarländer, in denen das nicht geschehen sei und die deswegen noch verzweifelter mit aufkeimendem Populismus zu kämpfen hätten als Deutschland. Eine allgemeinverträgliche und gleichzeitig klimafreundliche Lösung können die beiden Politiker zwar nicht präsentieren, verweisen aber hoffnungsvoll auf Freitag - also den Tag, an dem die Klimaschutzkonzepte von Union und SPD in ein Klimaschutzgesetz gegossen werden sollen.

"Innovation statt Vermeidung"

Ein Gesetz, das Daniel Stelter nicht überzeugt: "Eine Nation wie Deutschland sollte doch nicht verzweifelt versuchen, die zwei Prozent am weltweiten Ausstoß zu reduzieren", sagt der streitbare Ökonom. Er fordert "Innovation statt Vermeidung" und möchte stattdessen CO2-absorbierende Technologien Made in Germany, mit denen sich die weltweiten Emissionen dann "um zehn Prozent" herunterfahren ließen. Petra Pinzler interessiert sich derweil am meisten für die Einführung einer CO2-Steuer: "Werden wir es schaffen, CO2 einen Preis zu geben? Und werden wir es schnell schaffen?", will die "Zeit"-Journalistin wissen, die im Selbstversuch mit ihrer Familie ihren ökologischen Fußabdruck von elf auf sieben Tonnen CO2 reduziert hat.

Apropos CO2-Fußabdruck: Während Klimaaktivistin Bremer den ganzen Abend scharf austeilt und zum Teil unangenehm offensiv ihre moralische Überlegenheit demonstriert, muss sie bei der Frage passen, wie hoch ihr eigener CO2-Fußabdruck eigentlich sei. Einen Test habe sie nie gemacht, aber "bestimmt sehr niedrig", murmelt Bremer kleinlaut. Mit gutem Beispiel vorangehen geht anders. Der letzte - nicht ganz neue - Satz gehört aber trotzdem der Studentin, ganz einfach, weil er so ein schönes Bild malt: "Wir haben jetzt oft gehört, dass Klimaschutz einschränkend ist. Aber auch Anschnallen wurde so empfunden und hat doch Tausende gerettet."

Quelle: n-tv.de

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